Lob des Scheiterns

Die drei besten Gründe für einen gelassenen Umgang mit Niederlagen.

Wenn nicht jetzt, wann ist sie denn dann – die Zeit, um ernsthaft über das Scheitern nachzudenken? Wir leben in einer Ära beschleunigten Fortschritts. Wir werden Zeugen von in nie da gewesener Geschwindigkeit aufeinander folgenden Fortschritten der Wissenschaften, Künste, Technologien, der Medizin und so gut wie aller anderen menschlichen Errungenschaften. Wir wissen mehr über die Abläufe im menschlichen Gehirn und in fernab gelegenen Galaxien, als sich unsere Vorfahren je vorstellen konnten. Die Konstruktion eines gesünderen, stärkeren, klügeren, hübscheren, langlebigeren Menschen scheint im Gange zu sein. Unsterblichkeit könnte technisch machbar werden – ein mögliches Resultat der immer besseren Biotechnologie.

Ein solches Versprechen fortwährenden menschlichen Vorwärtskommens und Besserwerdens mag hochgradig verführerisch sein. Doch es birgt eine Gefahr: dass in einer «perfekteren» Zukunft das Scheitern obsolet wird.

Warum sollten wir uns um das Scheitern kümmern? Warum sollte die Philosophie sich darum kümmern? Hat sie nichts Besseres zu tun? Die einfache Antwort: Die Philosophie muss sich um das Scheitern kümmern, weil sie intim mit ihm verkehrt. Die Geschichte der westlichen Philosophie ist eine Abfolge von (wenn auch produktivem!) Scheitern. Typischerweise setzt sich jeder nennenswerte Philosoph dadurch von anderen Philosophen ab, dass man deren «Scheitern», «Fehler», «Irrtümer» oder «Blauäugigkeit» hervorstreicht – bloss, um bald selbst als nächster Reinfall abgetan zu werden. Jede neu herangewachsene Generation von Philosophen sieht es als ihre Pflicht an, das Scheitern der vorangegangenen zu betonen: Die Philosophie ist, einerlei, was sie ins Werk setzt, zum Scheitern verdammt. Aber wie ist sie aufgeblüht durch dieses Taumeln von Irrtum zu Irrtum und Jahrhundert zu Jahrhundert! Emmanuel Levinas formuliert es denkwürdig: «Dass sie scheitert, ist das Beste an der Philosophie.» Das Scheitern ist das, wovon die Philosophie zehrt. Was sie am Leben hält. Philosophie ist nur in dem Masse erfolgreich, in dem sie scheitert. Wieso?

 

I. Das Scheitern zeigt uns unsere nackte Existenz

Bei jedem Auftritt enthüllt uns das Scheitern, wie nahe unsere Existenz an ihrem Gegenteil ist. Unser Überlebensinstinkt oder unsere Blindheit bringen uns dazu, die Welt als robusten, verlässlichen, gar unverwüstlichen Ort zu erachten. Man denke nur an unsere Schwierigkeiten, uns eine ohne uns existierende Welt vorzustellen. Wie zitierte noch einmal Goethe aus einem von Goethes Gesprächen? «Es ist einem denkenden Wesen durchaus unmöglich, sich ein Nichtsein, ein Aufhören des Denkens und Lebens zu denken.» In unserer Selbsttäuschung vergessen wir, wie nahe dran am Nichtsein wir sind. Das Versagen einer Flugzeugturbine reicht, um allem ein Ende zu setzen. Zur Not tut es auch ein fallender Stein oder der Ausfall eines Bremssystems. Und selbst wenn es nicht immer fatal endet, bringt das Scheitern doch trotzdem stets den Geschmack existenzieller Bedrohung mit sich.

Das Scheitern ist das jähe Eindringen der Bedeutungslosigkeit in unsere Existenzen. Zu scheitern heisst, die Risse im Gewebe des Seins zu sehen – das ist ein Moment, von dem an sich ein fachkundig verdautes Scheitern als Segen entpuppt. Denn die lauernde, andauernde Bedrohung durch das Scheitern sollte uns die Aussergewöhnlichkeit unserer Existenzen bewusst machen. Dass wir überhaupt existieren, obschon kein Grund dafür spricht. Dieses Wissen gibt uns Würde.

In dieser Rolle hat das Scheitern eine ausgesprochen therapeutische Funktion, leiden doch die meisten von uns (bis auf die Selbstkritischsten und Erleuchtetsten) unter schlechter Anpassung an die Existenz; zwanghaft machen wir uns selbst eine Wichtigkeit vor, die wir so gar nicht haben, und wir verhalten uns, als ob die Welt nur für uns existierte. Schlimmstenfalls setzen wir uns kindlich bis kindisch ins Zentrum von allem und erwarten allen Ernstes, dass der Rest des Universums uns stets zu Diensten sei. Unersättlich verschlingen wir andere Spezies, entblössen den Planeten vom Leben und überladen ihn mit Müll. Das Scheitern kann Gegengift zu solcher Arroganz und Anmassung sein, bringt es doch oft genug Bescheidenheit mit sich.

