Man muss auch mal auf die Fresse fallen: Kinder brauchen Misserfolge, Frustration und Schrammen, um sich zu entwickeln
Während ich aufwuchs wie ein wilder Waschbär, treiben die heutigen Helikoptereltern ihren Kindern die Überlebensfähigkeit aus. Sie werden unselbstständig und ängstlich.
Ich bin 1968 geboren, was mich zu einem Mitglied der Generation X macht. Meine Kindheit und Jugend in den Siebzigern und Achtzigern war aufregend, unbeschwert und frei. Sobald die Hausaufgaben gemacht waren, ging es raus. Meine Freunde und ich verbrachten den ganzen Tag bis zum Abendessen draussen. Wir spielten Fussball oder Cowboy und Indianer. Manchmal hörten uns unsere Eltern spielen, viel öfter aber nicht. Für unsere Eltern waren wir wie Waschbären. Man kriegt mit, dass sie in der Nähe herumstreunen, aber man bekommt sie nie zu Gesicht. Und der einzige Beweis ihrer Existenz sind die Überreste, nachdem sie die Speisekammer geplündert haben.
Unsere Eltern liessen uns die Freiheit und sie vertrauten uns und dem Leben. Alle taten das. Daraus entwickelte sich unter den Kindern auch ein entsprechendes Sozialverhalten. Wer mitspielen wollte, musste sich anpassen. Ab und zu auch Leistung bringen, zum Beispiel beim Fussball. Es wurde einem nichts geschenkt. Manchmal rauften wir und vertrugen uns wieder. Erwachsene waren nie dabei. Das Konzept heutiger Helikoptereltern hätte auf uns lächerlich gewirkt. Daraus erwuchsen selbstbewusste, selbstständige Kinder, die ihre eigene Welt hatten. Wenn man in der Schule etwas ausgefressen hatte oder eine schlechte Note schrieb, gab’s von den Eltern einen deftigen Einlauf. Keine Mutter und kein Vater wären in der Zeit auf die Idee gekommen, die Lehrer für den Mist, den das eigene Kind gebaut hat, verantwortlich zu machen.
Natürlich gingen wir alleine zur Schule. Am ersten Schultag zeigte mir meine Mutter noch den Weg, aber danach hiess es: Das kannst du jetzt. Heute werden weit mehr als die Hälfte der Schüler von ihren Eltern zur Schule gebracht.
«Für unsere Eltern waren wir wie Waschbären. Man kriegt mit, dass sie in der Nähe herumstreunen, aber man bekommt sie nie zu Gesicht.»
Materiell ging es uns lange nicht so gut wie vielen jungen Menschen heute. Aber all das machte uns nichts aus. Wir fühlten uns nicht arm, weil wir ohnehin glaubten, uns gehöre die Welt. Auch wenn wir sie noch gar nicht kannten. Zum ersten Mal im Ausland war ich mit zwölf Jahren. Im Sommerurlaub in Bibione.
Jedes Jahr irgendeine neue Bedrohung
Heute haben Kinder in diesem Alter schon mehr von der Welt gesehen als unsere Eltern in ihrem ganzen Leben. Und wenn unsere Grossväter überhaupt mal ein fremdes Land besucht haben, dann hiess das nicht «in den Urlaub fahren», sondern «einmarschieren». Meine Nachbarin erzählte mir neulich aufgeregt, dass ihre Lisa-Marie demnächst auf Klassenfahrt nach Paris fahre. Bei uns ging die Klassenfahrt zu einem Wildschweingehege in den Bayerischen Wald. Und das Highlight war der Keiler, der die Bache von hinten begattete. Wir lachten und johlten, und unsere Lehrerin Frau Steigerwald blickte verschämt zur Seite. Wer braucht da schon einen Eiffelturm …? Ich bin mir natürlich bewusst, dass ich die alten Zeiten ein Stück weit romantisiere. Gleichwohl gelangte eine Forschergruppe zu der Erkenntnis, dass die Generation X tatsächlich die glücklichste und resilienteste Generation der vergangenen hundert Jahre sei. Und das liegt nicht daran, dass es in unserer Kindheit keine Krisen gab. Eher im Gegenteil. Wir hatten die Nato-Nachrüstung, Tschernobyl, den Jugoslawienkrieg, sauren Regen und HIV. Jedes Jahr gab es irgendeine neue Bedrohung. Aber der Umgang damit war ein gänzlich anderer als heute.
