Leichte Kost in der Schweizer Literatur

Warum Milena Moser lesen, eine Schweizerin, die unbeschwert von allen akademischen Ansprüchen, locker und komisch Bestseller über die Widrigkeiten des Alltags schreibt? Sind ihre Texte mehr als lustiger, harmloser Schund? Die Autorin des folgenden Beitrags meint Ja. Ein Plädoyer für das oft vernachlässigte Vergnügen beim Lesen.

«Schlampenyoga», das neuste im Frühling 2005 veröffentlichte Buch von Milena Moser, katapultierte die bis kürzlich in San Francisco wohnende Schweizer Autorin in alle möglichen Medien. Autorin und Text lockern die immer noch von Frisch und Dürrenmatt verkrustete deutsche Schweizer Literaturszene auf. Ihren – bis anhin eher umstrittenen – belletristischen Texten wird mit diskursiven Argumenten zu Leibe gerückt. In der Philosophie bedeutet «diskursiv», von einer Prämisse aus in einer Reihe von logischen Schritten zu einem Vernunftschluss zu kommen, also das Gegenteil einer intuitiven Schlussfolgerung. Die Literaturkritiker mischen oft beides – bewusst oder unbewusst – für die literarische Wertung von Texten.

Machen wir doch einen intuitiven Test mit unseren literarisch gewandten und gebildeten Lesern! Hier sind die Titel der Bücher von Milena Moser: «Gebrochene Herzen oder Mein erster bis elfter Mord» (1991); «Die Putzfraueninsel» (1991); «Das Schlampenbuch» (1992); «Blondinenträume» (1994); «Das Faxenbuch» (1996); «Das Leben der Matrosen» (1997/1998); «Mein Vater und andere Betrüger» (1997); «Artischockenherz» (1999); «Bananenfüsse» (2001); «Sofa, Yoga, Mord» (2001); «Schlampenyoga» (2005). Was assoziieren Sie mit Putzfrauen, Schlampen, Blondinen, Faxen, Matrosen, Vätern, Betrügern, Morden, Bananenfüssen und Sofas, Artischocken und Yoga? Was ist Ihre intuitive Prämisse? Auf jeden Fall klingen die Büchertitel von Milena Moser amüsant, und sicherlich braucht sie sie metaphorisch, nicht wahr? – «De gustibus non est disputandum.» – Doch Titel und Untertitel können zusammen durchaus einen logisch-exemplarischen Hinweis auf den Inhalt geben. Im Falle von Schlampenyoga verweist die zugefügte Frage auf einen Weg: «Wo geht es hier zur Erleuchtung?»

Nun bedeutet diskursiv aber auch – ich zitiere aus dem englischen Webster›s Dictionary – «moving or roving about from one topic to the other; skimming over many apparently unconnected subjects; digressive (abschweifend, abwegig); desultory (unzusammenhängend, planlos, unmethodisch, oberflächlich, flüchtig, flatterhaft)». In diesem Sinn passt das Adjektiv diskursiv durchaus zu Milena Mosers Schreibstil, und ihre Bücher und Kolumnen-Texte stellen ein subtiles Abbild von Diskursivität dar. Ihre Feder bewegt sich rasch von einem Thema zum andern, doch am Ende entsteht ein Bild, das sich in mehreren Büchern ausbreitet. Es gibt diese immer wiederkehrenden «Moser Motives», so verführerisch wie die bunten, schokoladeüberzogenen, süssen M&Ms: eine Schlampen-Protagonistin mit Schwierigkeiten in ihren Beziehungen zu Männern und zu ihrem eigenen Körper, ein Junge, ein Sofa; es gibt exzentrische und auch tote Mütter, meistens einen oder mehrere Morde und kuriose Figuren, die sich wie auf einem Spinnennetz in gegenseitiger Klebe verfangen, besonders in «Das Leben der Matrosen», einem Zeitungsroman, für eine Zürcher Zeitung geschrieben. Die Matrosen sind Journalisten, die im schiffsartigen Gebäude ihre zu schreibenden Geschichten gleich selbst leben.

