Master the Disaster
Dirk Helbing, fotografiert von Jannick Timm.

Master the Disaster

Kommt bald die Quittung für alles? Nicht, wenn wir jetzt mit digitalen Tools und neuen Ideen dagegenhalten. Plädoyer für ein Systemupgrade.

Ich habe mich nicht immer für Krisen interessiert. Aber drei prägende Momente in meinem Forscherleben haben mich für das Thema sensibilisiert. Erstens waren das die frühen Ausläufer des Rechtsextremismus, die in der Universitätsstadt Göttingen schon in den 1980er Jahren zu spüren waren und für mehrere Menschen sogar tödlich endeten. Zweitens der 11. September 2001, an dem ich ungläubig auf die Textnachrichten auf meinem Nokia Communicator und später auf den Fernseher schaute. Und drittens die grosse Elbflut im September 2002, die unter anderem Dresden unter Wasser setzte – einschliesslich der städtischen Katastrophenschutzzentrale, die folglich wegen Stromausfalls nicht einsatzbereit war. Und so begann ich, mich mit der Beschreibung von Krisen, Katastro­phen und sogenannten Massenpaniken auseinanderzusetzen. 

Las man Katastrophenberichte eingehend, so waren gewisse Gesetzmässigkeiten festzustellen, die immer wieder auftraten. Daher konnte man mögliche Entwicklungen auch voraussagen und proaktive Massnahmen treffen, statt auf die nächste Hiobsbotschaft zu warten und immer zu spät zu kommen. Das ist umso wichtiger, weil bei Katastrophen oft eins zum anderen kommt; es setzt ein Domino- oder Kaskadeneffekt ein. Dadurch werden die Schäden rasch grösser – bei der Finanzkrise von 2007/08 waren sie mindestens 100mal so gross wie nötig! Es geht also darum, die fatale Fehlerkette so früh wie möglich zu unterbrechen, indem man so etwas wie Brandmauern einzieht oder – besser noch – Sollbruchstellen vorsieht, damit das Unglück eben nicht seinen Lauf nehmen kann. 

Kalkuliertes Desaster – oder doch nicht?

Doch spätestens als Lehman Brothers pleiteging, lief alles aus dem Ruder. Eine zerstörerische Kettenreaktion setzte ein. Hunderte von Banken gingen pleite. Hunderte von Milliarden an Verlusten folgten. Bald waren ganze Länder betroffen, Griechenland beispielsweise. Und schon 2010 sagten wir voraus, dass diese Entwicklung zu sozialen Problemen und Extremismus führen würde, wenn man sie nicht schnell genug stoppte. Inzwischen ist es so weit. Das «dünne Eis der Zivilisation» droht zu brechen. Warum hatte man nicht auf uns Forscher gehört? Die Entwicklung war doch absehbar!

Und die Digitalisierung? Es hätte alles so schön werden können. Doch dass die Wirtschaft nach dem Motto «Move fast and break things» handelte und die Politik hinter ihr die Scherben aufkehren musste, war keine gute Arbeitsteilung. Europa: viel zu spät dran! Im «Kampf ums digitale Überleben» blieben Überreaktionen nicht aus. «Jetzt machen wir auch Überwachungskapitalismus und Scoring, aber die Turboversion!», schien das Motto zu sein. Und das zu einem Zeitpunkt, wo die öffentliche Diskussion über Privatsphäre und Menschenrechte im digitalen Zeitalter, über die europäische Datenschutzgrundverordnung, über Ethik und verantwortungsvolle Innovation, über werteorientiertes Design und digitale Demokratie bereits an Fahrt aufnahm. 

«Wir müssten Städte und Regionen in Innovationsmotoren verwandeln, in eine Art riesigen Maker Space.»

Heute muss man sich fragen: Haben wir überhaupt noch die Kontrolle über die datengetriebene Gesellschaft, die wir geschaffen haben? Die Sicherheitsvorkehrungen werden ständig verschärft, und doch nehmen Cyberangriffe rasant zu. Derweil sammeln sich in den Cybersecurity-Centern der Welt mehr persönliche Überwachungsdaten, als die Stasi je hatte – sehr viel mehr. Sind jetzt sogar Freiheit, Demokratie und Menschenrechte bedroht?

Gegensteuern – doch wie?

An einer anderen Front scheint der Kampf schon beinahe verloren. In zahlreichen Städten in Frankreich, Österreich und Kanada wurde in den letzten Jahren der Klimanotstand ausgerufen. Über die Probleme, die der Notstandsdiagnose zugrunde liegen, wurde schon vor 50 Jahren diskutiert. Doch nun werden global und auch in den Industriestaaten sogar noch mehr Ressourcen verbraucht als in den 1970er Jahren. Selbst die Digitalisierung konnte den Trend nicht umkehren. Im Gegenteil: Es wird prognostiziert, dass der Energieverbrauch durch digitale Technologien sich bis 2030 vervielfachen und weltweit auf über 20 Prozent des gesamten Stromverbrauchs ansteigen wird!1

Und nun? Kommt jetzt die Quittung für alles, die ganz grosse…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»