Leistung statt Sozialneid (2/2)

Wir verstehen die Chinesen nicht. Und wir unterschätzen sie. Das wiederum freut die Chinesen. Denn sie wollen nur eins: leisten, leisten, leisten.

Die soziale Frage ist im Westen derzeit in aller Munde. Der soziale Ausgleich, die Umverteilung, der Sozialneid. Also gehen wir im Westen davon aus, dass die soziale Frage künftig auch die Gemüter in aufstrebenden Ländern wie China beschäftigen werde. Und lehnen uns selbstzufrieden zurück, weil wir glauben, dass ihnen noch grosse soziale Konflikte bevorstehen. Dabei könnten wir uns jedoch täuschen. Den Chinesen sind unsere Sichtweisen sehr fremd.

Es gibt verschiedene Erhebungen, unter anderem der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften (CASS), die zeigen, dass unter Chinesen Sozialneid eine geringere Rolle spielt als in westlichen Gesellschaften. Ich habe dies unter anderem während der Zeit, da ich in Hongkong lebte, konkret im Alltag erfahren können.

Der heute achtzigjährige Li Ka-sching gilt als Schulbeispiel eines Tycoons. An der Börse, im Immobiliengeschäft und im Dienstleistungssektor hat der ehemalige Schanghaier ein Riesenvermögen gemacht, der nach seiner Flucht vor den Kommunisten in der englischen Kronkolonie Hongkong als Hersteller von Plastikblumen sein erstes Geld verdiente.

Li Ka-sching muss sich nicht mit Bodyguards umgeben. Ich habe ihn wiederholt allein auf der Strasse, in einem Restaurant oder in einem seiner Geschäfte gesehen. Für die Hongkonger ist der superreiche Li Ka-sching eine Leitfigur. Jeder will so werden wie er, und die ambitiösen Eltern impfen bereits ihren kleinen Kindern ein, dass sie sich anstrengen sollen, um dereinst ebenso reich zu sein wie einer der Tycoons.

Ich mag die Chinesen – vor allem wegen ihres Pragmatismus und ihrer Abneigung gegen alles, was nicht mit dem Diesseits zu tun hat. In ihrem Sozialverhalten steht eindeutig die Familie, der Clan im Zentrum. Und im Familienverband geht es nicht um Rechte, sondern um gegenseitige Pflichten.

Die Eltern haben die Pflicht, dafür zu sorgen, dass es ihren Kindern gutgeht und dass sie die besten Startchancen fürs Leben erhalten. Die Kinder wiederum haben die Pflicht, sich gegenüber ihren Eltern ehrerbietig zu erweisen, ihnen Gesicht zu geben, will heissen: sie durch Spitzenleistungen stolz zu machen, und im Alter nach ihnen zu schauen – nicht nur materiell, sondern auch emotionell.

Auf diese Weise hat die chinesische Gesellschaft seit Jahrtausenden erfolgreich funktioniert und kulturelle und zivilisatorische Spitzenleistungen hervorgebracht. Nach eineinhalb Jahrhunderten selbst- und fremdverschuldeten Unterbruchs sind wir jetzt wieder Zeugen eines gigantischen Leistungsschubs des chinesischen Volkes.

Ich mag die Chinesen, weil sie bei allem, was mit Geld und Reichtum zu tun hat, so herrlich unverkrampft sind. «How much?» ist der Satz, den man im Umgang mit Chinesen am häufigsten zu hören bekommt. Wieviel man verdiene, will der eine wissen, wieviel das Bild gekostet habe, will eine andere herausfinden, und wieviel man für den Anzug bezahlt habe, fragt ein Dritter. Als solider Schweizer fühlt man sich anfänglich von solch direkten Fragen betupft. Was geht denn dies einen Wildfremden an? Dabei sind es doch gerade diese sinnvollen Fragen, die alles in der materiellen Welt auf Dollar und Cent herunterbrechen und mit gestelzten Ideologien oder weltfremden und weltfeindlichen Religionen nichts zu tun haben. Sie machen das Erdendasein erträglich.

