«Man kann ja lernen…»

Er will die Mehrwertsteuer durch eine Energiesteuer ersetzen und glaubt, Nachhaltigkeit sei ein Luxusphänomen. Martin Bäumle über kurzfristiges Denken und Ökofortschritte, die gar keine sind.

Herr Bäumle, heute geben sich alle grossen politischen Kräfte umweltbewusst. Wenn alle Parteien Ökologie in ihren Programmen haben, gibt es eigentlich keinen Grund mehr, grün zu wählen. Ist die traditionelle Variante des Grünseins durch den eigenen Erfolg eingeholt oder gar überholt worden?

Von Ökologie zu reden, ist einfach – das klingt gut und kostet erst mal nichts. Sich an gemachte Aussagen zu halten, ist etwas ganz anderes. Ökologie findet heute vor allem dann die Unterstützung von Parteien, wenn es rhetorisch opportun ist.

Wie kann grüne Politik verhindern, dass Ökologie als vorgeschobenes Argument für Umverteilungspläne oder Brancheninteressen benutzt wird?

Indem sie das Prinzip Kostenwahrheit und Transparenz hochhält. Ich glaube, dass grün nicht gleich links ist. Ökologie lässt sich mit wirtschaftlichem Pragmatismus verbinden; diese Nische füllen wir, und diese Nische hat Potential. Ich mache mir deshalb keine Sorgen, dass ökologische Kräfte überflüssig werden. Bedenklich ist, dass extreme Ereignisse wie jene in Fukushima-Daiichi stattfinden müssen, damit ökologische Ideen wie der Atomausstieg umgesetzt werden.

Der Ausstieg aus der Atomenergie wurde obrigkeitlich entschieden, ohne dass hier gleiche Risiken wie in Japan bestehen und vor allem ohne dass die Bürger, die den Preis zu bezahlen haben, gefragt wurden. Hat der Gesetzgeber die Legitimität, die Bürger zu ökologischem Verhalten zu zwingen? Dagegen müssten Sie als liberaler Geist eigentlich aufbegehren…

Richtig, wir haben in Bern entschieden, dass im Moment keine neuen Atomkraftwerke gebaut werden und wir die Laufzeit der bestehenden auslaufen lassen. Das dar­aus entstehende Gesetz zur Energiestrategie ist referendumsfähig. Wenn das Volk will, hat es das letzte Wort. Wer eine Abstimmung über den Atomausstieg will, kann eine Initiative für zwei neue AKWs machen. Ich sehe derzeit niemanden, der diesen Mut aufbringt.

Weil die Mehrheit eben ein grünes Gewissen hat. Der Begriff Nachhaltigkeit kommt in jeder Firmenbroschüre Dutzende Male vor. Nachhaltigkeit ist zur Imagesache geworden. Und zum leeren Schlagwort. Warum halten Sie trotzdem am Begriff fest?

Ich finde es erfreulich, wenn Unternehmen Nachhaltigkeitsberichte verfassen – selbst wenn diese noch dünn sind und man sich fragen kann, wie ernst es jenen ist, die den Begriff benutzen. Entscheidend ist für mich, dass dahinter ein Wille erkennbar ist, sich dem Thema zu stellen. Der Begriff Nachhaltigkeit wird mitunter auch missbraucht, weil er einen weiten Spielraum für Interpretationen zulässt. Das ist Teil des Erfolgs, den die Idee hat.

Bitte definieren Sie den Begriff!

Bei den Ressourcen: nicht mehr verbrauchen, als wir erzeugen. Bei den Finanzen: nicht mehr ausgeben, als wir einnehmen. Beim Sozialen: nicht mehr versprechen, als wir halten und finanzieren können. Ich will aber nicht zu puristisch sein und behaupten, dass ich immer wisse, was Nachhaltigkeit genau bedeutet. Auch die Ökologiebewegung kann sich in Fragen der ökologischen Nachhaltigkeit täuschen. Ich bin auch einzelnen Entwicklungen gefolgt, die sich im nachhinein als nicht sehr ökologisch erwiesen haben. Aber man kann ja lernen.

Gut gemeint ist nicht immer nachhaltig?

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht – Energiesparlampen mit hohem Quecksilbergehalt verursachten bei falscher Entsorgung höheren Schaden als das Verbraten von einigen Glühbirnen. Nicht alles, was nachhaltig klingt, ist es auch.

Ist nachhaltig gleichbedeutend mit langfristig?

Längerfristig soll man nicht mehr brauchen, als man produzieren kann, nicht mehr konsumieren, als man mit regenerativen Quellen bereitstellen kann. Das gilt für Energie, Umweltressourcen, Rohstoffe, aber auch Finanzen und Gesundheitsressourcen. Diese Gleichung ist automatisch mit dem Zeithorizont verbunden. Was kurzfristig funktioniert, aber langfristig Schaden anrichtet, kann nicht nachhaltig sein. Deshalb sage ich auch, dass Kernenergie nicht nachhaltig ist. Wir produzieren 50 Jahre lang vermeintlich günstigen Strom und hinterlassen dabei Abfälle, die während Hunderttausenden von Jahren sicher entsorgt werden müssen. Das kann per
Definition nicht nachhaltig sein.

Um die langfristigen Kosten abzuschätzen, spielt der Zeithorizont eine…

Nur öko ist nicht nachhaltig
Rudolf Wehrli, photographiert von Giorgio von Arb.
Nur öko ist nicht nachhaltig

Schon Wilhelm Tell wusste, was nachhaltiges Handeln ist. Heute ist das Wort in aller Munde, seiner vollen Bedeutung aber sind wir uns kaum bewusst: «Nachhaltigkeit» ist ein komplexer ökonomisch-sozio-ökologischer Dreiklang. Den Grundton muss die Ökonomie angeben, denn Nachhaltigkeit ist wirtschaftlich oder sie ist nicht.

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