Lieber still als schrill: Einige Zeilen über uns

Wer weiss noch, was gestern oder vorgestern das Land beschäftigte? In modernen, massenmedial animierten Gesellschaften ist es schwierig, den Massstab zu wahren, vom Überblick ganz zu schweigen. Das erzeugt Stress, und dieser Stress schweisst zusammen. Die mediale Stressbewirtschaftung erzeugt erst das Gefühl gesellschaftlicher Verbundenheit – Bürger eines Stresskollektivs ist folglich, frei nach Peter Sloterdijk, wer […]

Wer weiss noch, was gestern oder vorgestern das Land beschäftigte? In modernen, massenmedial animierten Gesellschaften ist es schwierig, den Massstab zu wahren, vom Überblick ganz zu schweigen. Das erzeugt Stress, und dieser Stress schweisst zusammen. Die mediale Stressbewirtschaftung erzeugt erst das Gefühl gesellschaftlicher Verbundenheit – Bürger eines Stresskollektivs ist folglich, frei nach Peter Sloterdijk, wer demselben Themenstress erliegt. Wichtig ist, was gerade als wichtig gilt. Oder genauer: wichtig ist das, von dem man glaubt, dass es andere wichtig finden. Der Mainstream ist hier Programm, auch wenn niemand Mainstream sein will.

Zusammen mit unseren Autoren wollen wir hierzu einen Kontrapunkt setzen. Dagegenzuhalten um des Dagegenhaltens willen ist indes unser Ding nicht. Wir gehen unseren eigenen Weg, formulieren eigene Fragen, suchen eigene Antworten. Zuweilen holt uns die Realität in Kernthemen ein – Europäische Union, Geldsystem, Zentralbankenwesen. Aber sogleich tun sich neue Felder auf, die der Reflexion bedürfen: Zukunft der Demokratie, Zukunft des Nonzentralismus, Zukunft der menschlichen Generosität. Dazu lesen wir in der Freizeit ständig Bücher, neuere und ältere, solche mit guten Geschichten wie solche von anregenden Gegenwarts-diagnostikern – und natürlich auch die liberalen Klassiker. Sie gehören zu unseren unsichtbaren Begleitern während des mittäglichen Tischgesprächs zu Mozzarella und Yukatan-Salat in einer kleinen Redaktion. Verstehen, was wirklich geschieht – das könnte unser Credo sein. Diese Neugierde ist es, die uns antreibt. Sie möchten wir mit unseren Lesern teilen. Das Belehrende haben wir uns hoffentlich erfolgreich abtrainiert, unser Vorgehen soll tastend sein, aber stets verbindlich, wir sind kritisch, aber nicht unnötig polemisch, lieber still als schrill, dabei jedoch stets klar in den Analysen und Aussagen.

Den «Schweizer Monat» gibt es nun seit eineinhalb Jahren. Aus der Zeitschrift wurde ein Magazin, die Leserschaft hat sich verjüngt, die neue Redaktion ist jung und rank geblieben. Wir haben die Auflage seit der Neulancierung um mehr als die Hälfte gesteigert (5000 Exemplare), sind aber noch weit von unseren ehrgeizigen Zielen entfernt. Um sie zu erreichen, vertrauen wir mitunter auf die gute alte Mund-zu-Mund-Propaganda – sie ist langsam, aber nachhaltig. Dabei kommt uns zugute, dass sich unsere passionierte Leserschaft für uns ebenso ins Zeug legt wie unsere engagierten Autoren. Wir fühlen uns in der Tat, um einen Ausdruck des dänischen Unternehmers und Buchautors Lars Kolin zu gebrauchen, wie eine «unlimited society». Das kleine Unternehmen hört nicht an der Haustüre an der Vogelsangstrasse 52 auf. Vielmehr gehören alle dazu, die uns lesen, die für uns schreiben, die mit und über uns reden, die uns Rückmeldungen geben, die uns auflegen, die uns posten, die uns weiterempfehlen. Es liegt uns viel daran, den Kontakt mit ihnen zu pflegen. Es sei mir für einmal erlaubt, meine «Scheuklappen» für etwas zu nutzen, was in Stresskollek-tiven selten geworden ist: den Dank. Dank für das grosse Engagement an mein ganzes Team, Dank an den Meister des Layouts, an den exzellenten Korrektor und die Druckerei, Dank an unsere Leser und Autoren, Dank an alle, die uns unterstützen!

Die letzten eineinhalb Jahre waren zweifellos die bisher intensivsten in meinem Leben, aber ebenso die lehrreichsten und die fruchtbarsten. Und immer wieder machen wir gemeinsam lustige Erfahrungen. Zum Beispiel mit unseren Interviewpartnern. Die erwarten zumeist ältere Herrschaften mit angegrauter Haarpracht – und sind anfangs leicht irritiert, wenn ein paar junge Typen in Jeans und Hemd sich als Redaktoren des «Schweizer Monats» ausgeben – bis das Gespräch beginnt. Viele unserer Leser denken, wir seien studierte Ökonomen. Fehlanzeige auch hier. Die Redaktion besteht aus lauter Phil.-I-ern: einem Philosophen, einem Historiker, einem Literaturwissenschafter und einer Germanistin. Zum Glück finden sich Naturwissenschafter unter unseren Autoren – auch wenn wir selbst Gefallen am Indeterminismus der modernen Wissenschaften finden.

Und noch etwas: Wir hausen in Mansardenräumlichkeiten eines Jugendstilhauses mit knarrendem Boden, die an eine WG gemahnen. Wenn Sie, liebe Leser, einmal vorbeischauen wollen, so tun Sie es einfach. Aber geben Sie uns zuvor einen Wink – damit Sie nicht auf eine verwaiste Redaktion treffen, weil alle gerade auf Gesprächstour sind. Wir freuen uns garantiert auf Ihren Besuch.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»