 

II. Die Fähigkeit zu scheitern ist zentral für unsere Identität

Wir müssen uns diese Fähigkeit erhalten, sie kultivieren und hochschätzen. Es ist entscheidend, dass wir unvollkommene, unvollständige, irrende Lebewesen bleiben; kurz – dass da eine Kluft bleibt zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir sein könnten. Einerlei, auf welche historische menschliche Errungenschaft man schaut – sie wurde nur aufgrund dieser Lücke möglich. In diesem Zwischenraum können Individuen und Gesellschaften etwas erreichen. Nicht, dass wir plötzlich besser geworden wären; wir bestehen nach wie vor aus demselben schwachen, fehlerbehafteten Material. Doch das Spektakel unserer Unzulänglichkeiten kann ab und an so unerträglich werden, dass uns die Scham dazu bringt, ein kleines Gutes zu tun. Ironischerweise ist es also gerade das Ringen mit unserem eigenen Scheitern, das das Beste aus uns herauskitzelt.

Die Kluft zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir sein könnten, ist der Ort, an dem Utopien erschaffen werden. Utopische Literatur auf ihrer Höhe dokumentiert unser Ringen mit persönlichem und gesellschaftlichem Scheitern. Obwohl sie häufig im Exzess und Überfluss ersonnen werden, sind Utopien eine Reaktion auf die Defizite und die Labilität des Seins; sie sind Ausdruck dessen, was wir am meisten missen. Thomas Mores «Utopia» handelt vom England zur Zeit der Entstehung des Werks, nicht so sehr von der dort erdachten Insel. Utopien mögen daherkommen wie Zelebrationen menschlicher Perfektion – liest man sie rückwärts, sind sie spektakuläre Eingeständnisse des Scheiterns, des Unperfekten, der Verlegenheit.

Gäbe es keine utopischen Träumer, so würden wir in einer sehr viel hässlicheren Welt leben. Vor allem würde unsere Spezies ohne Träume und Utopien aufhören zu sein. Angenommen, die Wissenschaft löst eines Tages alle unsere Probleme: Wir werden total gesund sein, unendlich lang leben und unsere Gehirne arbeiten wie Computer. Ich weiss nicht, ob wir dann haben, wofür es sich zu leben lohnt. Wir wären so gut wie perfekt, vor allem aber praktisch tot.

Die Fähigkeit zu scheitern macht uns zu dem, was wir sind. Unser Sein als scheiternde Lebewesen ist die Wurzel jeglicher Aspiration. Das Scheitern, die Furcht davor und der Lernwille, es künftig zu vermeiden, sind Teil eines Prozesses, durch den sich Form und Schicksal der Menschheit entscheiden. Eine solche Fähigkeit ist mehr wert als alle künstlerischen Meisterwerke, Denkmäler oder sonstigen, noch so bemerkenswerten Errungenschaften: eben weil sie jene erst möglich macht.

 

III. Wir sind geschaffen, um zu scheitern

So erfolgreich unsere Leben sind und einerlei, wie clever, arbeitsam und umtriebig wir uns verhalten – dasselbe Ende erwartet uns: das «biologische Scheitern». Die existenzielle Bedrohung dieses Scheiterns ist die ganze Zeit über in uns gewesen, obschon selbstredend die meisten von uns dem Überleben in einem Zustand relativer Zufriedenheit zuliebe vorspiegelten, sie nicht zu sehen. Nichtsdestotrotz hat diese Vorspiegelung nicht verhindert, dass wir uns auf unsere Bestimmung hinbewegen, und zwar schneller und schneller, «im umgekehrten Verhältnis zum Quadrat der Entfernung von unserem Tod», wie Tolstois Iwan Iljitsch es meisterhaft formuliert. Doch Tolstois Protagonist ist keine grosse Hilfe. Die wichtigere Frage ist, wie wir das grosse Scheitern angehen, wie wir es in den Blick nehmen und es annehmen und uns aneignen – wobei der arme Iwan bekanntlich scheitert.

Ein geeigneteres Vorbild dürfte Ingmar Bergmans Antonius Block aus dem Film «Das siebente Siegel» sein. Ein Ritter kehrt von den Kreuzzügen zurück und taumelt in eine Glaubenskrise, ehe er mit dem grossen Scheitern in Menschengestalt konfrontiert wird. Er zaudert keine Sekunde, den Tod anzugreifen. Er flieht nicht, winselt nicht um Gnade – sondern fordert den Tod zu einer Partie Schach heraus. Muss man eigens erwähnen, dass er dieses Spiel nicht bestehen kann? Keiner kann das. Wichtiger ist: Es geht nicht um den Sieg. Man spielt gegen das grosse, finale Scheitern – es geht nicht ums Gewinnen, sondern ums Erlernen des Scheiterns.

Mehr als in seinem ganzen vorherigen Leben lernt Antonius Block in der kurzen Schachpartie mit dem Tod. Bergman, der Philosoph, erteilt uns hier eine kolossal wichtige Lektion: Scheitern ist intimer Bestandteil der Lebenskunst. Wir alle werden darin enden. Das ist aber nicht alles. Was wirklich zählt, ist nämlich, wie wir scheitern – und was wir auf dem Weg dorthin erreichen.

Stresstest fürs globale Dorf
Globalisierung: Die Kirche auch mal in der Grossstadt lassen. Frankfurter Skyline mit Katharinenkirche. Bild: fotolia.
Stresstest fürs globale Dorf

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