Ludwig Erhard – Staatsmann und klassisch-liberaler Denker

Ludwig Erhard gehört zum kleinen Kreis jener klassisch liberalen Denker, die nach dem Zweiten Weltkrieg einflussreiche Stellungen in westeuropäischen Volkswirtschaften innehatten. Wenn der Übergang von zentral verwalteter Planwirtschaft zu den Regeln und Mechanismen des Marktes damals manchem Nationalstaat gelang, wenn es im Zuge dieser Transformation auch zu einer bemerkenswerten Wiederbelebung klassisch-liberalen Gedankenguts kam, so ist es vorab diesem kleinen Kreis zu danken. Man denke an Luigi Einaudi in Italien, an Jacques Rueff in Frankreich, Reinhard Kamitz in Österreich, in Deutschland namentlich an Alfred Müller-Armack, der unter Minister Ludwig Erhard als Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik im Bundeswirtschaftsministerium diente.

Die herausragende Figur in diesem Kreis war zweifelsohne Erhard selbst. 1948 wurde er von der britischen und amerikanischen Militärregierung zum Direktor der Verwaltung für Wirtschaft gewählt – zum Chefökonomen jener Doppelzone also, die im Westen Deutschlands aus der Zusammenlegung des britischen und des amerikanischen Besatzungsraums entstanden war. Nach Ausrufung der Bundesrepublik Deutschland, im Anschluss an die Wahlen zum ersten Deutschen Bundestag, wurde er Wirtschaftsminister im Kabinett von Konrad Adenauer. Vierzehn Jahre lang hielt Erhard diese Position und wurde in diesem Zeitraum zum Vater jener Entwicklung der deutschen Wirtschaft, die immer wieder fälschlicherweise als «Wirtschaftswunder» bezeichnet wird, obwohl dieses nichts anderes war als eine Rückkehr zum klassischen Liberalismus.

Der wirtschaftliche Aufbau des schwer kriegsgeschädigten Landes führte die damalige Bundesrepublik innerhalb von zehn Jahren an die Spitze der europäischen Wirtschaften. Nach dem Rücktritt Adenauers wurde Erhard 1963 Bundeskanzler, trat aber nur drei Jahre später zurück, nachdem er sich im Gefolge einer milden Rezession und eines kleinen Defizits im Bundeshaushalt mit wachsendem Widerstand aus den Reihen der eigenen christlich-demokratischen Partei konfrontiert sah.

Ludwig Erhard hatte 1897 als Sohn eines Textilwarenhändlers im stillen fränkischen Städtchen Fürth (nahe bei Nürnberg) das Licht der Welt erblickt. Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg brachte Deutschland eine bemerkenswerte Stabilität und Prosperität; umso grösser war die Ernüchterung nach dem Kriegsausbruch im Sommer 1914. Zunächst absolvierte Erhard eine kaufmännische Lehre in Nürnberg, wurde dann als Artillerist in die bayerische Armee eingezogen, nahm am Kriegsgeschehen teil und wurde 1917 im Zuge der mörderischen Gefechte bei Ypern an der Westfront so schwer verwundet, dass es ihm nicht möglich war, beruflich in die Fussstapfen des Vaters zu treten.

1919 schrieb er sich an der Handelshochschule in Nürnberg ein. 1922 wechselte er an die Universität Frankfurt am Main, belegte betriebs- und volkswirtschaftliche sowie soziologische Fächer und schloss seine Studien drei Jahre später mit einer Dissertation beim bekannten, eher anarchosozialistischen Ökonomen Franz Oppenheimer ab.

Nach einer Zwischenstation als Geschäftsführer des elterlichen Betriebs wurde Erhard 1928 in Nürnberg wissenschaftlicher Assistent und später Stellvertretender Leiter eines «Instituts für Wirtschaftsbeobachtung», das in erster Linie Konsumforschung betrieb und rund 80 Angestellte zählte. 1942 gründete er sein eigenes Konsumforschungsinstitut, das von der Reichsgruppe Industrie finanziert wurde. Anfang 1944 verfasste Erhard eine streng vertrauliche Denkschrift «Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung», in der er von der Voraussetzung eines für Deutschland verlorenen Krieges ausging – ein damals lebensgefährliches Unternehmen. Unmittelbar vor dem Attentat des 20. Juli überreichte er diese Denkschrift Carl Friedrich Goerdeler, der im Zentrum des zivilen Widerstandes gegen das nationalsozialistische Regime stand und später hingerichtet wurde.. Das Attentat scheiterte, Erhards Schrift blieb aber glücklicherweise vor Hitlers Schergen verborgen, obwohl Goerdeler das Memorandum mit der Empfehlung versehen hatte: «Der Mann muss Minister werden».

Auf den eigenen Lebensweg zurückblickend, hielt Ludwig Erhard später einmal fest, die Sternstunde seines Lebens sei am Tag nach der von der britischen und amerikanischen Militärregierung initiierten Währungsreform vom 20. Juni 1948 gekommen. In seiner Eigenschaft als Direktor der bizonalen Wirtschaftsverwaltung reizte er an jenem Tag die Möglichkeiten seiner Stellung bis an ihre Grenzen aus, indem er eine grosse Zahl von Preisbindungen, Rationierungen…

«Der Entkalker fürs Hirn:
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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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