Lügen in New York

Banden im Hafenviertel und in der Stadtverwaltung; feinste Küche, erlesene Weine, Brandkatastrophen, freie Wirtschaft und ein florierender Kunsthandel, manche Bilder sind sogar echt; gesellschaftliche Aufstiege, Kriminalprozesse, zuweilen Morde, und die Einsamkeit der Erfolglosen; Liebesgeschichten, Verführungsgeschichten, Bordellgeschichten; Zahlen über Zahlen, Einzelschicksale; Stadtpläne, Statistiken, Zeichnungen, Gemälde, Rezepte, die Geschichte eines Schweizer Auswanderers im New York des 19. Jahrhunderts und die Frage, was von all dem stimmt.

Denn ein Buch, das «Schnee im August?» heisst, erweckt ein gewisses Misstrauen. Tatsächlich ist jener Heinrich oder Henry Simens, dessen Lebensgeschichte aufgrund hinterlassener Papiere von seinem Urgrossneffen René Simmen erzählt wird… Oder vielmehr jener vom Autor René Simmen ausgedachte Onkel, der… Wie auch immer, ist dieser art worker, der von Theaterdekorationen, Innenarchitektur, Organisation von Festen und nicht zuletzt von Gemäldefälschung lebt, ein talentierter Schwindler.

Damit haben wir ein Buch, das seine Lügenhaftigkeit ausstellt (ein schönes Kapitel über die Unwahrheit ist auch drin) – und gleichzeitig ein Buch, in dem Unmengen historischen Mate-rials reproduziert sind. Wir haben auf fast 300 grossformatigen Seiten das Nebeneinander von Fiktion und geschichtlichem Beleg.

Von Alexander Kluges Prosasammlungen, die in dieser Hinsicht vergleichbar sind, geht eine produktive Verunsicherung aus: was hat sich wirklich so zugetragen, was ist erfunden? Wer schreibt Geschichte, wer kontrolliert die Erinnerung? Es ist dies ein herrschafts- und ideologiekritischer Zugang, der bei Simmen keine Entsprechung hat. Sein – so der Untertitel – «biographischer Roman» weist ein Ineinander von Biographie und Roman auf. Das Erfundene trägt wie das Gefundene zu einem Epochenbild bei, das letztlich das Positive in den Mittelpunkt stellt. Simmen verschweigt nicht das Schicksal der Verlierer, das Los der Armen, die trotz fleissiger Arbeit nicht weiterkommen. Er stellt die Kosten eines einzigen Kleids dem Monatslohn einer Näherin gegenüber, er berichtet über die gewaltsame Unterdrückung von Gewerkschaften. Die Freude am Fabulieren, die Lust an der Fülle des Materials überdecken jedoch solche Konflikte.

Weniger als von Problemen handelt der Roman von der Vitalität der Menschen in einer Stadt, die sich schnell entwickelt. Der Tod gehört dazu, nachlassende Kraft ist sein Vorbote. Das Buch, das das Leben und seine Kämpfe feiert, bringt gleichzeitig bewegende Geschichten vom Sterben, etwa Lorenzo Delmonicos, eines Napoleon-Verehrers und Chefs einer Kette von Restaurants, in denen die gehobene Gesellschaft sich feiert, vor allem aber das Sterben von Simens selbst, der irgendwann nicht mehr up to date ist, die Grossstadt New York verlässt und in irgendeiner Provinz in Reue verkümmert – bis ganz zuletzt die Gestalten seines Lebens prachtvoll erscheinen.

Elan vital und Verlöschen, Tod und Verklärung: das ist die Wende zum 20. Jahrhundert, an dessen Beginn Simens stirbt. Die Weltsicht der Reichen jener Zeit einerseits, das neuere soziale Bewusstsein anderseits – diesen Konflikt führt der Roman nicht durch. In ihm wird die Welt weniger gedeutet als in ihren verschiedenen Aspekten vorgestellt. Überwältigt von der Unmenge an kulturhistorischem Material, das der Autor zusammengestellt hat, fragt man sich manchmal, wozu das alles. Doch gibt es immer wieder bewegend erzählte Abschnitte und setzt sich die Erzählung gegen die blosse Freude am Sammeln durch.

René Simmen: «Aber Simens, Schnee im August? Ein biographischer Roman». Zürich: Salis Verlag, 2010

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