Mach doch einfach!

Soziale Mobilität wird nicht nur durch schlechte Institutionen oder ökonomische Fehlanreize blockiert – oft stehen sich Menschen einfach selbst im Weg. Was hält sie zurück?

Stefanie Hauser möchte nicht mehr. Sie hat ihre Stelle in einer Kantine gekündigt, nun jobbt sie ein bisschen, mal hier, mal da. Hauser, die eigentlich anders heisst, aber ihren Namen nicht in den Medien lesen will, hätte alle Chancen gehabt: Eltern, die sie finanziell unterstützen, gute Lehrer, die an sie glaubten, anständige Noten. Aber Hauser wollte nicht. Die obligatorische Schulzeit führte sie mit Ach und Krach zu Ende, machte eine Lehre. Nach einem Jahr wechselte sie die Lehrstelle: Sie wählte einen neuen Betrieb, in dem die Anforderungen nicht so hoch waren. Dabei hätten Talent und Fähigkeiten für die anspruchsvollere Stelle durchaus gereicht. Keine zwei Jahre später kündigte sie.

Darf man das, sein Potenzial brachliegen lassen, auf Ambitionen und damit einhergehende Aufstiegschancen pfeifen? Die 22-Jährige sagt: «Natürlich darf ich das.» Klar, die Karriereeltern, die ihre Gesundheit für den Beruf geopfert hätten, hätten sie nicht kalt gelassen, räumt sie ein. Aber eigentlich glaube sie nicht, dass das der Grund sei. «Ich bin einfach so», erklärt sie. Dabei klingt sie selbstgewiss und ruhig, nicht fatalistisch, nicht gehässig, sondern wie jemand, der sich selbst gut einschätzen kann. So wie andere nicht gerne aufräumen oder Lauch essen, steckt sich Hauser nicht gern höhere Ziele. Sie vermisst nichts.

Warum wagen manche Menschen nicht viel, sind mutlos und wollen sich nichts erträumen? Vielleicht ist die Antwort banal: Sie wollen nicht, denn ihre Bedürfnisse sind gedeckt. Und: wer weniger Bedürfnisse hat, muss auch weniger stillen. Die meisten von uns wollen allerdings doch ein bisschen mehr – und stehen sich dabei nicht selten selbst im Weg. So wie andere vor dem Schlafengehen selbstverständlich immer noch kurz lüften oder ein Glas Wasser trinken, glauben auch viele Menschen, es einfach nicht schaffen zu können. Was hält sie auf?

Wer wir zu sein glauben

Wer wir sind, was wir erhoffen und wo wir hinzugehören glauben, hat sehr viel damit zu tun, was wir uns selbst zuschreiben. Der Soziologe Pierre Bourdieu prägte in den 1970er Jahren den Begriff des «sozialen Habitus». Damit beschreibt er Handlungen, die bestimmen, mit welcher sozialen Schicht wir uns identifizieren. Ob wir regelmässig ins Museum oder in die Oper gehen oder zumindest das Gefühl haben, dorthin zu gehören, das bestimmt nicht nur der Zufall, sondern vor allem unser prägendes Umfeld.

Ähnlich verhält es sich mit den Dingen, die wir im Leben erreichen möchten. Die Grenzen und Möglichkeiten, die wir uns selber geben, hängen eng damit zusammen, ob es sich in unserem Mikrokosmos «schickt» – sei es in der Familie, im Beruf, im Freundeskreis: «In unserer Familie stimmen wir nicht für die SVP»; «Ich bin bodenständig»; «Ich komme aus einer Unternehmerfamilie». Das mögen alles plausible Gründe sein, warum wir so oder so handeln oder mit wem wir uns identifizieren. Aber solche Sätze schränken auch ein: Wir geben uns damit einen Rahmen, stecken also unbewusst die Grenzen dessen ab, was für uns denkbar (und damit potenziell möglich) ist. Solche Aussagen prägen unsere Moral und unsere Handlungen – ohne dass wir vorher reflektiert haben, ob wir das tatsächlich wollen. Und im Zweifel halten uns solche Zuschreibungen zurück, nach mehr zu streben. Das Perfide: wir kommen kaum je auf die Idee, diese akzeptierten Prägungen zu hinterfragen, und treffen deshalb oft Entscheidungen, die uns neue Wege verbauen.

Verlieren tut weh

1984 machten Amos Tversky und Daniel Kahneman, der spätere Wirtschaftsnobelpreisträger, eine interessante Entdeckung: Sie stellten fest, dass der Schmerz, etwas zu verlieren, schwerer wiegt als die Freude, die wir aus Gewinn und Erfolg ziehen. Die Forscher nannten dieses Phänomen «loss aversion», zu Deutsch: Verlustaversion.

Dieses Muster greift sogar in Fällen, in denen man mit gleicher Wahrscheinlichkeit doppelt so viel gewinnen kann, wie…