Komisch und grausam

Das Leben der Matrosen ist ein lustiger, leichter Roman und damit hat Milena Moser gar eine neue Gattung in der Schweizer Literatur geschaffen; es klingt wie ein Oxymoron. «The comic novel», charakterisiert Susan Sontag, «also relies on the naïve narrator: the person of incomplete understanding and inappropriate, indefatigable cheerfulness or optimism.»1 Trotz manchen sozialen, finanziellen und menschlichen Missgeschicken haben Milena Mosers Figuren immer einen unbezähmbaren Willen und einen gelassenen Humor. Die Komik manifestiert sich im Überlebensreflex der naiven Protagonistinnen oder der witzigen Erzählerin, die gerade dadurch zu Heldinnen werden, dass sie, obwohl ausgebeutet, nicht untergehen. Susan Sontags weitere Ausführungen passen akribisch genau auf Mosers Texte. «What is comic is not being surprised at what is astonishing or absurd. … The basic elements of a comic situation: deadpan; repetition; defect of affectivity; deficit (apparent deficit, anyway) of understanding, of what one is doing (making the audience superior to the state of mind being represented); naïvely solemn behavior; inappropriate cheerfulness – all of which give the impression of childlikeness. The comic is also cruel.» Das Grausame in Milena Mosers Art zu erzählen sind die ständigen Demütigungen der am Rande der properen Schweizer Gesellschaft lebenden, naiven Protagonistinnen, die ihre sozialen und emotionalen Situationen ja gar nicht verstehen und die deswegen urkomisch wirken.

Angela Praesent, die Mitschreiberin des «Faxenbuchs» – es geht darin nicht um Faxen, also Grimmassen schneiden, sondern um einen Austausch von Texten, übermittelt via Faxmaschine – sagt verteidigend: «In diesen Büchern geht es um existentielle Dinge!» (S. 69). Schon Johann Wolfgang von Goethe hat ja die «Leiden des jungen Werthers» in Briefform an die Leser verschickt. Im Faxenbuch faxen sich zwei Frauen die Leiden eines schreiben-wollenden Alltags zu, der für Milena ständig von Kindern, Partner und Haushalt unterbrochen wird, während die kosmopolitische Lektorin Angela sie emphatisch zum Schreiben antreibt. Der Text schildert den Existenzkampf Milenas und berichtet über ihre Selbstzweifel, das Ringen um jede freie Stunde und ihre Suche nach einem möglichst ungestörten Ort zum Schreiben, der sich schliesslich ausgerechnet in einem Vorortsbahnhof von Zürich materialisiert.

Existentielle Dinge zu erfassen, das ist doch die Aufgabe der Literatur, sei es nun E-Literatur oder U-Literatur, und auch die Literaturkritik befasst sich mit einer konstanten, existentiellen Aporie. In diesem Sinne gehe ich von einem Zitat Milena Mosers aus: «Meiner bescheidenen Ansicht nach hat die Literaturkritik durchaus ihre Berechtigung, nicht nur als Kaufhilfe, sondern vor allem auch als unterhaltende Lektüre, nur darf man nicht davon ausgehen, die Kritik hätte mit dem kritisierten Buch etwas zu tun» (Faxenbuch S. 56). Dabei verweist sie auf eine literarische Gesprächsrunde, an der sie einmal teilnahm. «Damals kam ich mir aber ehrlich gesagt etwas blöd vor, neben all den halb gelehrten, halb beleidigten Ergüssen von Weber, Muschg, Loetscher und Konsorten (dreiviertel davon hab ich noch nicht einmal VERSTANDEN!). Wie diese Intelligenztests, du hast einen Apfel, eine Birne, eine Banane und ein Fahrrad, und die Frage ist, was passt hier nicht (ich wäre das Fahrrad, Loetscher die Birne, Weber vielleicht eine Himbeere und so weiter).» Damit sei der selbstbekennende Stellenwert dieser heute so populären Schriftstellerin illustriert.