Heute befinden wir uns in einer Ära der elterlichen Überbesorgtheit. Ein Phänomen, das vielen Studien zufolge mehr schadet als nützt. Die ständige Betonung, sich exzessiv mit den eigenen Befindlichkeiten auseinanderzusetzen, macht junge Menschen nicht unbedingt zu stabilen, belastbaren Persönlichkeiten.
«Bei uns ging die Klassenfahrt zu einem Wildschweingehege in den Bayerischen Wald. Und das Highlight war der Keiler, der die Bache von hinten begattete.»
Allein das Wort «Trauma» wird inzwischen so inflationär gebraucht, dass es völlig an Wert verloren hat. Früher hatte man ein Trauma, wenn man aus dem Krieg kam oder eine Hungersnot überlebt hatte. Heute ist man traumatisiert, wenn man einen Text ohne Binnen-I und Gendersternchen lesen muss. Die Psychologie kennt dieses Phänomen als «Prinzessin-auf-der-Erbse-Syndrom». Wenn eine Gesellschaft immer weniger existenzielle Sorgen hat, führt das paradoxerweise nicht dazu, dass Ängste und Nöte zurückgehen. Es passiert das Gegenteil. Je sorgenfreier eine Gesellschaft lebt, umso mehr fürchtet sie sich. Sie wird neurotisch.In meinem Bekanntenkreis gibt es kaum noch jemanden ohne eine Lebensmittelallergie. Fenchel? Um Gottes willen! Da geht mir die Nase komplett zu … Wissenschaftlich gesehen leiden etwa zwei Prozent der Bevölkerung unter einer Lebensmittelallergie. Aber 20 Prozent glauben inzwischen, sie hätten eine. Am Prenzlauer Berg sogar 104 Prozent. In den vergangenen zwanzig Jahren hat die Zahl der Angststörungen bei jungen Menschen dramatisch zugenommen. Rüdiger Maas, Experte für Arbeits- und Organisationspsychologie, fand in einer gross angelegten Studie heraus, dass Kinder und Jugendliche heute unglücklicher sind als jede andere Generation zuvor.
Ständiges Lob, keine Kritik
Ich glaube, wir sind an dieser Entwicklung nicht ganz unschuldig. Weil wir die erste Generation sind, die ihre Kinder nicht mehr erzieht, sondern vergöttert: «Ja, ich weiss, der Oskar-Nepomuk kann mit seinen zwölf Jahren noch immer nicht richtig rechnen, aber mit Fingerfarben ist der unglaublich geschickt …» Viele Erwachsene bewundern ihren Nachwuchs so sehr, dass es zu einem Rollentausch in der Eltern-Kind-Beziehung gekommen ist. Sie eifern ihren Kindern nach, sehen sie als Vorbilder und möchten von ihnen lernen. Am sichtbarsten war das vor einigen Jahren bei dem Hype um Greta Thunberg. Weltweit liessen sich Politiker, Wirtschaftsführer und Uniprofessoren freiwillig von einer Sechzehnjährigen wie dumme, ungezogene Kinder behandeln.
Eine Entwicklung, die aus vielerlei Gründen problematisch ist. Schon länger beobachten Psychologen, dass junge Menschen immer schlechter mit Niederlagen umgehen können. Wer ständig mit Lob und Anerkennung überschüttet wird, wer nie Kritik erfährt, entwickelt eine verzerrte Wahrnehmung der Welt. So berichten immer mehr Hochschullehrer, dass viele ihrer Studenten Erfolge ihren eigenen Fähigkeiten zuschreiben, für Misserfolge aber generell äussere Umstände verantwortlich machen.
