Max Rüdlinger (2/2) Aus der Schublade

Auszug aus den Tagebucheinträgen über die Dreharbeiten von Clemens Klopfensteins «Das Schweigen der Männer»

Wenn es in Ägypten regnet

23. März

Film-Organisationsgewusel am Swimmingpool. Packen schmuddeliger ägyptischer Pfunde – unser Handgeld – wechseln die Hände. Es ist dunstig, und es weht eine frische Brise. Ungefähr zwei Dutzend Arbeiter sind damit beschäftigt, das Schwimmbecken zu renovieren. Immer steht ein Schnauzbart in Anzug und Krawatte dabei. Das Swiss-Premium-Ice-Cream-Häuschen ist noch leer und langweilt sich seiner Inbetriebnahme entgegen. Die Bäume und Sträucher sind mit gutschweizerischer Gründlichkeit dreisprachig angeschrieben.

Die Lebensdauer einer ägyptischen Pfundnote soll zirka acht Monate betragen.

24. März

Guerilla-Shooting im Mena House, einem Luxushotel in der Nähe der Pyramiden. Ohne Erlaubnis drehen wir in der Lobby «Wiedersehen mit Polo». Die Geschichte lässt sich dermassen harzig an, dass ich an Selbstmord denke. Auch Klopfenstein möchte die Kamera in hohem Bogen auf den Mist werfen. Zu allem Elend taucht dann auch noch eine Touristin auf, die genau die gleiche Kamera hat wie der Meister.

Die Presidential Suite im Mena House kostet 1’250 Dollar im Tag. Service 12% of room charge. Ich könnte kaum das Trinkgeld bezahlen.

Mit wehem Grind zurück in’s Hotel. Es ist kalt und regnerisch. An drei Tagen im Jahr soll es in Kairo Niederschläge geben. Die drei Tage haben wir voll getroffen.

Abends Einladung bei Ursula Rindlisbacher von der Pro Helvetia. Mit dabei sind drei in Kairo ansässige Schweizer Journalisten sowie ein leibhaftiger General der ägyptischen Armee, den die Hausherrin beim Gassigehen kennengelernt hat. Das Hündchen, das die Beziehung zwischen Pro Helvetia und der ägyptischen Armee gestiftet hat, heisst Itzi. Ernst, Wirtschaftsjournalist aus Mogelsberg, findet, Itzi sei nicht allzu intelligent. Er verstecke das Bälleli immer unter dem Kanapee, von wo er es nicht mehr hervorholen könne.

Highlight des Abends ist ein Witz von Vadim: «Zwei Schwerhörige machen im Winter einen Waldspaziergang. Schreit der eine dem anderen ins Ohr: ‹Die armen Vögel im Walde!› Schreit der andere nach kurzem Nachdenken zurück: ‹Ja, und die Reichen im Hotel.›»

25. März

Sie tauchen aus dem Nichts auf, die Nepper, Schlepper und Bauernfänger, all die Where-do-you-come-from-Sir? Ein kleiner Morgenbummel, ein psychisch unbewachter Moment, und schon stehe ich in einem Souvenirladen von der Grösse einer Jelmoli-Etage und muss mir all den unsäglichen Souvenirschrott ansehen.

Wie ich das hasse, dauernd angesprochen zu werden, diese Krämerei und Feilscherei. Zugleich könnte ich sie küssen und ihnen all mein Geld nachwerfen, diesen unerschrockenen Helden des Alltags, die ihr Leben damit verdienen müssen, mit List und schauspielerischem Können Touristen abzuschleppen, diese kleinen Leute, die zu arm sind, um sich einen Kaffee leisten zu können und deren Vergnügen darin besteht, über die Brücke zu promenieren, einen Schwatz abzuhalten und wenn’s hoch kommt, am Donnerstag eine frisch gewaschene Galabija zu tragen.

Drehen mit Polo am Swimmingpool. Da während eines Takes eine Baumaschine gedröhnt hatte, filmt Klopfenstein auch noch, wie eine Palme von Mövenpick-Ägyptern ausgerissen wird. Doch diese haben anscheinend bereits ein Ökologiebewusstsein verpasst bekommen. Auf alle Fälle wird unser Meisterregisseur und Kameramann in Personalunion von einem geschniegelten Schnauzbart am Schlafittchen genommen und muss filmen, wie die Palme an einem anderen Ort wieder eingesetzt wird.

