Lieber Paul Parin!

Ein Geburtstagsbrief von Karl-Markus Gauß

Es ist siebzehn Jahre her, dass mich in Salzburg am Telefon ein älterer Herr mit sonorer Stimme anrief, in der ich von weither noch eine altösterreichische Tönung zu vernehmen glaubte, und mich fragte, ob wir nicht gemeinsam an diesem Abend mit unseren beiden Frauen essen gehen wollten. Wir hatten vorher nur ein, zwei Briefe gewechselt, und es war mir gelungen, für die Zeitschrift, zu deren

Herausgeber ich damals gerade bestellt worden war, einen Text von Dir zu bekommen. Wir holten Euch in dem Hotel an der Salzach ab, dessen Charme sein überständiger Plüsch, das leicht verlotterte Inventar und das skurrile Personal war und das heute, ach Paul, stell Dir nur vor, zur ersten Yuppie-Adresse von Salzburg aufgerüstet worden ist. Immer wenn Goldy und Du auf dem Weg nach Slowenien zum Fischen wart oder unterwegs nach Budapest zu einem Kongress, stand künftig eine Nacht lang vor diesem Hotel ein alter Peugeot mit Schweizer Kennzeichen, und zuverlässig haben wir all die Jahre dieses eine Abendessen wiederholt, das mir als ein einziges, nicht abreissendes Gespräch in Erinnerung ist. Denn so ein Abendessen bot zwar auch die gute Gelegenheit, etwas Nahrung aufzunehmen und eine noch bessere, zur Speise reichlich Wein auffahren zu lassen; das Beste daran aber war, dass wir lange zu Tische sitzen konnten, um redend vom Hundertsten ins Tausendste zu geraten und auf wunderliche Weise gerade dadurch ganz zu uns zu kommen.

Wurde eine Geschichte erzählt, die es wert war, leuchteten Goldys Augen auf, und wenn sie gut erzählt wurde, hielt sie mit anerkennenden Zurufen nicht zurück. Auch als sie bei unseren letzten Begegnungen nahezu erblindet war, bewegte sie sich, ob im Restaurant oder auf der Strasse, mit der eleganten Selbstverständlichkeit des Kindes, und je weniger sie von der Welt sah, um so begieriger schien sie, von ihr zu hören, in neuen Geschichten und in den alten, die immer wieder neu erzählt werden mussten: «Erzähl es doch, Paul!» So dauerten die Abende immer lange, und je später es wurde, desto jünger wurdet ihr, und wenn wir, die um vierzig Jahre Jüngeren, Euch nach Mitternacht zum Hotel zurückbegleitet hatten, hegten wir immer die Vermutung, ihr würdet Euch, während wir, jäh gealtert und redlich erschöpft, nach Hause stapften, juvenil gewiss noch ein wenig im Foyer des Hotels niederlassen, um bei einem letzten Glas Schnaps nach der letzten Geschichte des Tages noch die allerletzte zu erzählen.

Die Innigkeit, mit der Ihr einander sichtbar zugetan wart, hatte für uns etwas Grandioses und Ermutigendes; ich weiss aber, dass sie manch andere auch irritiert hat. Durfte das denn sein – zwei Rebellen, die so traut zusammenlebten, zwei psychoanalytisch geschulte Freigeister, die wider die sexuelle Zwingmoral votierten und denen die übel beleumdete sogenannte Zweierbeziehung doch kein Gefängnis war? Die Aura einer unerschütterlichen und, natürlich, unergründlichen Liebe war um Euch, und das Unerschütterliche und Unergründliche steht bei aufgeklärten Leuten ja mitunter im Verdacht, mit dem Konservativen verschwistert zu sein. Aber so wie Du, nach dem Ende eines wahrlich reichen und vielgestaltigen Berufslebens, zu Deiner wahren Berufung als Erzähler gefunden hast, so hast Du Deine ersten Erzählungen gerade geschrieben, weil Goldy sie von Dir lesen und hören wollte. Aus ein paar Briefen von Dir weiss ich, wie schwer es Dir gefallen ist, nach dem Tod von Goldy nicht nur weiterzuleben, sondern wieder zu Deiner Fähigkeit zurückzufinden, Geschichten zu erzählen. Dass die erste Erzählung, die Du dann doch wieder zu verfassen vermochtest, in meiner Zeitschrift «Literatur und Kritik» erschien, darauf bin ich noch heute stolz. Sie hiess «Die Flöte des Herrn Kasparek» und ist die merkwürdig in der Schwebe gehaltene Geschichte eines abgedankten k.u.k. Offiziers, der in dem Ort, in dem Du als Sohn des Gutsbesitzers aufgewachsen bist, abends betörend schön auf der Flöte spielte.