Statt Verantwortung für ihr eigenes Tun zu übernehmen, entwickeln sie völlig überzogene Ansprüche an ihr Umfeld, was inzwischen auch viele Arbeitgeber bestätigen können. Bei Vorstellungsgesprächen äussern Berufseinsteiger kaum nachvollziehbare Gehaltsvorstellungen, wollen sich aber mit der Tätigkeit auch wohlfühlen können.
Aufgrund des Fachkräftemangels lassen die Unternehmen sich gezwungenermassen auf dieses Spiel ein. Später erkennen sie, dass sich die jungen Berufsanfänger bereits von kleinsten Problemen überfordert fühlen und deutlich weniger bereit sind, sich in die Pflicht nehmen zu lassen. Therapeuten bezeichnen dieses Verhalten als «fehlende Coping-Strategie», also dass die Fähigkeiten, mit einer schwierigen Situation umzugehen, unterentwickelt sind. Den jungen Menschen kann man das kaum vorwerfen. Der wahre Grund liegt wohl an dem überbehütenden Erziehungsstil. Wer als Kind nie wirklich gefordert wurde, tut sich im Erwachsenenalter schwer, Problemlösungsstrategien zu entwickeln. Ständiges Lob entzündet kein Feuer, noch nicht mal einen Funken.
Lieber «chillen» als arbeiten
Gemäss einer Studie des Beratungsunternehmens Ernst & Young liebäugeln 24 Prozent der Studenten in Deutschland mit einem Job im öffentlichen Dienst. Bei den Studentinnen liegt der Anteil sogar bei 30 Prozent. Mit Gleitzeit, Kündigungsschutz und 13. Monatsgehalt. In keinem grösseren Industrieland sind die durchschnittlich geleisteten Arbeitsstunden pro Jahr so niedrig wie in Deutschland. Stattdessen ist «chillen» angesagt. Ein Begriff aus dem Englischen, der so viel bedeutet wie «das Ausruhen von einer Tätigkeit, die man nie gemacht hat».
Auch in der Schweiz ist diese Tendenz zu erkennen. Während grosse Teile der Welt mit Zähigkeit, Fleiss und Risikobereitschaft nach oben wollen, arbeiten viele junge Menschen an ihrer Work-Life-Balance und lehnen die aussichtsreiche Stelle in Zürich ab, weil sie ja in Bern im Tennisklub sind.
Ich weiss, ich weiss: Schon immer haben Ältere über Jüngere geschimpft. Das lässt sich bis zu Sokrates zurückverfolgen. Bei meinen Beobachtungen geht es mir jedoch keineswegs um ein pauschales Bashing der jungen Generation. Wenn überhaupt, liegt die Schuld dafür eher bei uns Älteren.
Indem wir unserem Nachwuchs von klein auf sämtliche Hürden aus dem Weg räumen, indem wir ihn immer nur bestärkt und nie kritisiert haben, haben wir eine Generation von angstzerfressenen Narzissten herangezogen. Menschen, die alles bekommen haben, aber die sich trotzdem als Opfer sehen. Damit haben wir ihnen keinen Gefallen getan. So leiden Jugendliche von heute unter einer deutlich geringeren Frustrationstoleranz sowie einer verminderten Emotions- und Selbstkontrolle. Sie wissen oft nicht, was es heisst, traurig oder frustriert zu sein, leiden unter fehlendem Mitgefühl und haben Schwierigkeiten mit sozialer Interaktion. Auch Störungsbilder wie ADHS, Bulimie und Borderline treten häufiger auf.
Aus der guten Absicht heraus, Schaden von unseren Kindern abzuwenden, richten wir erst recht Schaden an. Indem wir unsere Kleinen überbehüten, schwächen wir ihre Resilienz und Widerstandskraft. Sie werden unselbstständig und ängstlich. Statt mit aller Macht zu versuchen, das Glück in die Kinder hineinzubekommen, muss man den Kindern die Chance geben, ihr Glück selbst zu entdecken.
