Lust und Blut im 1. Bezirk

«Joseph Birnbaum, ein fünfzigjähriger, glatzköpfiger Biologielehrer aus einer kleinen Ortschaft am Neusiedlersee im Burgenland und Präsident einer dortigen ornithologischen Gesellschaft, bestieg bei Tagesanbruch, es war ein heller, aber kalter Oktobermorgen, den Zug nach Wien in der Absicht, sich während einer Woche im Naturhistorischen Museum gründlichst mit den dortigen Sammlungen auseinanderzusetzen.» Ein Anfang im wahrhaft klassischen Sinne, wie in germanistischen Fachbüchern beschrieben. Es ist der erste Satz von Gianni Kuhns neuem Werk «Tage in Wien». Die Gattungsbezeichnung lautet unmissverständlich «Novelle», und die sieben Kapitel heissen simpel «1. Tag», «2. Tag» et cetera, bis zum «7. Tag» eben. Was darf man da erwarten? Klassisches und Strenges? Künstliches und Ausgedachtes? Oder doch das pralle Leben, durch Form gebändigt? Allein schon der Schauplatz, die von Künstlern und Literaten immer wieder neu und immer wieder anders beleuchteten Bezirke der österreichischen Hauptstadt, weckt nicht gerade geringe Erwartungen.

Etwas verstört wirkt Kuhns Held von Anfang an, wie er dasteht zwischen dem Naturhistorischen und dem Kunsthistorischen Museum. Und als er sich spontan dafür entscheidet, erst einmal die Sonderausstellung über den «Ötzi» zu besuchen, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Nach gerade sechs Buchseiten liegt ein blutender Mann in der Ausstellung, von einem Pfeil getroffen, und der Unfallhergang ist durchaus nicht klar. Juditta von Krems, Kellnerin im Museumscafé Nautilus, beruhigt den Verstörten, die Mordkommission ermittelt, und Birnbaum schluckt mehrfach leer. Seine erste Wiener Nacht ist unruhig, am folgenden Tag läuft er ziellos durch die Stadt, um dann doch wieder im Kunsthistorischen Museum zu landen. Immer mehr spürt Birnbaum einen «Sog zurück in die Vergangenheit». Gemälde von Rubens oder Breughel berühren ihn tief. Eine der Folgen davon: «Der Unterschied zwischen den gemalten und den echten Menschen schien ihm kleiner als je zuvor.» Die nächste Katastrophe lässt nicht auf sich warten. Die Grenzen zwischen Kunst und Leben werden fliessend, und die «Tage in Wien» werden von Seite zu Seite absurder.

Der Leser streift mit dem Tagtraum-Helden durch berühmte Wiener Kaffeehäuser, schlendert über den Naschmarkt, gerät hinaus zum Zentralfriedhof und stürzt bei der Morgenarbeit der Spanischen Hofreitschule in die sandige Arena – wer die Topographie Wiens neu erleben möchte, samt dazugehörigen melancholischen Stimmungen, wird seine Lesefreude haben. Und der Tod ist stets recht nah: «Eine Gruppe von Japanern, die sich hier in Wien sichtlich wohl fühlten, tat sich gütlich an hochroten Eibenbeeren, deren Steine sie lachend ausspuckten. Ansonsten hätten sie, das wusste er als Biologe, den Schmaus wohl nicht überlebt.» Die Grenzlinie zwischen Erinnerung und Realität gerät immer mehr ausser Sicht, Mattigkeit kommt auf, Nebel durchzieht die Stadt, und schleimige Albträume quälen den armen Birnbaum. Die letzten Seiten dieser irritierenden und zugleich zauberhaften Novelle bringen noch einige Überraschungen. Aber da weiss man schon längst, dass Gianni Kuhn ein faszinierendes kleines Meisterwerk geschrieben hat.

vorgestellt von Klaus Hübner, München

Gianni Kuhn: «Tage in Wien». Eggingen: Edition Isele, 2008

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»