Mass und Mitte

Komplexe Gesellschaften wie die unsrigen sind hochempfindlich. Die Beziehungen sind abstrakt, jeder Eingriff zeitigt unvorhersehbare Wirkungen. Umso wichtiger ist eine konkrete Gemeinwohlorientierung. Die Wiederentdeckung des gesunden Menschenverstandes weist den Weg.

Mass und Mitte

Das kritische Nachdenken über die Verfasstheit unseres Wirtschaftssystems hat mit der Banken-, Finanz- und Staatsschuldenkrise in den letzten Jahren neuen An- und Auftrieb erhalten. Man muss trotz allem sagen: zum Glück. Es bedarf dieser Reflexion, bedenkt man deren massive Auswirkungen auf Arbeitsmärkte, Finanzmärkte und den Zustand unserer Wohlfahrtsstaaten. Sie ist die einzige Medizin gegen den Vertrauensschwund, den Bürger bzw. Arbeitnehmer gegenüber Entscheidungsträgern von Politik und Wirtschaft immer stärker hegen.

Umgeben von Scheingewissheiten

Allerdings fällt es schwer, die Entwicklungen auf den Punkt zu bringen – eine Weltformel gibt es nicht, auch wenn jene, die dies behaupten, gerade Hochkonjunktur haben. Dabei ist klar: Jede Art von Zeitdiagnostik, jeder Versuch einer in sich schlüssigen Darstellung wesentlicher Wirkkräfte und -zusammenhänge ist zuerst einmal anregend und lenkt die Aufmerksamkeit auf wichtige Entwicklungstrends. Einmal leuchtet der Scheinwerfer grell auf den Trend der Globalisierung, dann wieder auf die Prekarisierung, auf die Folgen des Internets, auf die Wissensgesellschaft, den demographischen Wandel oder die Regulierung von Märkten. All dies sind Facetten unserer Lebenswirklichkeit, die nicht durch ein einziges Prinzip (Individualisierung, Ökonomisierung, Beschleunigung, Gier der Manager, technischer Fortschritt etc.) erklärt werden können. Wir sehen uns vielmehr mit einer Ansammlung komplexer Situationen konfrontiert, und im Feld der Komplexität gilt, dass so mancher Lenkungseingriff dem Tanz der Regenmacher gleicht.

Wir hören und sagen es nicht gerne, und doch lässt es sich nicht bestreiten: Egal, ob Ökonomen, Soziologen oder Psychologen, wir sind gnadenlos überfordert. Die gute Nachricht ist, dass die Überforderung chronisch ist. In der Krise sehen wir dies besonders deutlich. Und deshalb tun wir gut daran, in unseren Überlegungen und Entscheidungen ebenso bescheiden wie differenziert vorzugehen.

Konkret: so etwas wie DEN Kapitalismus, der zurzeit in allen möglichen Gremien und Diskussionsrunden verhandelt wird, gibt es nicht. Das mindeste, was die intellektuelle Redlichkeit verlangt, wäre, zwischen der schweizerischen Variante, dem amerikanischen und dem rheinischen Kapitalismus zu unterscheiden, die skandinavischen Modelle genau zu beschreiben und die Besonderheiten der Entwicklungen in Asien anzuerkennen. Der heutige Finanzkapitalismus ist auch nicht mit dem identisch, was die klassischen Nationalökonomen im Sinne hatten, als sie von Kapitalismus oder freier Marktwirtschaft sprachen. Vereinfachungen, und seien sie aus didaktischen Gründen noch so notwendig, sind dann eben doch oft zu – einfach. Und Verallgemeinerungen werden schnell zu Allgemeinplätzen. So kommt es, dass der wiederkehrende Ruf nach «mehr» oder «weniger» von Markt/Staat/Freiheit/Verantwortung oft im Nichts verhallt.

Fatal wäre es nun, daraus den Schluss zu ziehen, sich mit dem Status quo zu arrangieren. Im Gegenteil: die Anfälligkeit unserer modernen Gesellschaft für extre-me Schwankungen zwingt uns geradezu zum Nachdenken über die Selbststeuerungspotenziale und mögliche Lenkungseingriffe in Wirtschaft und Gesellschaft – aber eben: mit der nötigen Portion Realismus und Bescheidenheit.

In meinem Beitrag möchte ich die These verfolgen, dass ein bestimmter gesellschaftlicher Entwicklungsmechanismus die Hauptursache der Probleme darstellt, die wir spüren, aber oft kaum zu benennen vermögen. Dass wir im dunkeln tappen, ist mithin nicht nur unserem Unvermögen zuzuschreiben, sondern hat seine Ursache in der Weise der (Dys-)Funktion unserer modernen Gesellschaften. Es handelt sich dabei um den Trend der Überführung von Sachverhalten, Geschäfts-beziehungen, Risikoabwägungen oder Produktideen in anspruchsvolle geistig-abstrakte Zusammenhänge, die wir nicht mehr durchschauen, in rechtliche Normierungen, unnötig komplizierte Modelle und Theoriengebäude, deren Rückübersetzung in die Welt des gesunden Menschenverstandes oft kaum mehr möglich ist. Die grossartige Fähigkeit des menschlichen Geistes, durch Abstraktion aus der unmittelbaren Erfahrungswelt herauszutreten, schlägt in Unübersichtlichkeit um. Was dazu dienen sollte, bessere Vorhersagen und mehr Verbindlichkeit zu ermöglichen, erweist sich als Treiber neuer Scheingewissheiten. Die menschengemachte Komplexität des grundsätzlich nachvollziehbaren, wenn auch abstrakten Finanzsektors ist ein Paradebeispiel dafür. Wenn Kursstürze urplötzlich und grundlos erfolgen, so ist das kein Naturereignis, dem wir schutzlos ausgeliefert sind – es ist das Resultat…

Prinzip Haftung

Es ist nicht der Markt, der die grosse Krise verursacht hat. Wir leben auch nicht wirklich in einer Markt-wirtschaft. Schön wärʼs! Die modische Kapitalismuskritik zielt am eigentlichen Problem vorbei. Es ist gerade umgekehrt: Wem am Gemeinwohl gelegen ist, braucht die offene Gesellschaft. Eine Richtigstellung.

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»