«So leiden Jugendliche von heute unter einer deutlich geringeren Frustrationstoleranz sowie einer verminderten Emotions- und Selbstkontrolle.»
Antifragile Systeme testen
Im Jahr 2004 kam der deutsche Dokumentarfilm «Rhythm Is It» heraus, den ich Ihnen wärmstens ans Herz legen möchte. Er zeigt die sechswöchige Vorbereitung von 250 Schülern aus Berliner Problemschulen auf einen Auftritt in Igor Strawinskys Ballett «Le sacre du printemps» mit den Berliner Philharmonikern. Der Choreograf Royston Maldoom nimmt die Schüler hart ran, er ist ruppig und verlangt viel von ihnen. «Die Jugendlichen müssen wissen, dass ich absolut an ihre Fähigkeiten glaube und deshalb Blödsinn nicht tolerieren kann», sagt er in einem Interview. Der Auftritt wird zu einem fulminanten Erfolg und man sieht den Jugendlichen an, wie sehr sie in dieser Zeit an Selbstbewusstsein gewonnen haben.
Überbehütung und Verhätschelung erzeugen das Gegenteil, wie eine japanische Forschergruppe nachweisen konnte. Die Wissenschafter wollten wissen, wie sich ein überbehütender Erziehungsstil auf die Gehirnentwicklung im Erwachsenenalter auswirkt. Dabei fanden sie heraus, dass die getesteten Personen deutlich weniger graue Substanz im präfrontalen Cortex aufwiesen als die Kontrollgruppe. Eine ähnliche Gehirnentwicklung beobachtet man erschreckenderweise auch bei Personen, die in der Kindheit massiv vernachlässigt wurden. Genau das, was Eltern durch eine überbehütende Erziehung eigentlich vermeiden möchten, tritt umso stärker auf. In der Medizin ist bekannt, dass das menschliche Immunsystem geschwächt wird, wenn es nicht ständig durch kleinere und mittlere Einflüsse gefordert wird. So entwickeln Kinder, die in einer allergenarmen, sterilen Umgebung aufwachsen, in höherem Masse Atemwegserkrankungen als Kinder, die ab und an im Dreck spielen.
Der Mathematiker und Bestsellerautor Nassim Nicholas Taleb prägte dazu den Begriff «antifragil». Damit bezeichnete er Systeme, die ab und an Konflikten und Problemen ausgesetzt werden müssen, um besser und stärker zu werden. Unser Immunsystem ist ein solches antifragiles System. Mit der Psyche verhält es sich nicht anders. In unserer Entwicklungsphase brauchen wir gewisse Frustrationen, kleinere Unfälle, Hänseleien und Ungerechtigkeiten, um eine stabile, gefestigte Persönlichkeit zu entwickeln. Kinder benötigen entwicklungsfördernde Frustrationen, um zu reifen. Ohne Misserfolgserlebnisse kein Lernen und ohne Lernen keine Entwicklung.
In einer Welt, in der sämtliche Risiken, Gefahren, negative Erlebnisse und Konsequenzen eliminiert werden, gibt es sicherlich deutlich weniger blaue Flecken, weniger gebrochene Knochen und noch weniger gebrochene Herzen. Doch eine Welt der hundertprozentigen Sicherheit ist eben auch eine Welt der hundertprozentigen Langeweile. Wie haben Sie Fahrrad fahren gelernt? Indem Sie immer wieder hingefallen sind. Wahre Freude erleben wir nur nach Anstrengung, nach Grenzüberschreitung und nach dem Eingehen von Risiken. Und natürlich können wir auf die Fresse fallen. Na und? Schrammen sind sexy. Angstschweiss nie.
Dieser Text ist ein überarbeiteter Auszug aus «Wot Se Fack, Deutschland? – Warum unsere Gefühle den Verstand verloren haben», erschienen bei dtv.