Lingua franca – das Original

Zur bleibenden Wirkung der ersten Weltsprache Latein.

 

Anfänge sind oft unsicher. Wer das Bewusstsein hat, der erste zu sein, irrt vielleicht und hat jedenfalls kaum Zeit, der Nachwelt seinen Anfang deutlich zu bekunden; er muss handeln. Vieles zeigt sich erst dem Rückblick als Beginn, und in der allgemeinen Unsicherheit der Überlieferung und Deutung bleibt mancher Ursprung verschwommen.

res publica

Die Urkunde von 1291, die als Schweizer Bundesbrief bezeichnet wird, ist unscharf auf Anfang August datiert; daraus hat man im 19. Jahrhundert als Nationalfeiertag den 1. August gewonnen. Der Weg von den nüchternen Vereinbarungen, die sie festhält, zu Friedrich Schillers feierlichem Rütlischwur «Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern» ist lang. Es ist der Weg durch die steinige Wirklichkeit ins Reich begeisternder Ideen. Das Schriftstück sollte als amtliches Dokument in einem grossen geistigen Raum wirken, und so ist seine Sprache Latein; heute wäre sie Englisch. Die Worte, die der ungenannte Schreiber wählte, trugen eine ganze Welt in die Innerschweiz. Wenn die Satzungen dem Gemeinwohl dienen wollen (pro communi utilitate), so spricht der Römer Cicero mit, der den Staat als die Sache des Volkes bestimmt und das Volk als Gemeinschaft derer, die sich in der Rechtsauffassung und in der Gemeinsamkeit des Nutzens verbunden wissen (utilitatis communione). Es ist bemerkenswert, dass Cicero nichts sagt von Herkunft, Hautfarbe, Sprache, Religion. Unserem «Staat» entspricht das lateinische res publica, die «öffentliche Sache». Alle Wörter der lateinischen Sprache werden seit 125 Jahren in München untersucht und im Wörterbuch Thesaurus linguae Latinae (Schatzhaus der lateinischen Sprache) gesammelt. An res publica arbeitet zurzeit der junge amerikanische Philologe Adam Gitner, und es ist eine offene Frage, ob sich feststellen lässt, wann die zwei Wörter zum festen Begriff geworden sind, wie wir ihn in anderen Sprachen kennen: die Republik, la république, the republic, la repubblica. Für das Verständnis dieser Staatsform ist die Grundbedeutung wesentlich, und wem als Übersetzung «die öffentliche Sache» zu kühl wirkt, dem sei «die gemeinsame Sache» vorgeschlagen.

civilization

Im Nürnberger Gerichtsverfahren gegen die führenden Nationalsozialisten sprach Robert H. Jackson, Hauptankläger der Vereinigten Staaten von Amerika, am 21. November 1945 den klassischen Satz, die wahre Klägerin vor den Schranken dieses Gerichts sei die Zivilisation: «The real complaining party at your bar is Civili­zation.» Was Zivilisation ist, weiss im Umriss jeder; ein Blick auf den Kern des Wortes sieht den römischen Bürger (civis). Zwei Geschichten erzählen von ihm. Der Historiker Livius überliefert die Sage vom Helden Gaius Mucius Scaevola, der, als Rom von den Etruskern belagert wurde, den Plan fasste, Porsenna, ihren König, zu töten. Nach missglücktem Anschlag bekannte er stolz, er sei römischer Bürger (Romanus sum civis), und streckte, um zu bekräftigen, dass der Römer bereit ist, alle Folgen seines Mutes zu tragen, die Rechte in ein Flammenbecken; er legte seine Hand ins Feuer. Die zweite Geschichte steht im Neuen Testament. Als der Apostel Paulus in Jerusalem von der römischen Besatzungsmacht verhaftet wurde, verwies er auf sein römisches Bürgerrecht. Der Hauptmann machte dem Oberst Meldung, und der, heisst es, habe sich gefürchtet, da er einen civis Romanus unter Peitschenhieben hatte verhören lassen wollen. Hier geht es nicht um das stolze Selbstbewusstsein des ­römischen Bürgers, sondern um sein Recht. Das Bürgerrecht Roms bedeutete in jener Zeit vor allem Rechtssicherheit, nämlich Schutz vor körperlichen Strafen und die Möglichkeit, beim Kaiser Berufung einzulegen. Diese Berufung nahm Paulus später von Caesaréa aus wahr. In der Apostelgeschichte steht für den civis Romanus meist «Römer» oder «römischer Mensch». Die Wissenschaft prüft, wann genau im Lauf der Zeit das Bewusstsein wach geworden ist, dass der Mensch überhaupt, ohne jedes weitere Wort, grund­legende Rechte hat. Noch zu erwarten ist der Tag, an dem dieses Bewusstsein von allen Menschen geteilt wird.

