Linke Querdenker vertreten furchtlos die Meinung der Mehrheit

Kritik verliert an Niveau, wenn man keinen Mut zu ihr braucht. Das ist ein sehr aktueller Akt aus der ewigen Komödie «Dialektik der Aufklärung». Zur Kritik ermuntern heisst die Kritik korrumpieren. Das Wort, das Christian Wernicke einmal für die NGO geprägt hat, passt wunderbar auf die Linksintellektuellen: «die hofierten Störenfriede». Jeder hat sie gern. Selbst […]

Kritik verliert an Niveau, wenn man keinen Mut zu ihr braucht. Das ist ein sehr aktueller Akt aus der ewigen Komödie «Dialektik der Aufklärung». Zur Kritik ermuntern heisst die Kritik korrumpieren. Das Wort, das Christian Wernicke einmal für die NGO geprägt hat, passt wunderbar auf die Linksintellektuellen: «die hofierten Störenfriede». Jeder hat sie gern. Selbst der Rotary Club fragt neuerdings seine Mitglieder besorgt: «Akzeptieren wir Querdenker?» Der Querdenker ist beliebt, weil sich heute ohnehin niemand mehr durch Provokationen provozieren lässt.

Der Querdenker macht es sich als unbequemer Geist bequem. Furchtlos vertritt er die Meinung der Mehrheit. Sein Biotop ist die Talkshow. «Talk» heisst auf Deutsch «Geschwätz», und in diesem Medium entfaltet der unbequeme Geist seinen Zauber. Seit die Bürger des späten 19. Jahrhunderts Geschmack an der Antibürgerlichkeit der Boheme gefunden haben, bietet unsere Kultur eine Parodie auf die Umwertung der Werte. So hat selbst die theologische Unterscheidung von «orthodox» und «häretisch» längst die Vorzeichen gewechselt. Heute will jeder unkonventionell sein, unorthodox – vor allem: Kirchenvertreter. Oder man will doch zumindest unbürokratisch handeln – vor allem: Bürokraten.

Der Schritt vom Vorzeichenwechsel zur Dialektik des Nonkonformismus ist nicht mehr sehr gross. Schon G.K. Chesterton hat diesen Gedanken zu Ende gedacht: Nichts ist aufregender als die Orthodoxie. Modern, snobistisch, verrückt zu sein, ist einfach. Aber gefasst und bei klarem Verstand zu sein, ist ein spannendes Abenteuer. Seit das Illegitime normalisiert und das Normale stigmatisiert wird, erscheint ein Mensch, der seinen gesunden Menschenverstand bewahrt hat, als reaktionär. In Wahrheit beweist er aber nur den Mut, das Offensichtliche zu sehen und zu sagen. Müssten die Freunde der Wahrheit, also die Philosophen, aus diesem Schimpfnamen nicht einen Ehrennamen machen? Derjenige, der von den Linksintellektuellen als Reaktionär stigmatisiert wird, verkörpert die Häresie des gesunden Menschenverstandes in der Kultur der politischen Korrektheit.

Die Politik hält sich Querdenker und Gefälligkeitswissenschafter, um sich gegen jeden echten Dissens zu immunisieren. Das hat der Fall Sarrazin deutlich gezeigt. Nichts fürchtet die Regierung einer modernen Massendemokratie mehr als einen selbständig denkenden Menschen. Nietzsche hat einmal gesagt, der grosse Mensch sei ohne Furcht vor der Meinung. Der Satz ist aktueller denn je, denn heute wird eine abweichende Meinung schärfer kontrolliert als eine abweichende Handlung. Auf die abweichende Meinung reagieren die Politiker und ihre Mediengetreuen nicht mit Widerspruch, sondern mit Empörung. Es gibt eine Art progressiver Steuer auf Meinungen, die von der politischen Korrektheit abweichen.

Echter Nonkonformismus ist das Wesen der Philosophie, und die Frage «Was heisst denken?» muss heute nach der Möglichkeit des Dissenses fragen. Weil nun aber auf der Bühne des Denkens der Querdenker als allgegenwärtiger Pausenclown auftritt, der die Rolle des Häretikers travestiert, müssen wir uns zunächst daran erinnern, dass Häretiker dem schlichten Wortsinne nach derjenige ist, der weiss, dass er wählen kann. TINA dagegen ist das Akronym der modernen Tyrannei: there is no alternative. Ein Politiker, der behauptet, zu einer bestimmten Politik gäbe es keine Alternative, ist ein Tyrann. In der Regel wird er von linken Gefälligkeitswissenschaftern umschmeichelt, die genau spüren, was die Ministerien gerne hören würden – und die das dann als Ergebnis der eigenen Forschungen anbieten.

Hofierte Störenfriede, Querdenker als Pausenclowns, Wissenschafter als Gefälligkeitsgutachter und Politiker, die keine Alternative kennen – der gesunde Menschenverstand scheint auf verlorenem Posten zu sein. Aber es gibt ein paar Leute, die dennoch die Schwerter halten. Nächsten Monat mehr über sie!

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»