(M)eine Entdeckungsreise

Er ist das Kind einer Bauernfamilie, die in der Grossen Depression ihren Hof verliert. Er hat keinen Grund, den Markt zu mögen. Doch als er zu experimentieren beginnt, findet er heraus, wie sich Menschen auf Märkten wirklich verhalten. Nobelpreisträger Vernon L. Smith über Erkenntnisse seiner Forschung.

(M)eine Entdeckungsreise

In ungewöhnlichen Zeiten wie der aktuellen grossen Rezession oder der Depression in den 1930er Jahren lässt sich feststellen: Märkte und Unternehmen werden dämonisiert, der «Klassenkampf» nimmt zu. Diese Aufwallungen entspringen einem natürlichen Gefühl von Wut, die sich einstellt, wenn sich jemand äusseren Umständen jenseits seiner Kontrolle ausgeliefert sieht. Als vernunftbegabte Spezies wollen wir glauben, dass solch schreckliche Umstände beherrschbar sein müssen; es kommt bloss darauf an, die Kontrolle in die Hände von Leuten zu geben, die durch Vernunft geleitet sind und der «richtigen» politischen Linie folgen. Die schlechte Nachricht ist leider, dass diese Idealvorstellung Wissen und Macht von Menschen übersteigt. Unser Wissen ist zu beschränkt, als dass wir in der Lage wären, Risiko und Unsicherheit in unserem kollektiven Leben zu vermeiden.

 

Unser Feind hiess «Kapitalismus»

Ich bin während der Depression inmitten einer sozialistischen Familie und eines sozialistischen Freundeskreises aufgewachsen. Unser Feind hiess «Kapitalismus», er war die von uns ausgemachte Wurzel von Ungleichheit, Stagnation, Armut und Krieg. Meine Eltern verloren 1934 ihre Farm in Kansas in einer Zwangsvollstreckung an ihren Hypothekengläubiger, als ich sieben Jahre alt war. Die Früchte des Zorns haben sie am eigenen Leib erfahren. Verborgen blieb meinen Verwandten und Freunden allerdings zunächst, dass die typische Hypothek grösser war als der Betrag, den der Gläubiger mit dem Verkauf der als Pfand hinterlegten Sicherheit – in unserem Fall die Farm – eintreiben konnte. Es entstand, anders gesagt, ein totaler Wertverlust, der schliesslich zwischen Gläubiger und Schuldner aufgeteilt wurde.

Beide unter dem Wertverlust leidenden Seiten mögen sich wehmütig in Erinnerung gerufen haben, was Polonius in Shakespeares «Hamlet» sagt:

Entlehne nicht und leih auch nicht;
beim Leihen
Geht oft das Geld verloren 
und der Freund,
Und Borgen stumpft den Sinn 
fürs Sparen ab.1

 

Aber Wehmut war die Sache meiner Eltern nicht. In solch schwieriger Lage war in meiner Familie eine andere Reaktion vorgesehen: «we shall overcome» – wir müssen, wir werden das überwinden. Wir profitierten vom Privileg, in einer freien Gesellschaft zu leben, in der jeder aus dem Gefühl des Unterdrücktseins herauswachsen kann, indem er die Gelegenheit ergreift, die sich ihm bietet.2 Mein grosses Glück dabei war, dass ich motivierte Eltern hatte, die ihre Sprachkenntnisse aus der achten Klasse zu lebenslangem Lernen nutzten. Die Neugierde und Bildung meiner Eltern war sozusagen meine Startrampe, und ich war der erste aus dem erweiterten Fami-
lienkreis, der sowohl das College abschloss als auch höhere Diplome erlangte.3

 

Der Beginn einer langen Entdeckungsreise

Auf dem College begann ich mit einem Studium der Natur- und Ingenieurswissenschaften. Doch die Depression hatte offenbar dauerhafte Spuren in meinen Gehirnwindungen hinterlassen, und so entschied ich mich schliesslich, Ökonomie zu studieren. Erst hier entdeckte ich den Marktplatz als Ort von komplexen menschlichen Interaktionen.

Als ich 1955 meine Stelle als Assistenzprofessor an der Purdue-Universität antrat, meinte es das Schicksal wiederum gut mit mir. Ich hatte viele junge Kollegen um mich herum, die einen offenen Geist besassen und mich dabei unterstützten, in der Forschung und Lehre neue Wege zu gehen. Schon früh begann ich mich ausserhalb der vertrauten Bahnen unserer akademischen Ausbildungen in Chicago, Harvard, Stanford, Oxford und Johns Hopkins zu bewegen.

Ich gab als Assistenzprofessor einführende Kurse über die Grundlagen der Ökonomie. Als ich meinen Studierenden den Zusammenhang zwischen den traditionellen Gleichgewichtstheorien und den Entscheidungen und Handlungen realer Menschen auf den Marktplätzen dieser Welt zu erklären versuchte, fühlte ich mich unwissend. Die ökonomische Theorie beschäftigte sich mit Geschichten von statischen Gleichgewichtszuständen – und nicht mit Entdeckungsprozessen, Wandel und ökonomischer Evolution. Aber genau diesen Entdeckungsprozessen wollte ich unter realen Bedingungen auf den Grund gehen. So begann ich mit meinen Experimenten. Der Leser möge sich vorbereiten – nun folgt…