Macht braucht Misstrauen
Alexander Grau, zvg.

Macht braucht Misstrauen

Überwachung ist im Kern totalitär. Weil sie dem Machterhalt einiger weniger dient, braucht es ein Gegen­gewicht des Misstrauens seitens der Bürger. Ein Rundgang durch die Kulturgeschichte des Überwachens.

«Scientia est potentia» (Wissen ist Macht), formulierte einst Francis Bacon. Und als Staatsanwalt und zeitweiliger Lordkanzler war sich der Philosoph der Doppeldeutigkeit dieser Worte mit Sicherheit bewusst. Denn nicht nur wissenschaftliche Erkenntnis verleiht Macht, sondern auch das Wissen um Geheimnisse, um Intrigen und Verschwörungspläne.

Dass das Information Awareness Office (IAO) des amerikanischen Verteidigungsministeriums Bacons Sentenz als Wahlspruch wählte, ist sicher kein Zufall. Als Symbol diente ihm bezeichnenderweise das Auge der Vorsehung, das die Weltkugel in Blick nimmt. Gegründet wurde das IAO 2002 nach den Anschlägen von 9/11, um alle verfügbaren Daten der US-Bürger zu sammeln und nach verdächtigen Mustern zu suchen. Inzwischen ist das Projekt in dem Programm ADVISE aufgegangen.

Die lange Geschichte der Überwachung

Informationen über seine Bürger zu horten, ist allerdings kein Privileg des modernen Staates. Schon Julius Cäsar unterhielt eine Geheimpolizei, um über die Schachzüge seiner innenpolitischen Gegner im Bilde zu sein. Genutzt hat es ihm wenig, wie wir wissen.

Dennoch haben Herrscher aller Zeiten und aller Systeme immer wieder versucht, Informationen über gesellschaftliche, soziale und politische Bewegungen zu sammeln, über politische Gegner, bedrohliche innenpolitische Entwicklungen oder feindliche Aktivitäten im Inland. Denn Macht, egal ob in der Hand eines einzelnen oder eines Systems, ist immer bestrebt, sich selbst zu erhalten. Entsprechend versuchen Machthaber all jene zu identifizieren, die ihre Macht in Frage stellen oder sogar an deren Beseitigung arbeiten.

Also wurden schon in vorelektronischen Zeiten Briefe abgefangen und geöffnet, Schubladen durchwühlt, Menschen ausgefragt und Bürger beschattet. Spitzeldienste gelten daher als das zweitälteste Gewerbe der Welt. Und das achte Gebot, du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten, ist ein sicherer Hinweis darauf, dass Bespitzeln und Denunzieren der Mitmenschen zu den festen Kulturerrungenschaften menschlicher Gemeinschaften gehören. Die wirklich gefährlichen Verräter sind selten irgendwelche verbeamteten Agenten, sondern zumeist gewöhnliche Nachbarn. Am Dogenpalast in Venedig zeugt noch heute das berühmte Löwenmaul von der Bereitschaft der Bürger, ihren Mitmenschen nachzustellen und sie zu verleumden. Wenig subtil forderte die Staatsinquisition dort: «Geheime Denunziationen gegen diejenigen, die Gefallen und Pflichten verheimlichen oder sich im Geheimen absprechen, um deren wahren Gewinn zu verbergen.»

Der Mensch, das neugierige Tier

Das alles funktioniert, weil Menschen von Natur aus neugierig sind. Und weil Homo sapiens zudem ein soziales Wesen ist, findet er kaum etwas interessanter als die persönlichen Geheimnisse seiner Artgenossen – insbesondere, wenn sie ihn nichts angehen. Tratsch und Gerede gehören daher zu jeder menschlichen Gemeinschaft. Mehr noch: Tratsch und Gerede konstituieren geradezu eine Gruppe. Sie sind der soziale Kitt, der Zugehörigkeit beglaubigt, den Eingeweihten von dem Fremden trennt und Identität stiftet.

Überwachen und Denunzieren sind so gesehen nur die hässlichen Ausformungen eines Sozialverhaltens, das evolutionspsychologisch grundlegend für den Menschen ist. Deshalb ist es so einfach zu instrumentalisieren. Unsere Neugier an den Intimitäten unserer Mitmenschen ist geradezu zwanghaft und es bedarf mitunter grosser Selbstdisziplin, ihr nicht nachzugeben. Also wird sie streng sanktioniert. Denn kaum etwas ist so verpönt wie der Nachbar, der hinter Hecke oder Vorhang verborgen sein Umfeld ausspioniert und seine Erkenntnisse in der Nachbarschaft verbreitet. Diese klare Abwertung und Bestrafung eines im Grunde angeborenen Sozialtriebs spricht dafür, dass soziale Überwachung in der Gruppe eben nicht nur integrierend wirkt, sondern zugleich sozialen Sprengstoff birgt.

Da Überwachen und Bespitzeln aus diesem Grunde verpönt ist, wird es so gut wie immer moralisch gerechtfertigt. Der Nachbar, der hinter dem Gartenzaun überwacht, ob nebenan der Müll ordentlich getrennt wird oder die wöchentliche Putzhilfe auch nicht schwarz arbeitet –, er sieht sich nicht als Spanner, sondern als Hüter von Recht, Anstand und Ordnung. Moral wird hier zum Feigenblatt, das ein an sich fragwürdiges Verhalten nicht nur rechtfertigen, sondern geradezu adeln soll. Der niedrige Instinkt, den anderen auszuspähen,…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»