Machtfaktor Citoyen

Die Rolle der Gesellschaft im «Gleichgewicht der Kräfte» ist ein blinder Fleck geblieben. Jedes Staatswesen wird nur unter dem Druck seiner Bürger besser.

Machtfaktor Citoyen
Daron Acemoglu, fotografiert von Jared Charney.

Herr Acemoglu, in Ihrem Buch geht es um den «engen Korridor der Freiheit», also die Umstände, in denen Freiheit überhaupt gedeihen kann. Was bedeutet dieses Bild konkret?
Es gibt zwei grosse Erklärungsmuster, die bisher vor allem diskutiert wurden, wenn es um die Frage geht, wo unsere Freiheit herkommt. Entweder leitet man Freiheitsgewinn überwiegend aus der Abwehr oder Bekämpfung von staatlicher Einflussnahme ab. Oder man richtet das Augenmerk auf die Notwendigkeit von Gesetzen und Institutionen. Bei letzterer verhindert der Staat die Schlechterbehandlung bestimmter Gruppen. Je nach Perspektive sind beide Positionen sowohl falsch als auch richtig. 

Wie das?
Natürlich gab es historisch gesehen jede Menge an Unterdrückung von Rechten und Freiheiten; ebenso kann man jedoch auch die Schwäche von staatlichen Institutionen in Verbindung bringen mit dem Recht des Stärkeren, dem Primat gesellschaftlicher Normen oder Traditionen, die Freiheiten eingeschränkt oder zu Gewalt geführt haben. Hier kommt der «enge Korridor» ins Spiel: Es geht um ein Gleichgewicht zwischen gesellschaftlicher Aktivität, Mobilisierung und politischem Engagement einerseits und dem staatlichen Gewaltmonopol, Daseinsfürsorge und Regulierung andererseits, welche Ungleichheit und Ineffizienz davon abhalten soll, die Freiheit komplett auszulöschen.

Das klingt etwas nach dem Motto der Reifenfirma Pirelli: «Power is nothing without control.» Ihr Buch ist ein Stück Universalgeschichte geworden, vom Gilgamesch-Epos der Sumerer von ca. 3000 v.Chr. bis zur staatlichen Überwachung von heute. Was hat Sie am meisten überrascht?
Was wir als Autoren zu zeigen hoffen, ist, dass dieses Gleichgewicht a) extrem schwierig zu bewerkstelligen ist und b) bei bestehendem Ungleichgewicht stets die Freiheit gelitten hat oder ihre Entfaltung unmöglich wurde. Es gibt viele Dinge, die mich überrascht haben, aber sicher war es vor allem der Umstand, dass wie schon vor Tausenden von Jahren – nehmen wir das Gilgamesch-Epos oder das antike Griechenland – Menschen bereits gedanklich mit diesem Gleichgewicht gerungen haben. Es wirkte wie eine Bestätigung aus der Geschichte für unsere heutige Forschung, dass man sich früher schon zugleich vor der Existenz und Abwesenheit des Staates fürchtete. 

Griechenland gilt ja als Geburtsort der modernen Demokratie.
Wie skeptisch die Menschen in der attischen Demokratie waren, wird dabei aber oft unterschlagen. Dieser Skeptizismus war die entscheidende Zutat, um Institutionen hervorzubringen, die den Staat kontrollierten – daraus folgte die Erfindung der stärksten und am besten entwickelten Staatsform weltweit.

«Wo die Gesellschaft als Kraft ausfällt, bleibt staatliche Ordnung die Kopfgeburt irgendeiner Elite.»

Die Bürger kontrollierten die Eliten effektiv und liessen ihnen zugleich eine lange Leine, um z.B. ein modernes Strassensystem, Waisenhäuser, Sozial­fürsorge, ein staatliches Rechts-, Steuer- oder Geldsystem aufzubauen. Die Athener wussten, dass sie gute Institutionen hatten, um den Staat zu kontrollieren. Daher räumten sie dem Staat auch eine gewichtigere Rolle ein.

Die Frage nach dem Gleichgewicht der Kräfte ist ja nicht gänzlich neu, wenn wir mal an Montesquieus Gewaltenteilung oder Lord Actons These von der Korrumpierbarkeit der Macht denken. Was haben denn die grossen Denker übersehen? Und was ist das Neue an Ihrer These?
Ich meine, dass diese Denker zu 60 Prozent richtig lagen. Was sie jedoch deutlich unterschlagen haben, war die aktive Rolle von Gesellschaften. Nehmen wir das Gilgamesch-Epos der Sumerer. Dort wird dem Herrscher ein Doppelgänger, eine Art gleichmächtiger Zwilling, zur Seite gestellt, der ersteren kontrollieren soll. Doch zwei Giganten, die sich gegenseitig bekämpfen, sorgen für allerlei Unsicherheiten. Diese Idee fällt ausserdem in sich zusammen, wenn beide Giganten ihre Kräfte bündeln. Man kann daran zweifeln, ob verfassungsrechtliche «Checks and Balances» dies verhindern würden, sowohl der amerikanische Verfassungsvater Madison als auch Montesquieu wollten das nicht gänzlich zugeben. Die Gesellschaft als Mitspieler, um aktiv bei der Kontrolle von Politikern und staatlichen Institutionen mitzumischen, braucht es einfach. Wo die Gesellschaft als Kraft ausfällt, bleibt die gesellschaftliche…

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den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»