Liberalismus an den Kopf geworfen

Zum 70. Geburtstag von Robert Nef

Liberalismus an den Kopf geworfen

Robert Nef und ich hatten eine Zeit lang denselben Automechaniker. Kennen gelernt haben wir uns bei diesem zu Hause bei einer Flasche 86er Château Haut-Brion. Der Mechaniker, ein Hühne mit Händen wie Suppenteller und einem Händedruck wie ein Pferdebiss, der überdies nicht nur mehr Tassen im Schrank hat als unsere Schweizer Wirtschaftseliten, sondern auch mehr Flaschen im Keller, ist ein grosser Bordeaux-Liebhaber. Und während der Akademiker Nef bewundernde Worte für die enorme Dichte, den rauchigen Charakter, den reichen, vollen Körper, die ausgewogene Struktur und die Komplexität des Haut-Brion fand, nahm der Gastgeber einen grossen Schluck und brüllte: «En u huere geile Moscht.» Dieser prankige Bär mit dem fürsorgenden Herzen eines Lawinenhundes, der im Übrigen liberaler ist als das gesamte Liberale Institut, erzählte uns von einem Jagdausflug in Afrika. Er hatte sich eine Ferienlektüre mitgenommen gehabt, ein Büchlein, welches in seiner Brusttasche mitreiste. Und als er mal etwas Musse fand, suchte er sich ein gemütliches Plätzchen zum Perlhühner-Schiessen, das Jagdgewehr in fahrlässiger Weise ungeladen umgehängt. Kaum hatte er eine Anhöhe neben der Ranch erreicht, rannte ihn ein ausgewachsenes Warzenschwein über den Haufen und rammte ihm dabei die Hauer in die Wade, so dass das Blut nur so spritzte. Das Warzenschwein machte rechtsumkehrt und setzte zur zweiten Attacke an, worauf der Überrumpelte geistesgegenwärtig sein Buch zückte und dem Tier an den Kopf schleuderte, was ihm gerade genügend Zeit verschaffte, das Gewehr zu laden, anzulegen und dem Buch eine Kugel folgen zu lassen. Das Borstenvieh fiel tot um, wo es eben noch gestanden hatte. Der Schütze erinnerte sich noch genau an das lebensrettende Buch. Es sei ein rotes Büchlein mit einem weissen Kreuz und dem Titel «Eigenständig, Die Schweiz – Ein Sonderfall» gewesen. Robert sagte verblüfft: «Dieses Buch habe ich herausgegeben.» Und als sich der Mechaniker entschuldigte, dass er es bis heute nicht gelesen habe, antwortete Robert: «Ach was! Das Buch war sowieso ein Misserfolg. Es tröstet mich zu wissen, dass es wenigstens einmal jemandem etwas genützt hat.» Und der Mechaniker beendete seine Geschichte mit dem Hinweis, es habe sich später herausgestellt, dass er das Hausschwein seiner Gastgeber erlegt hatte.


Der Text ist in einer Festschrift erschienen, die dem langjährigen Herausgeber der «Schweizer Monatshefte» gewidmet ist. Wir danken den Herausgebern für die freundliche Genehmigung zur Publikation.

Peter Ruch, Pierre Bessard, Daniel Eisele (Hg.): Robert Nef – Kämpfer für die Freiheit. Hommage an einen bedeutenden Liberalen. Luzern: Edition Swiss Liberty, 2012.

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