Ich mag die Chinesen, weil sie alle Karten auf Leistung und keine einzige auf Herkunft setzen. In diesem Sinne stehen die Chinesen denn auch den Amerikanern viel näher als den Europäern. In der Tat liegt Europa nicht nur geographisch, sondern auch mentalitätsmässig zwischen der indischen Welt mit ihrer traditionellen Kastenorientierung und den USA mit ihrer weitreichenden, durch den Markt geprägten sozialen Mobilität.

Diese europäische Ambivalenz kommt insbesondere bei der Wertschätzung von Dienstleistungen zum Ausdruck. Im Grunde genommen sind die Europäer – wie jede Kastengesellschaft – nicht in der Lage, auf humane Art Dienstleistungen zu erbringen oder zu konsumieren. Während in den USA und eben auch in China jede Dienstleistung auf einen monetär abgegoltenen Vertrag reduziert wird, spielen in Europa stets unterschwellige Vorurteile und Kastendünkel mit. Im Grunde genommen ist das Erbringen einer Dienstleistung etwas Entwürdigendes. Jemand ist Kellner oder Maître d’hôtel nur, weil er es zu nichts «Besserem» gebracht hat.

Besonders offenkundig wird die Hypokrisie der Europäer, wenn es darum geht, welche Stelle einem Arbeitslosen zuzumuten sei. Bezeichnenderweise sind es dabei gerade die sich doch ach so menschenfreundlich gebenden Linken, die an Kastendünkel kaum zu übertreffen sind. Man schlage einmal vor, dass es für einen arbeitslosen Lehrer doch nichts Verwerfliches sein könne, sein Brot als Maître d’hôtel zu verdienen. Die Empörung ist einem gewiss.

Aus der asiatischen Ferne verfolgt man mit einigem Erstaunen den Aufruhr eines grossen Teils der deutschen Classe politique über die Äusserung von Aussenminister und FDP-Chef Guido Westerwelle, wonach es nicht angehen könne, dass Empfänger von Sozialhilfe besser gestellt seien als Menschen, die einer Berufstätigkeit nachgehen. In der Tat kann man sich aus der Perspektive einer Gesellschaft, die durch das konfuzianische Pflichtverständnis geprägt wird, nichts Dekadenteres vorstellen als eine Gemeinschaft, in der aus allen Ecken zum Halali gegen jene geblasen wird, die der Erbringung von Leistungen das Wort reden.

Chinas grosser Reformer, Deng Xiaoping, der zu den bedeutendsten Staatsmännern des 20. Jahrhunderts gehört, rief seinen vom Steinzeitkommunismus Mao Zedongs ausgepowerten Landsleuten zu, dass es nichts Schöneres im Leben gebe, als reich zu werden, und dass, wenn einige rascher reich würden als andere, dies der ganzen Gesellschaft diene. Mit solchen Aussagen ist die Unkultur des Neids unvereinbar. Deng wusste, dass China sich nur aus der Misere würde befreien können, wenn seine Bevölkerung wieder die Leistung respektieren und vom Drang zum Reichwerden ergriffen würde.

Wir in Europa sind nach mehreren Jahrzehnten weitverbreiteten Wohlstands schlaff geworden. Der Wunsch, es etwas ruhiger zu nehmen, mag durchaus verständlich erscheinen. Doch gilt es zu bedenken, dass der alte Kontinent keine Insel der Seligen ist, sondern sich im harten Wettbewerb mit Milliarden von Menschen zu behaupten hat, die noch immer hungrig auf Leistung, Reichtum und Erfolg sind.

Wer unter diesen Voraussetzungen seine Politik auf Sozialneid und die fiskalische Bestrafung von Leistung ausrichtet, handelt fahrlässig. Unsere künftigen Generationen, nur mit dem Umverteilen vertraut, werden – wenn dann einmal die Chinesen in den von ihnen aufgekauften westlichen Firmen leistungsbesessen kalkulieren werden – es zu danken wissen.

Urs Schoettli, geboren 1948, hat Philosophie studiert und berichtet aus Süd- und Ostasien für die NZZ. Zuletzt erschien von ihm «Indien – Profil einer neuen Grossmacht» (2009) und «China – die neue Weltmacht» (2007). Er lebt in Tokyo und Mumbai.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»