Max Rüdlinger (1/2) Gespräch

Wie entsteht ein Buch? Meist wissen wir Leser wenig über seine Entstehungsgeschichte, über das, was den Autor während des Schreibens antreibt, worüber er sich freut und woran er leidet.
In den «Werkgesprächen» erzählen Schriftsteller über ihr Schreiben und stellen einen Auszug aus einem Text vor, an dem sie gerade arbeiten.

Die «Werkgespräche» werden in dieser Ausgabe mit einem Gespräch zwischen Gion Mathias Cavelty und Max Rüdlinger weitergeführt.

Gion Mathias Cavelty  Max – ich bin Nichtleser, ich lese nichts. Das habe ich in meinem Buch «Endlich Nichtleser – die beste Methode, mit dem Lesen für immer aufzuhören» deutlich gemacht. Trotzdem muss ich die literarische Stafette der «Schweizer Monatshefte» weiterführen. Schwierig.

Max Rüdlinger  Das ist doch nicht schwierig. Du kannst doch über Bücher reden, die du nicht gelesen hast, das mache ich die ganze Zeit. Ich kann mich über Joyce, Musil, Melville stundenlang – gut, vielleicht nicht gerade stundenlang, aber doch ein Interview lang – auslassen, ohne je deren Bücher gelesen zu haben.

 

Du bist ja nun zum Glück kein Schriftsteller. Bitte fall mir jetzt nicht in den Rücken.

Ja, tatsächlich, ich bin kein Schriftsteller. Ich bin aber auch kein Schauspieler. Am liebsten bin ich nichts.

 

Ich dachte, du seist freier Schauspieler – vor allem, weil du meistens frei bist.

Ich bin starker Leser. So wie andere starke Raucher sind. Mit meinem ersten Sackgeld – fünf Franken – habe ich in Flums in der Papeterie Dulla ein Büchlein gekauft.

 

Wie rührend. Aus deiner Feder stammt das im Jahr 2007 erschienene Werk «Das Recht auf Memoiren». Dabei handelt es sich um deine Autobiographie.

Die unterste Schublade der Schriftstellerei. Truman Capote hat über Jack Kerouac gesagt, was er vollbracht habe, sei nicht geschrieben, sondern getippt. Bei mir ist es der gleiche Fall. Mir kommt eben selten etwas in den Sinn. So bin ich dazu gekommen, mein Leben abzutippen.

 

Dein Buch hat den grossen Vorteil, dass es vergriffen ist. Jedenfalls hatte ich grösste Schwierigkeiten, es zu bekommen – was mich für das Werk hoffnungsvoll stimmte.

Vergriffen ist es nicht – lediglich weit weg abgelegt.

 

Das tönt jetzt alles nicht danach, als ob es sich irrsinnig gut verkauft hätte.

Sehr gekränkt hat mich, dass es im Orell Füssli in Zürich einen Monat lang auf dem Biographien-Haufen zwischen Simone Niggli-Luder und Lance Armstrong gelegen hat, weil ich auf dem Titelbild als Velofahrer abgebildet bin.

 

Eventuell hättest du mit einem Satz à la «Mein Name ist nicht Max» anfangen sollen. Mit so etwas kommt man in der Schweiz gut an.

Da gibt es eventuell einen Berührungspunkt zwischen dir als Nichtleser und mir als starkem Leser: mit Literaturliteratur habe ich gar nichts am Hut. Allenfalls hätte ich beginnen können: Ich bin nicht Hans Schenker!

 

Die Samen in Lappland können ihre Vornamen nach Belieben ändern, sollst du an einer Stelle in deinem Buch geschrieben haben.

Ja, ich habe das an meinem Namen expliziert. Ich glaube ja nicht an die Sprache. Sie ist nicht real. Sie ist lediglich ein soziales Konstrukt zum Behufe der Interaktion und Kommunikation. Real ist hingegen die Lautlichkeit der Buchstabenaneinanderreihung: M – A – X . Die hat sich denn auch in meinen Organismus eingegraben. Wenn du als noch prägbares Kind immer «Max!» gerufen wirst, erschrickst du jedes Mal. Und die Samen verfügen über die Einrichtung, dass ein Kind, das seinen Namen nicht erträgt und deswegen nervöse Störungen entwickelt, seinen Namen ändern kann. «Ueli» würde sich bei Max als Sedativ anbieten.

 

Wo wir schon bei den Samen sind: was liesse sich sonst noch von ihnen lernen? In der Mitte deines Lebens bist du ja aus Liebeskummer mit dem Velo von Bern bis ans Nordkap gefahren und hast unterwegs die Samen besucht – was ja auch relativ speziell ist.

Liebeskummer, der sich zu einer veritablen Midlifecrisis ausgeweitet hat. Als Hypermotoriker habe ich mein Heil in der Bewegung gesucht. Von den Samen habe ich nichts weiter gelernt. Sie sind sozusagen die Rätoromanen Schwedens. Kaum jemand spricht noch Samisch – es ist eine Sprache, die an die Rentierzucht…

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