Lisa zeigt uns, wo sie zu Hause ist. Ganz in der Nähe wohnt Nobelpreisträger Nagib Mahfuz im Parterre eines Wohnblocks an einer stark befahrenen Strasse. Vielleicht hört er ja nicht mehr gut. Seinerzeit ist er, auf der Nilpromenade gegenüber, von einem von Fundamentalisten angestachelten Jungen niedergestochen worden, der nie eine Zeile von ihm gelesen hatte. Jetzt sehe man ihn kaum mehr, sagt Lisa. Den Mahfuz.

Abends Gezänk in der Bar, weil ich mich weigere, die Pyramiden sogenannt zu «demystifizieren» und aus der Luft beziehungsweise aus dem «Spiegel» gegriffene pseudoaufgeklärte Wortmeiereien über die Kolossalbauwerke herzusagen. Auch Polo gibt sich dazu nicht her. Klopfenstein wähnt sich von Esoterikern umgeben.

26. März

In Sakkara mit der sechsstufigen Pyramide wollen uns die Führer in Gräber runterbegleiten. Klopfenstein hält dagegen, er steige nie in ein Grab. Das macht selbst die Führer lächeln.

In einem nahegelegenen Gartenrestaurant trinken wir Tee. Für die gesamte Equipe gibt es nur ein einziges Löffelchen zum Rühren.

In Dashur, nahe am militärischen Sperrbezirk, scheint es erst ganz und gar unmöglich, zum vorgesehenen Drehort zu gelangen. Der Fahrer will nicht auf der Sandstrasse fahren. Irgendwelche Leute machen sich an der Bustüre wichtig. Erst als Herr Ousuman, unser Aufpasser, sich aus seinem Pullmannsitz herausbequemt, geht alles wie geschmiert.

Wir sind glücklich, es an den wundervollen Ort geschafft zu haben; doch da will Annette sich nicht küssen lassen. Sie fühle sich nicht danach. Meine Nerven! Meint die etwa, mir sei es danach, spröd-preziöse Lutheranerinnen zu küssen? Wie eine welke Tulpe hängt sie in meinen Armen nach hinten raus, und ich muss meine schüttere Armmuskulatur mächtig anspannen, dass bei der Nahaufnahme unsere beiden Gesichter im Bild sind.

27. März

Kamelritt in der Wüste. Mit den Pyramiden im Hintergrund streiten sich Polo und ich drüber, wo es in Bern den besten Wurstsalat gibt. Klopfenstein setzt sich mit der Kamera ebenfalls auf ein Kamel. Für einmal wackelt die Kamera nicht, sondern schaukelt auf und ab wie bei orkanartigem Wellengang auf hoher See. Dann versucht es der Meister auf einem Pferd. Dann verkehrt herum auf einem Esel. Ein Bild für Götter! Schliesslich muss er in der prallen Wüstensonne neben uns herbeineln. Und das gleich fünfmal. Ich mag es ihm gönnen. Er quält mich auch oft.

Wir drehen Gehen in der Wüste.

Einen koptischen Friedhof überblickend, diskutieren Polo und ich über die AHV. Ein Araber rennt schreiend in die Wüste hinaus. Ein Hengst brennt mit einer Japanerin durch. Vor einer Stunde ist ein Onkel von Ahmed, unserem Taxifahrer und Kamelführer, gestorben. Friedlich zirpen Wüstenfalken auf dem Felsen nahebei. Die Sonne brennt unerbittlich auf unsere Häupter. Träge drölt die Rede. Ab und an ein müdes Witzchen.

28. März

Im Fernsehen Werbung für Crème gegen Zellulitis. Die Dame, die den Gebrauch der Crème an ihren Extremitäten vorführt, hat Leggins an. Hoffentlich bekommen das die Konsumentinnen auch richtig mit und streichen dann die Salbe nicht in ihre Textilien ein.

Besuch des koptischen Museums. Es ist das schönste und staubfreiste der drei grossen Museen in Kairo. Erstaunlich viele Darstellungen von Weintrauben und -blättern. In einem Fries ist sogar eine Traubenernte in mehreren Bildern dargestellt.

Klopfenstein besuchte das Eisenbahnmuseum beim Ramses-Bahnhof. Die Exponate in den Vitrinen seien infolge der Staubablagerungen nur schwer auszumachen gewesen. Der Direktor – sehr freundlich – soll bei Klopfensteins Eintreten sogar kurz aufgewacht sein.

Das Beste aber sei gewesen, dass ein Aufseher gegen einen kleinen Obulus einen Schemel unter ein vergittertes Fenster gerückt habe, auf den er, Klopfenstein, habe stehen dürfen, um zum Perron des Bahnhofes rüberschauen zu können.

