Lesen und Leben

Lesen und Leben

Letzthin erstieg ich mit der kleinen Klara den Trümmerberg in einem Berliner Stadtpark. Unten war sie gerannt, jetzt keuchte sie, und der Schweizer in mir sah sich genötigt, der Stadt-Göre eine onkelhafte Belehrung zu erteilen – ich erklärte ihr den Bergschritt. Das gemächliche Stapfen. Dem Hang und dem Atem angepasst. Den Atem, sagte ich, darfst du nicht unterdrücken. Da entgegnete die Zehnjährige, wie aus der Pistole geschossen: «Jetzt weiss ick, wie du redest – im Bergschritt».

Etwas weiter oben stiessen wir auf eine regenverpappte Bild-Zeitung. Neugierig beugte sich Klara über eine Schauer-Story, doch wurde sie aus den Stammelsätzen nicht klug. Um ihr zu helfen, warf ich einen Blick aufs Blatt, und jetzt hatte sie ein Lob für mich. Aber Lesen kannste schnell, sagte sie.

Stimmt. Während ich im Leben oft langsam bin, zu gemächlich, zu gemütlich, war ich mir lesend stets voraus. Was die Bergschritt-Existenz nicht erstapfte, erreichte ich als Leser und vermochte vom Gipfel meines Bücherberges aus schon als Kind die ganze Welt zu überblicken, Wüsten und Meere und Länder, Zeitalter, Paläste, Geschichten, Zerstörungen und Zukünfte. Das hat mir in späteren Jahren das Reisen nicht verleidet, im Gegenteil. Gewisse Landschaften, etwa die schädelkahlen Hügel Griechenlands, oder Städte wie St. Petersburg oder Wien zogen mich an, weil ich sie durch Kästner, Dostojewskj oder Schnitzler bereits kannte. Enttäuscht wurde ich nie, denn die wahren Kenner dieser Orte hatten mich für deren Schönheiten und Abgründe empfänglich gemacht. Da die Seele sieht, nicht unser Auge, vermochte ich «draussen» zu sehen, was ich dank der Lektüre im Innern schon besass.

Nur als ich in New York ankam, hatte ich ein schales Gefühl. Die erwartete Sensation wollte sich nicht einstellen. Schliesslich fiel mir ein, woran es liegen könnte. Diese Stadt hatte ich nicht als Leser, sondern im Kino kennengelernt. Kein Déjà-lu: ein Déjà-vu-Erlebnis!

Als Marie, die Hauptfigur in meinem Roman «Vierzig Rosen», von der Bücherverbrennung hört, beginnt sie gierig zu lesen. Sie verschlingt die ganze Bibliothek ihrer Mutter, die, an Tuberkulose erkrankt, bestimmte Seiten mit Blutspritzerchen vollgehustet hat. Die junge Leserin merkt bald, dass die von Tod und Lebenshunger geplagten Lungen ihrer Maman stets die «richtigen» Stellen bezeichneten. «Da wurden billets abgeschickt, Küsse ausgetauscht, und auf Schlosstreppen oder Bahnhöfen kam es zu erschütternden Abschiedsszenen.»

Wie lernt Marie ihren Max kennen? Indem sie ihm ein billet schickt. Und wie das Leben (oder das Lesen) so spielt: Maries Liebesgeschichte mit Max ist eine Folge von Abschieden, auf dem Perron, im Park und in einer schäbigen Pension. Lesend war sie sich voraus. Lesend hat sie sich entworfen, und natürlich gelingt es ihr nicht immer, die erhabenen (manchmal auch kitschigen) Romangefühle nach- und auszuleben. Hie und da aber schon.

Dann schlüpft ihr ein Kurios! über die Lippen. Das Wort hat sie aus den Romanen, und vielleicht, wer weiss, benennt es das wundervolle Gefühl, für einen Moment die Lektüre mit dem Leben eingeholt zu haben. Kein Déjà-vu: ein Déjà-lu-Erlebnis!

Verändern Bücher die Welt? Eine überflüssige Frage. Bücher richten sich nie an die Welt, das überlassen sie Predigten, Manifesten, Lehrbüchern, Communiqués und Fahrplänen. Nein, ein Buch wendet sich an die einzelne Leserin, den einzelnen Leser, und deren Welt kann es tatsächlich verändern.

Eines Tages fiel mir «Der Mann ohne Eigenschaften» in die Hände. Musil erzählt darin vom dreissigjährigen Ulrich, der sich ein Ulrich-Jahr gibt. Indem er zur Wirklichkeit auf Distanz geht, versucht er seine Möglichkeiten auszuloten, seine Talente und Eigenschaften, die sein künftiges Leben bestimmen sollen. Die Lektüre krempelte mich um. Ich kündigte meine Stelle am Theater und schenkte mir ein «Thomas-Jahr», an dessen Ende mein Leben ein anderes war, nicht nur verändert, sogar verwandelt: Die Ammanns verlegten mein erstes…

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»