Magische Insel

Das irische BIP-Wunder gibt Rätsel auf

26,3 Prozent. Das war die Höhe der realen Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von Irland im Jahr 2015. Das BIP beschreibt die Wertschöpfung, die während eines Jahres in einem Land stattgefunden hat. Es umfasst also den Wert aller im Land produzierten Produkte und Dienstleistungen abzüglich der dafür aus dem Ausland bezogenen Vorleistungen (Importe). Seine Wachstumsrate ist eine ziemlich reale Grösse, realer zumindest als Zinsen und Inflation, müsste man meinen. Schon Zuwächse von über 5 Prozent sind in entwickelten Ländern ein sehr aussergewöhnliches Ereignis. Aber 26,3 Prozent? Das kennt man nur von afrikanischen Staaten, die ihre gesamte volkswirtschaftliche Gesamtrechnung umstellen. Die Ökonomen waren dementsprechend sprachlos – was absolut bemerkenswert ist, denn üblicherweise haben sie für alles, was passiert ist, eine Erklärung – nur wenn sie darlegen sollen, was passieren wird, liegen sie schrecklich oft daneben.

Die irische Bevölkerung spürte jedenfalls nicht viel vom unerwarteten Wohlstandsboost, der die Grüne Insel bezüglich BIP pro Kopf wieder deutlich an der Schweiz vorbeiziehen liess: Der Rückgang der Arbeitslosigkeit von 11,3 auf 9,4 Prozent war das Resultat der zu erwartenden konjunkturellen Erholung, das verfügbare Haushaltseinkommen stieg um 3,8 Prozent, der private Konsum um 4,2 Prozent und die Lebenserwartung um einen Monat. In anderen oft verwendeten Indikatoren – naturgemäss jenen, die ganz salopp in Prozent des BIP ausgedrückt werden – schlug sich der BIP-Anstieg dafür umso drastischer nieder: Die Staatsverschuldung fiel von 122 auf 89 Prozent, obwohl Irlands Staatshaushalt auch 2015 defizitär war. Und die Staatsquote sank von 37,5 auf 28,5 Prozent, womit Irland seit 2015 plötzlich den schlanksten Staat aller OECD-Länder aufwies, während es sich im Vorjahr noch mit dem Platz zwischen Lettland und den USA begnügen musste.

Letztlich schloss man, der drastische BIP-Sprung müsse mit der Verlagerung von Steuersitzen grosser Firmen – hauptsächlich aus dem Industriesektor, dessen Grösse sich gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelte – zu tun haben. Von der Verlagerung dieser Steuersitze wusste man allerdings schon im laufenden Jahr, trotzdem wurde ein Wachstum von «nur» 7,8 Prozent prognostiziert. Ganz erklärt ist Irlands BIP-Segen bis heute nicht. Zitiert wird er trotzdem gerne. Und mit Kommastelle sieht er besonders glaubwürdig aus. Auch wenn er am Leben auf der Insel kaum etwas verändert hat.


Lukas Rühli
ist Redaktor dieser Zeitschrift.