Masslose Einsichten – fassbar

Man liest sich fest an diesen Texten, steigt auf und ab in ihren Zerklüftungen, denkt sich von Klippe zu Klippe; denn darum handelt es sich bei diesen Essays, um literarisches Urgestein. Unmöglich, diesen gut neunhundert Seiten des Basler Ordinarius Walter Muschg auch nur annähernd gerecht zu werden, selbst wenn wir eine ganze Ausgabe der «Schweizer Monatshefte» dafür zur Verfügung hätten. Der junge Max Frisch hörte bei ihm, und Julian Schütt zitiert ihn in seinem vorzüglichen Nachwort mit der Bemerkung: «Wir hangen an seinen Vorträgen». Das lässt sich selbst jetzt noch nachempfinden. Diese Essays funkeln, zeugen von stupender Literaturkenntnis, von scharfem, wenn auch oft einseiti-gem Blick, in jedem Falle von stilistischer Brillanz ohnegleichen. Die grossen Versuche über «Freud als Schriftsteller», Gottfried Keller, Kafka und Hans Henny Jahnn haben etwas Unvergängliches; gleiches gilt für seine Expressionismus-studie «Von Trakl zu Brecht». Muschg war der geradezu antineutrale Schweizer Moralist unter den Literaturwissen-schaftern, der überzeugt war von der (Selbst-)Zerstörung der deutschen Literatur nach 1933 und ihrer Geschichtsver-gessenheit nach 1945 («Der Orkan der Zerstörung ist immer noch das grösste Ereignis in der deutschen Literatur»). Den Verrat der Literaten (Gottfried Benns, Josef Weinhebers) verzieh er ihnen nie. Muschg ergriff Partei für die Emigranten und von den Nazis Verfemten (von Else Lasker-Schüler bis Ernst Barlach). Er betonte das Zerrissene in der deutschen Literatur, wogegen Muschgs Antipode, Emil Staiger, auf die grosse Tradition setzte. Muschg, der moralisierende Tra-göde unter den Ordinarien vor der Studentenrebellion (er starb 1965), hat Unentbehrliches und bei aller Skepsis Weg-weisendes geleistet in der Literaturwissenschaft – dokumentiert in diesem Band durch seine Arbeiten zum Verhältnis seiner Disziplin zur Psychoanalyse, zum Leitmotiv Hamlet in der deutschen Kultur und durch seine Hinweise auf (zu seiner Zeit) Vernachlässigte wie Jeremias Gotthelf oder Alfred Döblin. Muschg war das Melodramatische nicht fremd («Die letzten Tage Gerhart Hauptmanns») und das Pathetisch-Paradoxe am rechten rhetorischen Platz eine Selbstver-ständlichkeit («Im Kunsthandel herrscht Hochkonjunktur wie in der Rüstungsindustrie, vielleicht aus demselben Grunde»). Er vermochte zu zeigen, wo Goethe irrte (bei seiner Einschätzung Shakespeares als eines Bühnenautors wider Willen) und wo Brechts bedeutendste Leistung war (in seiner späten Lyrik). Das Kantig-Schroffe dieser Versuche fordert noch heute heraus. Man muss sie einfach kennen.

vorgestellt von Rüdiger Görner, London

Walter Muschg: «Die Zerstörung der deutschen Literatur und andere Essays». Zürich: Diogenes, 2009

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