humanity

Im Nürnberger Prozess lautete der vierte Anklagepunkt auf «Verbrechen gegen die Humanität» (crimes against humanity). Hinter dem englischen und unserem Fremdwort steht das lateinische ­humanitas und prägt sie bis heute; bezeichnend für die Bedeutung ist ein Vorfall aus dem Zweiten Punischen Krieg. Gegen die Stadt Locri, die von Rom zu Karthago abgefallen war, schickte Rom zwei Militärtribune mit dreitausend Mann und als Kommandanten Pleminius, der eigene Soldaten befehligte. Die Karthager mussten die Stadt aufgeben, und die römischen Soldaten begannen zu plündern und die weiteren Schandtaten des Krieges zu begehen. Ein Soldat des Pleminius raubte einen silbernen Becher und wurde von den zwei Tribunen aufgehalten, die ihm, wohl um die militärische Ordnung wiederherzustellen, den Becher abnehmen liessen. Folge: ein Streit, der zu Auseinandersetzung und Gefecht zwischen den Soldaten des Pleminius und denen der Tribune auswuchs. Pleminius nahm, was schwer zu begreifen ist, die Partei seiner plündernden Leute und wollte die Tribune sogleich der Prügelstrafe unterwerfen. Nun griffen deren Soldaten in blinder Wut Pleminius an und töteten ihn fast. Sie handelten, wie Livius schreibt, ohne Achtung (respectus) vor seinem hohen Rang (maiéstas) und vor der Humanität (humanitas). Was meint Livius mit dem Wort? Wenn maiéstas die Hoheit ist, die einen Menschen zum Amtsträger macht und die zu achten ist, so steht humanitas für das eigentliche Wesen des Menschen, für Anstand, Bildung, Freundlichkeit und, hier besonders spürbar, für sein Mitgefühl, das zu wahren ist. Das lateinische und englische Wort ist mit «Menschlichkeit» gut wiedergegeben, und dass die Verletzung dieser Menschlichkeit in Nürnberg als Verbrechen durchgesetzt wurde, bedeutet einen Fortschritt.

Den Artikel über humanitas im Nachschlagewerk «Real-Enzyklopädie der klassischen Altertumswissenschaft» schrieb Isaak Heinemann. Wenige Jahre nach der Veröffentlichung wurde er seiner jüdischen Herkunft wegen aus Deutschland vertrieben.

 Silsersee

Was bedeutet der Mensch für den Menschen? In der Zeit, als das schreckliche Corona-Virus fast alle Sport- und Feriengäste aus dem Oberengadin heimgeschickt hat oder fernhält, fahre ich auf Langlaufski über den Silsersee. Ich fahre unter blendender Sonne und blauem Himmel, und meine Jacke ist leuchtend rot. Die Verkäuferin im verwaisten Bäckerladen des leeren Bahnhofs hielt mich für einen Beamten der Rhätischen Bahn und wollte mir den üblichen Preisnachlass gewähren. Bei St. Moritz und Silvaplana sind die Seen bereits gesperrt, und ob das Silser Eis noch sicher trägt, weiss ich nicht. Die Luft ist freilich kalt. Meine Latten zischen und knirschen in den eisigen Spuren, ein schabendes Rasiermesser klingt und ich höre das Bohren des Zahnarzts. Wie ich dahingleite und über die Ebene und in die Sonne schaue, denke ich, die alte Ansicht habe doch etwas für sich, dass die Erde eine Scheibe ist. Ab und zu knackt es. Zeigen sich Sprünge? Ein Grunzen fährt durch die Eisdecke. Der See ist ein graublauer gefrorener Walfisch, ich rutsche über seinen gefurchten Rücken. Wie, wenn er jetzt erwacht, seine Schwanzflosse hochschlägt und abtaucht? Plötzlich ist die Panik nahe, fast wende ich. Da sehe ich in der Ferne zwei Skiläufer, die mir entgegenkommen. Sie sind der Hoffnungsanker meines Blicks; wenn sie es wagen, wage ich es auch, und ihre Sicherheit macht mich sicher. Vielleicht blicken sie mit derselben Zuversicht auf mich in meiner roten Jacke und wir bestärken uns gegenseitig auf dem Weg ins Unglück.

 Essay

Essay ist ein erlesenes Wort für einen Aufsatz. Nach seinem lateinischen Ursprung (exagium) bedeutet es «das Wiegen, Abwägen, Prüfen». Zum Namen einer literarischen Form hat es Montaigne gewählt und zugleich diese Form geprägt, so dass, wer einen Essay schreibt, leicht in den geräumigen Schatten des französischen Denkers gerät. Einer seiner Vorgänger und Meister ist der römische Philosoph Seneca. Seneca vergleicht unsere Gesellschaft (societas nostra) mit dem gewölbten Bogen, mit dem die bauenden Römer grosse Gewichte tragbar machten. Die einzelnen Steine neigen sich gegeneinander und würden fallen, wenn sie sich nicht im Fallen aufhielten. So bilden sie den Bogen, der vieles trägt. Dass sich die Steine sozusagen in ihrer Schwäche gegenseitig halten, macht das Ganze stark.

Die Arbeit an Wörtern und ihrer Geschichte hilft, die Begriffe zu klären. Klare Begriffe begeistern zum Handeln. Volle Klarheit erhalten sie, wenn sie zu Wirklichkeiten werden.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»