Leserbrief zu «Fehlkonzept Rechtschreibreform»

Ausgabe 11, 2003 Das Dossier «Die deutsche Sprachverwirrung, Fehlkonzept Rechtschreibreform» in der Novemberausgabe 2003 der «Schweizer Monatshefte» hat unter unseren Leserinnen und Lesern wie auch in den Medien ein vielstimmiges Echo ausgelöst. Wir werden daher das Thema weiterverfolgen und beginnen in dieser Ausgabe mit dem Abdruck von vier Leserzuschriften, die der Rechtschreibreform kritisch gegenüberstehen. Die Einführung wie auch die Auswahl der Zuschriften stammt von unserem freien Mitarbeiter Stefan Stirnemann, der auch in den nächsten Ausgaben der «Schweizer Monatshefte» die «Sprachverwirrung» kommentierend begleiten wird. (Red.)

Für jede Aufgabe läßt sich jemand finden, der ihr nicht gewachsen ist. Die Mitglieder der Reformkommission sollten eigentlich die Regeln der Rechtschreibung vereinfachen; sie haben die Schwierigkeiten vervielfacht und die einheitliche Rechtschreibung zerstört, die seit 1901, seit der zweiten Orthographischen Konferenz zu Berlin, in den wesentlichen Bereichen gesichert war. Die Reformer haben aber nicht nur fachlich versagt, sie mißachten auch die Spielregeln wissenschaftlicher und bürgerlicher Auseinandersetzung. Unempfindlich gegen Einspruch, schweigsam auf Fragen und einig im Bestreben, Fehler nicht zuzugeben, um im angemaßten Amt zu bleiben, tun sie jetzt schon im siebten Jahr, was sie wollen; und allzulange hat die Politik es ihnen erlaubt. Der Widerstand weicht aber nicht, im Gegenteil: Es ist ein Kampf im Gange, und wer in ihm klein beigeben muß, wird allerdings sehr klein sein. Es wird die Kommission sein. Sie hat vor wenigen Wochen die Vollmacht beantragt, Änderungen der Regeln unabhängig von den politischen Stellen durchzuführen. Die geheime Vorlage wurde veröffentlicht, und da die Zeitungen endlich ihre Pflicht taten und Bericht erstatteten, mußte der zuständige deutsche Generalsekretär mitteilen, daß die Kultusminister angesichts der öffentlichen Meinung den Antrag wohl ablehnen würden. Gleichzeitig mit ihrem Antrag haben die Reformer neue «Verbesserungen» aufgelistet, die nach einer Schätzung des Erlanger Wissenschafters Theodor Ickler allein im Duden mehrere tausend Änderungen nötig machen. Es ist nicht im Sinne der Öffentlichkeit, daß das so weitergeht. Es ist im Sinne der Öffentlichkeit, die Kommission zu verabschieden und die Behebung des Schadens echten Fachleuten zu übertragen.

Mit dem Dossier «Die deutsche Sprachverwirrung, Fehlkonzept Rechtschreibreform» in der Novemberausgabe der «Schweizer Monatshefte» wurde die Auseinandersetzung in der Schweiz eröffnet. Zur Vorbereitung habe ich in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» vom 7. Oktober zusammen mit Literaturchef Hubert Spiegel sieben ungelöste und unlösbare Fragen zur Reform veröffentlicht. Sie wurden allen Verantwortlichen zugestellt, und alle Verantwortlichen haben nicht geantwortet. Hingegen meldeten sich ein paar Verteidiger zu Wort; kein Unsinn ist so groß, daß er nicht seinen Fürsprecher fände. Eine erste Auswahl aus den Einsendungen erschien am 30. Dezember in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», die sieben Fragen und ein paar weitere Antworten werden in den nächsten Heften vorgestellt werden. Die Reformer haben in unseren Wortschatz eingegriffen. Wer ihre Fehler prüft, hat es mit der lebendigen Sprache zu tun. Wem die lebendige Sprache ein Anliegen ist, der muß sich gegen die Reform stellen.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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