Penne all’arrabiata bei Da Mario. Der bessere Weisswein ist der Gianaclis Village. Den bekommt man aber nur selten. Cru de Ptolemée hat nur entfernt was mit Wein zu tun. Der rote Omar Khayyam und der Rosé Rubis d’Egypte haben das Potential, Temperenzler aus einem zu machen. Klopfenstein tut, als seien das die normalsten Weine der Welt.

2. April

Auf einem Hotelschiff nach Assuan. Die Fahrt ist zauberhaft: sanftes Gleiten, balsamische Ruhe. Biblische Landschaften ziehen vorbei, Dörfer, Palmen, Minarette, Wasserbüffel, winkende Kinder. Im Hintergrund glühen Berge im Abendrot. Mit feurigen Wangen sinkt die Sonne in den Wüstensand. Die Dämmerung fällt wie der Lidschlag einer morphinsüchtigen Hetäre.

In Edfu haben ungefähr dreissig Hotelkähne angelegt. Um an Land zu gelangen, muss man durch fünf nebeneinander angedockte Hotellobbys hindurch.

In Komb Ombo ameisen Gruppentouristen in Einerkolonne zur Tempelbesichtigung.

3. April

Auch im teuersten und vornehmsten Prachtpalazzo ganz Ägyptens, dem Old Cataract Hotel in Assuan, ist man nicht vor Moskitos gefeit. Schwere Attacken werden die ganze Nacht hindurch gegen mich geflogen. Massakriere den Feind auf den Seidentapeten, dass das Blut nur so spritzt. Doch der führt immer neue Reserven ins Feld, so dass ich mich schliesslich mit Antimückenmilch einigeln muss.

4. April

Es ist 40 Grad heiss. Das beste an dieser Gegend sei, dass sie durstig mache, meint Polo.

Die Szene von gestern ist nochmals zu drehen. Sie sei zu flau und zu abgelöscht. Für den Schluss brauche es ein bisschen mehr Drive.

Geburtstagsdrinks im Club Mediterranée in Assuan, spendiert von Lisa. Polo erzählt eine Episode aus dem Leben des Pfadfinders und Fähnliführers Hofer. Sie geschah in einem Pfadilager in Südfrankreich. Die Latrine daselbst stank fürchterlich und war ein Geheimtipp unter den Schmeissfliegen der ganzen Region. Fähnliführer Hofer fasste den Auftrag, die Grube mit seinen Getreuen zuzuschaufeln. Nie speziell von körperlicher Arbeit angezogen, dachte sich Polo, es könnte doch auch damit getan sein, die Scheissblättchen anzuzünden, um das Problem aus der Welt zu schaffen. Eine Schnapsidee aus Trägheit geboren: die brennenden Blättchen wirbelten in der Luft und in der näheren Umgebung herum, sodass alsbald das dürre Gras in Flammen stand. Darauf hätten er und seine Fünftklässler «Fürio, Füürioo!» geschrieen – und das in Südfrankreich! Kein Wunder kam niemand angewetzt. Deswegen hätten dann er – Polo – und seine Knechte ihre Pfadikrawatten ins Flusswasser getaucht und damit auf das sich ausbreitende Feuer eingeschlagen. Auch Tee und Birchermüesli hätten sie den Flammen zum Opfer gebracht. Doch es habe alles nichts genützt. Das Feuer habe auf den Wald übergegriffen, und als die Pompiers endlich eingetroffen seien, sei diesen nur noch übriggeblieben, das restliche Südfrankreich vor dem Abbrennen zu bewahren. 180’000 Franken habe darauf die Pfadi-Versicherung brennen müssen.

Schlummertrunk an der Hotelbar. Der Barkeeper lamentiert: Sex only once in a week. I am very sad.

5. April

Wir drehen die letzte Szene des Films.

Beim Nasser-See fragt Serena, ob es auch trockene Seen gebe.

Mit dem Staudamm sind die Russen gegen die Pharaonen angetreten: «The High Dam volume equals 17 times that of the Gaza Pyramid.» Und dann fordert der an sich nicht gesprächige Damm gar noch die schweigende Natur heraus: «The High Dam Project is considered the Egyptian challenge against Silent Nature.»

6. April

In dem Flughäfelchen in Luxor treten sich die Touristen auf den Füssen rum. Polo: «Egypt Air proudly regrets a delay of 45 minutes.» Aus der Vogelperspektive ist klar ersichtlich: Ägypten besteht hauptsächlich aus Ufer. Der Rest ist Wüste.

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