Mehr Frauen

Männer brüsten sich mit ihrer emanzipierten Lebenseinstellung. Geschäftsfrauen tragen Schwarzweiss. Und die Politik setzt auf Quoten. Müsste es nicht ganz anders sein? Die männlich dominierte Wirtschaftswelt braucht selbstbewusste Frauen. Mehr Buntheit. Aber ohne Quoten.

Mehr Frauen

Emanzipationsverlierer seien heute die Jungen und die Männer, schreibt der Soziologe Walter Hollstein.1 Und die Gewinner bzw. Gewinnerinnen seien die Frauen. Ich sehe das ein wenig anders. Wenn es Emanzipationsverlierer gibt, dann sind es beide: Männer und Frauen. Warum? Ganz einfach: weil beide im Zuge eines falsch verstandenen Feminismus verlernt haben, mit sich selbst zu rechnen. Dies hat dazu geführt, dass sich Frauen den Männern angleichen und Männer den Frauen. Frauen treten in der Wirtschaft betont männlich auf und tragen dieselbe Uniform wie die Männer. Umgekehrt brüsten sich immer mehr Männer selbst in Gesprächen unter ihresgleichen mit ihrer emanzipierten Lebenseinstellung. Ich frage mich: Wäre es nicht an der Zeit, sich von dieser Art von Emanzipation zu emanzipieren? Für Geschäftsfrauen – und um sie geht es hier – bedeutet dies: Ersetzt den schwarzen Blazer und die weisse Bluse im beruflichen Alltag durch eine farbenfrohe weibliche Garderobe, einfach als Statement – nicht zurück an den Herd, sondern selbstbewusst in die Wirtschaftswelt! Denn der Reichtum von Mann und Frau – das ist die These meines Essays – liegt gerade in der unterschiedlichen Sicht auf die Welt begründet.

Nehmen wir das berühmte Heinz-Beispiel des amerikanischen Moralpsychologen Lawrence Kohlberg. Eine Frau und ein Mann werden zu einem hypothetischen moralischen Dilemma befragt: Heinz hat nicht genügend Geld, um das Medikament für seine schwerkranke Frau zu kaufen. Was soll er tun? Die Frau empfiehlt Heinz, mit dem Apotheker zu sprechen und auf dessen Wohlwollen zu hoffen. Der Mann hingegen stellt das Lebensrecht der Frau vor das Eigentumsrecht des Apothekers und empfiehlt Heinz, das Medikament zu stehlen. In Kenntnis dieser Studie hat die Harvard-Professorin und Moralphilosophin Carol Gilligan weitere empi­rische Untersuchungen geprüft und konnte aufzeigen, dass es tatsächlich diese unterschiedlichen Denkweisen gibt.2 Die Frauen versuchen grossmehrheitlich ein moralisches Problem mit Fürsorglichkeit, Anteilnahme, Empathie und Ausgewogenheit zu lösen. Demgegenüber orientieren sich die Männer vorwiegend an den Prinzipien der Gerechtigkeit, Fairness und Autonomie. Gilligan spricht von der weiblichen Fürsorgeperspektive und der männlichen Gerechtigkeitsperspektive. Die beiden Weltsichten können nicht mit Wertungen wie wahr/falsch oder gut/schlecht versehen werden, sondern existieren einfach – und das Gute ist, dass sie sich gegenseitig ergänzen. Ich sage dies im Wissen, dass dies Vertreter eines radikalen Feminismus nicht gerne hören. Und ich sage es im Hinblick darauf, dass hier ein grosses wirtschaftliches Potential brachliegt.

In den 20 grössten börsenkotierten Firmen der Schweiz liegt der Frauenanteil in den Verwaltungsräten bei durchschnittlich 14 Prozent, und auch in den USA sind die Frauen in den Board of Directors im Durchschnitt mit nur 16 Prozent vertreten. Stellen wir uns einmal die Frage: Gibt es aufgrund der von Gilligan festgestellten unterschiedlichen Perspektiven in moralischen Fragen Argumente, die dafür sprechen, den Anteil der Frauen in einem Verwaltungsrat zu erhöhen? Ich denke, die gibt es. Der Grund ist einfach: Es ist gerade der Verwaltungsrat, der Entscheidungen trifft, die auch von moralischer Bedeutung sind. Wirtschaftliche langfristige strategische Entscheidungen haben stets moralische Konsequenzen. Dass es sich tatsächlich so verhält, illustriert die jüngste Wirtschaftskrise in besonders klarer Art und Weise. Denken wir beispielsweise an systemrelevante Unternehmen, die durch fragwürdige Verwaltungsratsbeschlüsse in den Ruin getrieben wurden und so Wirtschaft und Gesellschaft destabilisierten. Oder denken wir auch an – nicht in der Leistung begründete – Boni und goldene Fallschirme, die viele als stossend und ungerecht empfinden. Die Herausgabe von Bankkundendaten wäre ebenfalls als moralisch bedeutender Fall zu nennen. Hier wurden schlicht Versprechen gegenüber Kunden nicht eingehalten. Zwar hat sich die UBS durch die Politik eine rechtliche Legitimation verschafft, das Versprechen rechtlich zu brechen; in moralischer Hinsicht bleibt das Verhalten aber höchst fragwürdig und hat das Ausland geradezu eingeladen, den Finanzplatz Schweiz zu attackieren.

Mehr Frauen, bessere Entscheidungen

Es…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»