Mehr Kinder – weniger Staat

Ermutigung zu neuen Formen der Arbeitsteilung

In Westeuropa kommen seit Mitte der siebziger Jahre immer weniger Kinder zur Welt, und heute sind – nach allen Berechnungen – die auf dem Umlagesystem beruhenden Altersrentensysteme akut gefährdet. Zurückgeführt werden kann die Kinderknappheit auf folgende Tatsachen. Erstmals in der europäischen Geschichte sind die jungen Frauen gleich gut ausgebildet wie die Männer. Wenn sie sich in dieser Situation für Kinder entscheiden, heisst das, die Rolle des Berufes mit jener der Mutter zu kumulieren oder den Beruf hintanzustellen. Da wählen viele den Beruf. Je anspruchsvoller die Ausbildung, um so weniger Kinder haben Frauen in Mitteleuropa. Der Engpass liegt also bei den jungen Vätern. Solange diese ihre Rolle während der ersten paar schwierigsten Jahre der Kinderbetreuung nicht ändern, stirbt Europa reich und hochgebildet aus.

Eine Änderung dieser Fehlentwicklung ist an zwei Voraussetzungen geknüpft. Erstens sollten die Männer wie die Frauen während der ersten Jahre der Kleinkinder nur etwa zu 70 Prozent arbeiten und in der übrigen Zeit Familienarbeit leisten und zweitens müssen Tagesschulen und Vorschulstrukturen geschaffen werden, die den neuen Formen der Arbeits- und Rollenteilung entsprechen. Es ist kein Zufall, dass in Frankreich, Skandinavien und in den angelsächsischen Ländern sowohl die Geburtenrate nahe an den für die Stabilität der Bevölkerung nötigen zwei Kindern pro Frau liegt und gleichzeitig die Frauen häufiger einer vollen Beschäftigung nachgehen können.

Die beiden Vorschläge beruhen auf folgenden Überlegungen. Teilzeitlich arbeitende Männer können sehr wohl auch für die Arbeitgeber attraktiv sein. Warum? Partiell arbeitende Jungväter sind loyal. Auch wenn die Bereitschaft von Firmen zunimmt, Teilzeitstellen für Männer zu schaffen, sind solche Stellen noch keine Selbstverständlichkeit. Wer daher eine solche Stelle hat, wird versuchen, sie zu behalten. Damit entfallen für die Firma Such- und Einarbeitungskosten für neue Mitarbeiter und Kader. Sie muss keine Konkurrenzierung durch abwandernde Spezialisten befürchten. Ausserdem dürften Paare, die zu gleichen Teilen an der Haus- und Kinderarbeit partizipieren, viel zuverlässiger sein, weil sie es gewohnt sind, sich und ihr Umfeld sorgfältig zu planen.

Teilzeitarbeitende Väter erwerben beim Kinderbetreuen neue Fähigkeiten. Ganz hautnah erlernen sie Logistik, wenn sie Kinderkleider besorgen, saubermachen und sich bereit halten müssen, Einkäufe oft Tage im voraus zu tätigen und den Tagesablauf für alle Eventualitäten, auch bei Erkrankungen, zu planen. Mit den eigenen Kindern, mit den Absprachen mit Nachbarn und Betreuern müssen sie das ABC von Humanresources, Motivation und Mediation erwerben und durchspielen. Ganz neue Arten des Verkehrs mit Behörden und Schulen sind zu meistern, und tägliches, ja stündliches Krisenmanagement gehört zu den permanenten Herausforderungen. Dies alles sind Tätigkeiten und Erfahrungen, die unternehmerisch nutzbringend gemacht werden können.

Die geregelte Fabrikarbeit der alten Industriegesellschaft ist Geschichte. Die Entwicklung neuer Arbeitsformen begünstigt unterteilbare Arbeitspensen – Arbeit im Auftrag, in befristeten Verträgen, auf Projektbasis, Telearbeit, Schichtarbeit in allen Formen, Samstags- und Sonntagsarbeit, Arbeit auf Abruf, neue Selbständige und Halbselbständige. Das Thema «firmeninterne Frauenförderung» wird immer überflüssiger. Gleiche Karrieren werden den Frauen auch gleiche Löhne, gleiche Chancen bringen, ohne dass noch viel darüber geredet werden müsste.

