«Mahjong» – Gegenwartskunst aus der Sammlung Sigg

Chinesische Kunst in Bern und Holderbank

«Mahjong» – Gegenwartskunst aus der Sammlung Sigg

Sein Lehrer Dschu Yi-Fän sei dem Mahjong mit Leib und Seele verfallen, schreibt der letzte chinesische Kaiser Hsüan Tung, besser bekannt als Pu Yi (1906–1967), in seiner Autobiographie. «Mahjong», ein chinesisches Würfel- und Steinspiel, das auf die Ming-Dynastie zurückgeht und heute auch ein beliebtes Internet-Spiel ist, steht als Titel für die grosse Schau chinesischer Gegenwartskunst, die im Berner Kunstmuseum sowie in den Lagerhallen der ehemaligen Zementfabrik Holderbank präsentiert wird. Mahjong ist eine Metapher für das Ziel der Ausstellung. Erstmals ist der Schweizer Sammler Uli Sigg, der seit 1979 die grösste, gehaltvollste und vollständigste Sammlung chinesischer Gegenwartskunst zusammengetragen hat, mit 250 Exponaten seiner aus mehr als 1200 Werken bestehenden Sammlung an die Öffentlichkeit getreten. Die ausgewählten Stücke werden thematisch so kombiniert, dass die Ausstellung nicht nur einen Zugang zur zeitgenössischen chinesischen Kunst, sondern auch zum heutigen China eröffnet. Sie vermittelt einen Einblick in jene Entwicklungen, die seit der Ära Deng Xiaoping, mit atemraubendem Tempo und in Wechselwirkung mit der westlichen Welt, Wirtschaft, Architektur und Kunst beleben.

Die in zwölf Themenblöcke gegliederte Ausstellung zeigt einerseits «Welt-Kunst». So des Sammlers Sigg Bezeichnung für Kunst, die auch ohne chinesisches Kontext-Wissen zugänglich ist. So mokieren sich die im Themenblock «Westliche Kunst aus chinesischer Sicht» gruppierten Künstler in unbefangener Art über westliche «Ikonen». Der 1966 geborene Zhou Tiehai ersetzt in den beiden Bildern «Black Dress Camel» und «Mrs. Deville» aus seinen «Placebo Series» die Gesichter englischer Adliger aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch aus der Werbung bekannte Kamelköpfe, während Yue Min Jun (1962) Hodlers 1910 entstandenes Gemälde «Der Holzfäller» im Jahre 2005 ohne Holzfäller als blosse Landschaft zeigt. Daneben erfordern Themenblöcke wie «Stadt versus Land», «Schrift als Malerei» oder «Individuum versus Gesellschaft» eine eigene Auseinandersetzung mit dem Leben im heutigen China und mit der chinesischen Tradition.

Einen besonderen Teil der Sammlung bilden die 330 Scherenschnitte und 2’000 Plakate mit Darstellungen Maos. Sie wurden Sigg von einem alten Chinesen persönlich übereignet, und der Sammler hat sie in der Folge durch weitere Propagandabilder ergänzt, die als Poster in millionenfacher Ausführung in den chinesischen Haushalten hingen. Abbildungen des «Grossen Vorsitzenden» sind in allen Themenblöcken präsent und bilden eine Art Leitfossil. Der Sozialistische Realismus ist auch für die heutigen Künstler von zentraler Bedeutung. Er bildet sowohl die Brücke zur Vergangenheit als auch die Herausforderung zu neuen eigenständigen Traditionen. So ist der Zynische Realismus, bei dem die Aufbruchstimmung durch Resignation ersetzt wird, eine künstlerische Reaktion auf die dramatischen Ereignisse von 1989, als auf dem Platz des Himmlischen Friedens eine Studentendemonstration durch Panzer niedergewalzt wurde. Viele Kunstschaffende wandten sich in der Folge mehr nach innen, oder sie suchten ihr Heil in der Persiflage und Groteske. Der 1962 geborene Yue Min Jun gilt als einer der ganz Grossen dieser Strömung. Sein stets wiederkehrendes Sujet ist der «silly man»: ein lachender Chinese mit einem zu grossen Mund und zu vielen Zähnen. Dieser Mann ist ein zynisches Selbstporträt des Künstlers. Einzeln wirkt die Figur lächerlich, in 25-facher Ausführung, wie sie die Skulpturengruppe «2000 A.D.» zeigt, jedoch fast bedrohlich. So wirkt auch die Ausstellung: faszinierend, gleichzeitig aber bedrohlich in ihrer Fülle und Farbigkeit.

Die Ausstellung «Mahjong – Chinesische Gegenwartskunst aus der Sammlung Sigg» ist parallel bis zum 16. Oktober 2005 im Kunstmuseum Bern (www.kunstmuseumbern.ch) und bis zum 28. August 2005 in der Holcim im Holderbank (www.holcim.ch) zu sehen.

JULIANA SCHWAGER-JEBBINK berichtet für die «Schweizer Monatshefte» über Kunstausstellungen. Sie lebt und arbeitet in St. Gallen und Zürich.

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