Macht und Ohnmacht der Ideen

Die «Tragödie der Mittel» in Schillers «Don Karlos» Noch ehe die Französische Revolution zur blutigen Schreckensherrschaft wurde, hat Schiller – jenseits und vor der geschichtlichen Erfahrung – im «Don Karlos» illustriert, dass die Macht die Ideen frisst, wenn diese Autorität gewinnen wollen.

In der zehnten Szene des dritten Akts zeigt Schillers «Don Karlos» (1787) ein Kabinettstück des politischen Theaters: Ein zum Hochverrat Entschlossener wird von dem Mächtigen, den er zu stürzen plant, zu einer Privataudienz geladen, an deren Ende er, obgleich er den Souverän mit hochverräterischen Ideen überrascht hat, zum neuen Vertrauten der Krone avanciert. Künftig findet er unangemeldet bei seinem König Gehör. Das Madrid des ausgehenden 16. Jahrhunderts verwandelt Schiller in einen Schauplatz, auf dem die politischen Ideen des 18. Jahrhunderts um Vormacht streiten. Der Gedankenhimmel, den Marquis Posa vor den Augen des Königs Philipp beleuchtet, in dessen Weltreich die Sonne nie untergeht, hat zwei Fixsterne: sie tragen die Namen Montesquieu und Rousseau.

Freiheit, nicht Maschinenglück

Von Montesquieu leiht Posa das Instrumentarium zur Analyse der politischen Systeme: Monarchien, so erläutert der Malteserritter, den Schiller mit dem Gedankengut der Aufklärung ausgerüstet hat, leben von der Ehrsucht der Höflinge, die aus der Hand ihres Herrschers nur «Maschinenglück», nicht aber Freiheit empfangen; für ihn selbst besitze jedoch die Tugend einen «eignen Werth», den der feudale Dienst niemals aufwiegen könne. In Montesquieus Abhandlung «De l’esprit des lois», die er gemeinsam mit seinen Freunden Huber und Körner 1785 in Loschwitz genauer studierte, hatte Schiller das Muster für diese Zuordnung gefunden: Während in Monarchien allein die Ehre zähle, so führte Montesquieu aus, lebe die Republik – im 18. Jahrhundert zugleich ein Synonym für den «Staat» – von der Tugend ihrer Bürger. Posas Ideal der «Gedankenfreiheit» – eine Formel, die sich ihrerseits aus Voltaires «liberté de penser» («Dictionnaire philosophique», 1764) herleitet –, stützt sich auf die feste Überzeugung, dass der Staat dem Menschen, nicht aber dieser der Institution zu dienen habe. Insofern verteidigt Posa in seiner couragierten Rede vor dem König keineswegs das Modell der verfassungsgestützten Monarchie, sondern – prinzipieller – die Autonomie des Individuums, die zunächst im Raum seiner intellektuellen Selbstentfaltung und erst in zweiter Hinsicht auf der juristisch-politischen Ebene der Staatsordnung sichergestellt werden könne.

Freiheit, keine Kirchhofsruhe

Der Posa der Audienzszene proklamiert eine intellektuelle Freiheit des Menschen, die der wahre Souverän, wie Gott die von ihm geschaffene Natur, zu schützen habe. Gegen diese Argumentation setzt der König ein Denkmodell, das aus Hobbes› «Leviathan» stammt: In seinem Staat, erklärt er, blühe «des Bürgers Glück in nie bewölktem Frieden». Es ist das graue Programm der inneren Sicherheit, das hier zu Gesicht kommt: Glück entsteht durch Frieden als Zustand der Sekurität jenseits innerer und äusserer Kriege. Posa nennt dieses Stadium, in dem sich die Ordnungsutopie des absolutistischen Zeitalters enthüllt, die «Ruhe eines Kirchhofs». Seine Kritik am Stabilitätsdenken des Monarchen Philipp verweist auf den zweiten Fixstern, der über Schillers grosser Szene leuchtet, auf Rousseau. In dessen Schrift über den Gesellschaftsvertrag («Du contrat social», 1762) konnte Schiller auf Sätze stossen, die sich seinem Gedächtnis einbrannten, weil sie ins Herz des Absolutismus zielten: «Man wird sagen, dass der Despot seinen Untertanen die bürgerliche Ruhe sichert. Mag sein; aber was gewinnen sie dabei, wenn die Kriege, die sein Ehrgeiz ihnen zuzieht, wenn seine unersättliche Gier, wenn die Misshandlungen unter seiner Regierung sie elender machen als gegebenenfalls ihre eigenen Zerwürfnisse? Was gewinnen sie, wenn diese Ruhe gerade eines ihrer Leiden ist? Auch in den Verliesen lebt man in Ruhe; genügt das, um sich dort wohl zu fühlen?»

«Maschinenglück», «Ruhe eines Kirchhofs» – das sind Metaphern, die aus dem Arsenal von Rousseaus Anklagerhetorik stammen. Schiller bestückt seinen Malteserritter, einen spanischen Granden des 16. Jahrhunderts, mit den Argumenten der spätaufklärerischen Absolutismuskritik. Posa allerdings, der Anwalt der Menschenrechte, verwickelt sich am Ende in den Schlingen seiner politischen Ambitionen. Was ihn antreibt, ist wieder ein verdecktes Streben nach Macht, das…

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