Lennart Meri – ein Leben für Estland

Am 14. März 2006 ist Lennart Meri gestorben. Wie niemand sonst hat er, von 1992 bis 2001 als Staatsoberhaupt, die Geschicke der kleinen Republik Estland in den ersten Jahren ihrer neuen Unabhängigkeit geprägt. Andreas Oplatka zeichnet das Bild einer Persönlichkeit, deren Ausstrahlung sich nicht in der Autorität des Präsidentenamtes erschöpfte.

Er meisterte das steife, offizielle Auftreten und benahm sich dann wieder – seinem eigentlichen Wesen entsprechend – ungezwungen, als ein Demokrat, der eben zum Volk gehört, der aber bei all der Leichtigkeit des Umgangs mit sogenannt einfachen Leuten doch seine Würde zu wahren weiss. Im Sommer 1997 und im hernach folgenden, kalten nordischen Winter verbrachte ich insgesamt drei Wochen als Gast bei Lennart Meri. Tag für Tag sassen wir zusammen in der aus hellem Holz gebauten, einfachen, doch elegant eingerichteten Ferienvilla des Präsidenten in Paslepa, an der estnischen Ostküste. Das von ihm bestimmte Tagespensum betrug fünf bis sechs Stunden, und es ging spartanisch zu, einzig mit Kaffeetassen und dem Tonbandgerät auf dem Tisch. Ich stellte Fragen, er antwortete, erzählte sein Leben. Die Ergebnisse sind zusammengefasst im 1999 beim NZZ-Verlag erschienenen Buch, Lennart Meris Memoiren in Dialogform.*

Offizielles und Unmittelbares. Ich habe einmal mit angesehen, wie Meri eine militärische Ehrenbezeugung entgegennahm, an der starren Front der Soldaten vorbeischritt, auch er selber mit erhobenem Haupt und unbeweglichem Gesicht. Und ich erinnere mich, wie er in Paslepa den Redaktor des Lokalblattes empfing, einen älteren, spürbar ausgebrannten und in Sowjetzeiten wohl durch manche Demütigung hindurchgegangenen Journalisten, wie er sich im stillen über das Niveau der ihm gestellten Fragen ärgerte und wie er den Pressemann zuletzt doch mit Herzlichkeit einlud, zum Nachtessen zu bleiben. Der Präsident, stämmig und selbst im Alter noch rüstig, sprach stets langsam, überlegte lange, manchmal auch mitten im Satz, bevor er etwas so zu Ende gedacht hatte, dass er es der Mitteilung wert fand. Auf deutsch, wiewohl er die Sprache vorzüglich beherrschte, kamen die Worte aus seinem Mund noch bedächtiger, da er peinlich darauf achtete, grammatikalische Fehler zu vermeiden. Im Gespräch mit ihm brauchte man Geduld, aber sie lohnte sich. Bei alldem meldete sich oft ein menschenfreundlicher Humor, und auch an Schlagfertigkeit fehlte es ihm nicht. Als er, nach 1991 schon als Vertreter des wieder unabhängig gewordenen Estland, in Washington weilte, zeigte man ihm in der Vorhalle des State Department die Fahnen der baltischen Republiken, die unter all den Flaggen standen, mit denen die Vereinigten Staaten diplomatische Beziehungen unterhalten. «Die baltischen Fahnen», versicherten die Amerikaner, «sind während der sowjetischen Besetzung des Baltikums hier geblieben.» Worauf Meri prompt erwiderte: «Schade nur, dass in Ihrer Halle kein Wind weht.»

Die Antwort enthielt diplomatischen Witz. Die sich selber auferlegte Disziplin, die eigenen Worte in der Öffentlichkeit mit politischer Absicht und Rücksicht zu wählen, war Meri zur zweiten Natur geworden.

Dabei war der Präsident doch nur sehr bedingt das, was man – abschätzig oder bewundernd – ein «animal politique» zu nennen pflegt. Gewiss hatte er, Sohn eines estnischen Diplomaten, die Auswirkungen der Politik in den unheilvollen dreissiger Jahren von klein auf erfahren; gewiss blieb sein Leben in den schweren Zeiten hernach mit dem Schicksal seiner Heimat aufs engste verknüpft – während des Kriegs in Russland, wohin 1941 die Besetzer ihn und seine Familie deportiert hatten, nach 1945 in dem wieder gewaltsam zur Sowjetrepublik umgewandelten Estland. Seine eigentliche, offizielle politische Laufbahn durchlief er schliesslich erst nach 1991.

Ebenso gewiss ist, dass Meri, um sein Land stets besorgt und beim Betrachten des gesamteuropäischen Bildes nicht selten pessimistisch gestimmt, ganz ausgeprägt in politischen Kategorien dachte. Davor aber, ein Fachbarbar zu sein, wurde er durch seine humanistische Bildung bewahrt. In sechs Sprachen und in vielen Ländern und Kulturen…

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