In demselben Buch, in dem diese Geschichte später auch erschien, ist auch ein bekenntnishafter Text von Dir enthalten, «Fünfzig Jahre Widerspruch»: eine doppelte Lebensbilanz, die Bilanz zweier Partisanen, die ins zivile Leben zurückkehrten, zweier Sozialisten, die keine Partei hatten, zweier Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft, die sich nicht puritanisch dem immerwährenden Kampf verschrieben, zweier Oppositioneller, die sich hüteten, zähneknirschend durch ihr Jahrhundert zu gehen. Du und Goldy, ihr wart immer mittendrin im Gefecht, aber ihr habt Euch stets das Recht genommen, Euch aus dem Lärm, dem Streit, dem Gefecht auch wieder zurückzuziehen. «Wir hatten eine besondere Fähigkeit», schreibst Du, «uns zurückzuziehen, wenn wir an Umständen, die uns unerträglich erschienen, nichts ändern konnten.» Mir kommt es vor, solcher Rückzug sei weder Versöhnung noch Verrat, sondern ein rettender Akt; er ist notwendig, damit die Persönlichkeit nicht an dem Unrecht zerbreche, gegen das sie revoltiert. Und weiter hast Du geschrieben: «Die Illusion, durch unseren Widerstand eine Änderung der unerwünschten Verhältnisse herbeizuführen, hatten wir nicht… Mit aller Kraft haben wir gegen die gesellschaftliche Ordnung gekämpft, ohne an den Erfolg zu glauben.»

Das war es wohl, was Euch von so vielen unterschied, die sich ihrer Illusionen wegen in den Kampf gewagt hatten und die an diesen Illusionen festhielten, ja ihnen ihre besten Fähigkeiten opferten, auch die zur Kritik und zum Mitgefühl; oder die stets nur das ferne politische Ziel im Auge hatten, darüber vertrockneten und so das Leben – und damit auch ihr Ziel – verrieten.

Als Psychoanalytiker weisst Du natürlich um die Abgründe, die im einzelnen sich auftun und die bei manchem so tief schneiden, dass sie die Persönlichkeit spalten. Gerade darum hast Du ja die Fähigkeit gerühmt, in Widersprüchen zu leben und den Widerspruch in der eigenen Persönlichkeit nicht zu verwischen, sondern zu ertragen. Aber was ist das für ein Talent, das Dich und Goldy so ausgezeichnet hat, diese Fähigkeit, in Opposition zu den herrschenden Mächten und doch in tiefer Zustimmung zur Welt zu leben, grimmig erzürnt und lebenszugewandt zugleich? Ich glaube, es ist nichts anderes als das Talent zum Glück. Ob man Talente überhaupt lernen oder lehren kann, und gar dieses eine? Ich weiss es nicht. Ich weiss aber, dass man ermutigt wird, wenn man jemandem begegnet, der über dieses Talent zum Glück verfügt. Lieber Paul, Du warst und bist ein grosser Ermutiger, für mich, für Maresi – und für viele, die nicht wie wir den Vorzug hatten, mit Goldy und Dir befreundet zu sein, sondern die Dich nur aus Deinen Schriften und von Deinen öffentlichen Auftritten her kennen. Was heisst: nur? Auch für sie ist genügend da, das die Auseinandersetzung lohnt und weiter lohnen wird. Ich umarme Dich,

Dein Karl-Markus

Karl-Markus Gauß, geboren 1954, lebt als Essayist, Kritiker und Herausgeber der Zeitschrift «Literatur und Kritik» in Salzburg.

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