Das Modell der Teilzeitarbeit muss auch oberen Kadern zugänglich gemacht werden. Der Ruf nach einer permanenten Anwesenheit aller Kader («Management by Landsgemeinde») ist das Merkmal veralteter Führungsformen, bei denen der Patriarch nicht plante und dafür alle Kaderleute um sich versammelte, wann immer es etwas mitzuteilen, abzumachen oder auszutauschen gab. Diese Funktionen und Abläufe werden heute durch die Informationstechnik zeit- wie ortsunabhängig gelöst. Die Diktatur von feinst getrennter Arbeitszeit und Freizeit löst sich auf – sie war ein vergänglicher Triumph der alten Industriegesellschaft. Die künftige Arbeit wird als Projekt organisiert, bestellt, bezahlt und abgewickelt – wie, wann, wo wird unerheblich.

Aus diesen Gründen können sich obere Kader darauf konzentrieren, den grossen Rahmen zu bestimmen und die zeitliche und örtliche Präsenz flexibel zu handhaben. Dies alles wirkt sich auch auf die «Ökonomie» der Arbeitsteilung eines Paares aus. Mit einem Haushaltseinkommen von ca. 150 Prozent ist dieses Modell auch für den unteren Mittelstand, und je nach Umständen sogar für ärmere Paare möglich. Für Paare aus den Schichten der working poor hat die moderne Sozialpolitik die «negative Einkommenssteuer» ersonnen, die in angelsächsischen Ländern eine arbeitsanreizende, die Geldausfälle kompensierende Hilfe darstellt und in den USA die Kinderarmut millionenfach verhindert.

Ein Haushaltseinkommen von 150 Prozent erlaubt auch private Vorkehrungen – Haushalthilfen zu bezahlen, ausserfamiliäre Betreuungsmöglichkeiten zu suchen, private Krippen zu finanzieren. Auf keinen Fall dürfen solche Betreuungsstellen aber an Diplome gekettet werden, wie in den meisten Kantonen und Städten der Schweiz. Damit werden sie teuer, die Betreuer werden ausgesiebt, spontane Lösungen im Quartier sind unzulässig und die Kinderhüte-Arbeit wird verstaatlicht.

Der Staat kann sich auf die Tagesschulen und allenfalls ein Krippenangebot beschränken; selbstverständlich soll das Steuerrecht den Eigenaufwand solcher junger Familien begünstigen, nicht bestrafen – aber weitere staatliche Eingriffe braucht es nicht. Es braucht keine bezahlten Elternurlaube, es braucht kein Recht, nach einem solchen Urlaub wieder genau die alte Stelle zu besetzen, es braucht weder die Giesskannensubvention noch höhere vereinheitlichte Kinderzulagen. Solche Verrechtlichungen verteuern die im Alten Europa ohnehin schon mit hohen Sozialabgaben belastete Arbeit noch mehr und führen eher zu Stellenabbau als zur Schaffung neuer Stellen.

So edel auch alle Motive der finanziellen Frauen- und Geburtenförderung sein mögen, sind sie ihrem Wesen nach doch nur kleine Bestechungsangebote, um Frauen zur Annahme einer Doppelrolle zu veranlassen. Sie haben bisher wenig bewirkt. Warum? Ohne Änderung der überlieferten Rollenverteilung fehlt diesen Minibestechungen jede Attraktivität. Denn es stehen ihnen für Berufsfrauen mit Kindern Karriereopfer und Lohnausfälle von Hunderttausenden von Franken gegenüber, die durch keine Rente und keine Subvention angemessen kompensiert werden könnten.

Das Teilzeitmodell entspricht also gleichzeitig volkswirtschaftlichen und hauswirtschaftlichen Bedürfnissen. Eine neue Rollenorganisation in Beruf und Familie hat positive Auswirkungen auf die Arbeitsabwicklung in den Firmen und auf die volle Entfaltung der einzelnen – von Männern wie Frauen – sowie auf das gedeihliche Zusammenleben in Wirtschaft und Gesellschaft. Aus meiner Sicht ist es allen andern staatlichen, steuerlichen und organisatorischen Lösungen überlegen.

Beat Kappeler, geboren 1946, hat in Genf und Berlin Politologie und Ökonomie studiert und arbeitet zur Zeit als Journalist bei der NZZ am Sonntag und bei Le Temps. Zu seinen Publikationen zählt «Die Neue Schweizer Familie. Familienmanagement und Rentensicherheit», Zürich: Nagel & Kimche, 2004.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»