Medial-politische Miesepeter

Mal ehrlich: Wie häufig würden Sie für eine Zeitung bezahlen, die nur Positives vermeldet?

Denken Sie einmal an Ihre Zeitungslektüre – welche Themen springen Ihnen Tag für Tag ins Auge? Krieg? Flugzeugabstürze? Krankheiten, Flüchtlingsdramen, Währungskrisen, Korruption, Arbeitslosigkeit, Umweltverschmutzung…? Wahrscheinlich. Krisen haben immer Konjunktur. Und ganz ehrlich: wie häufig würden Sie für eine Zeitung bezahlen, die stattdessen nur Positives vermeldet? «Alles prima, weiter so!» Das wäre doch reichlich langweilig.

Die Massenmedien weisen darum – im Wissenschaftsdeutsch – einen «Negativity Bias» auf. Also einen Hang zum Negativismus. Das ist verständlich und ihr gutes Recht – und dennoch würde ich behaupten: bedenklich. Denn die Massenmedien liefern die Infrastruktur für den öffentlichen Diskurs. Über sie verhandelt eine Gesellschaft, welche Themen oder Herausforderungen wichtig sind, welche Aufmerksamkeit oder gar eine Reaktion erfordern. Durch ihre Themenselektion definieren die Massenmedien die öffentliche Agenda.

Diese Funktion der Massenmedien ist in einer Demokratie von elementarer Bedeutung. Wie wenn nicht über den öffentlichen Diskurs sollte eine kollektive Meinungs- und Präferenzbildung erfolgen, die sich schliesslich an der Wahl- oder Abstimmungsurne niederschlägt? Politik und Massenmedien befeuern sich gegenseitig: Die massenmedial gesetzten Themen bilden das Futter der politischen Auseinandersetzung, sie sind das Fundament des politischen Betriebs. Was wären unsere wackeren Politiker schon ohne die tägliche Portion Krieg, Krankheiten, Flüchtlingsdramen, Währungskrisen, Umweltverschmutzung oder Terrorismus? Wahrscheinlich arbeitslos.

Die Medien brauchen Krisen, um ihre Produkte zu verkaufen – und die Politik braucht sie, um ihre Daseinsberechtigung zu inszenieren. So entsteht eine Art permanente Negativspirale, die allen irgendwie «nützt»: die Medien haben etwas zu erzählen, wir Leser werden unterhalten und die Politik erhält dauernd neue Aufträge.

Die Negativspirale des medial-politischen Systems kennt aber auch Verlierer: zum Beispiel Menschen mit liberaler Haltung.
Warum? Nun, der Liberalismus ist eine fundamental optimistische Weltanschauung, er vertraut auf die Rationalität und Eigenverantwortung der Menschen, ihr Vermögen, ihre Belange selbständig und friedlich regeln zu können. Konservative wie auch linke Etatisten sehen das ganz anders. Spätestens seit Hobbes (oder Marx) befürworten sie die staatliche Bevormundung, da der Mensch (oder eben der Kapitalist) dem Menschen sonst ein Wolf sei.

Die täglichen Katastrophenmeldungen der Massenmedien scheinen dieses Bild zu bestätigen. Liberale, die für eine spontane Ordnung eintreten, müssen sich in diesem öffentlichen Klima ständig rechtfertigen: Wie würden sie dieses oder jenes medial-politische Problem lösen? Was für ein Gesetz würden sie erlassen? Die liberale Antwort «keines» erscheint wenig tatkräftig und darum wenig erfolgversprechend in der medialen Wahlkampfarena. Klarer Vorteil für die einfachen Antworten der linken und rechten Anhänger eines expansiven Staates.

Der Ausweg aus der Negativspirale versteckt sich hinter den Schlagzeilen: Zahllose Indikatoren belegen, dass es der Menschheit heute tatsächlich besser geht als jemals zuvor in ihrer Geschichte. Nicht nur gibt es heute mehr Menschen, sie sind auch gesünder, besser genährt, vermögender, gebildeter und langlebiger denn je. Offenbar sind wir Menschen tatsächlich sehr gut in der Lage, unser Schicksal zu verbessern. Und plötzlich erweisen sich die einfachen Antworten der Miesepeter und Krisengewinner in Medien und Politik als allzu simpel, ja sogar irreführend.

Doch um dies zu erkennen, ist ein Blick hinter die atemlosen Schlagzeilen notwendig, auf die langfristigen Entwicklungen. Wer diesen klaren und nüchternen Blick wagt, erkennt: Es gibt viele gute Gründe, mit Gelassenheit und Zuversicht in die Zukunft zu blicken. Es geht uns ständig besser und besser. Nur erfährt es leider niemand. Das sollten wir ändern. Für 2015 wünsche ich darum ein frohes – und somit liberales – neues Jahr!

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»