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Lob der Linie

Zum Tod der Malerin Carmen Herrera (1915‒2022).

Lob der Linie
Bild: Erin Williamson/Creative Commons

 

Sicher, ausgefallene Künstlerbiografien gibt es viele. Abseitige, exzentrische wie skurrile Lebenswege sind keine Mangelware, denn Maler, die sich in allen Bereichen für Genies halten, gehen allzu oft davon aus, dass Übertreibungen im Privaten ihren Arbeiten das gewisse Extra verleihen. Weitaus interessanter sind da schon Karrieren, die zu den ungewöhnlichsten Momenten einsetzen oder erst nachträglich mit Ruhm gesegnet werden. So etwa im Falle der 1915 in Kuba geborenen Carmen Herrera, die zunächst Architektur studiert hatte und 1939 nach New York gezogen war. Dort schuf sie seit den 1950er-Jahren abstrakte, zumeist zweifarbige Arbeiten, die sich durch eine äusserst klare Formensprache auszeichneten. Jahrzehntelang nahm sie niemand zur Kenntnis. Im hohen Alter von 89 Jahren verkaufte Herrera erstmalig ein Bild, als sie 94 Jahre alt war, nahm die Presse endlich Notiz und entdeckte ein in seiner kühlen Präzision wie Eleganz einmaliges künstlerisches Oeuvre des 20. und frühen 21. Jahrhunderts, an dem besonders das Lob der Linie besticht. Seine Urheberin arbeitete bis zum letzten Tag. Am 12. Februar 2022 ist Carmen Herrera im Alter von 106 Jahren in Manhattan gestorben. (vsv)

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