Frischer als Frisch

Schauen wir doch mal auf Hugo Loetscher, einen gefeierten Nachfolger des literarischen Schweizer Zwillingspaars Frisch-Dürrenmatt, der sein ausuferndes Wissen von Swissness und dessen Korrelation zur weiten Welt literarisch wortstark verteidigen kann, wie etwa in seiner neuen Essaysammlung «Lesen statt Klettern» (2004). Er musste hinuntersteigen in den Sumpf der Abwasserkanäle in Zürich, um den Schweizern einen Spiegel vorzuhalten, und sein Buch «Abwässer» (1963) ist voll von ernster Ironie und groteskem Spott. Literatur war und ist ein ernstes und kritisches Geschäft im kleinen, neutralen Lande mit einem der höchsten Bruttosozialprodukte der Welt. Ohne Zweifel sind gerade deswegen manche der kanonisierten Schweizer Schriftsteller Meister einer schweren Ironie mit Metapherntürmen geworden, weil nur durch die Form des Spottes oder mit scheinbarem Ernst das Gegenteil vom eigentlich Gemeinten glaubwürdig zu erzählen ist. Dieser schöpferische Unernst, vor allem in den späten Werken von Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch, kann aber auch als Ausdruck einer oft arrogant erscheinenden Überlegenheit gegenüber dem schweizerischen Volksverständnis und als blosses Spiel mit der Satire und Komik verstanden werden. Doch die «Dürren sind matt» und die neuen, jungen Schriftstellerinnen und Schriftsteller sind «frischer als Frisch.»2. «Humor ist die neue Ernsthaftigkeit», so heisst der Slogan einer erfolgreichen Kategorie der deutschen Schweizer Literatur des 21. Jahrhunderts. Namen wie Christoph Simon, Rolph Dobelli, Tim Krohn, Angelika Waldis, Anita Siegfried können dazu gezählt werden.

Nach antiker Auffassung ist der Humor die Mischung von Lebenssäften, die eine Gemütsstimmung bewirken. Erst seit dem 18. Jahrhundert bezeichnet Humor ein menschliches Verhalten, das dem Unzulänglichen und Widrigen der Wirklichkeit mit versöhnlicher Gelassenheit begegnet. In der Weltliteratur haben schon Shakespeare, Cervantes, Rabelais, Voltaire, Sterne, Jean Paul und viele andere (Männer) humoristische, vor allem männliche Figuren entworfen, die der Gesellschaft den prekären Spiegel vorhielten. Erst seit ich Milena Mosers Bücher gelesen habe, glaube ich zu verstehen, dass Tristram Shandy von Laurence Sterne wohl der Urtyp einer männlichen Schlampe im 18. Jahrhundert war. Aber wo findet sich diese in der zeitgenössischen Literatur?

Nicht Preise, sondern Leser

Der Paradigmawechsel in Milena Mosers Texten verläuft parallel mit ihrer Umsiedlung nach Kalifornien im Jahre 1998. Sie hat nun das, was die ehemalige DDR-Schriftstellerin Gabriele Eckart, die 1988 in die USA geflohen war, als «den guten fremden Blick» (1992) definiert hat. Unmittelbar erscheinen in Mosers Texten reflektierte Vergleiche zwischen der amerikanischen und schweizerischen Kultur, die in einer humoristischen Sozialkritik resultieren.

«Schlampenyoga», Milena Mosers neustes Buch, berichtet ebenso lustig wie informativ und wohlrecherchiert über die westliche, esoterische Yogakultur und parallel auch über das eigene Schreiben: «Ich habe über sechs Jahre lang einen Verlag gesucht, habe Briefe geschrieben, Manuskripte herumgeschickt, zum Teil nicht zurückbekommen, und es kamen lauter Absagen. Die Briefe waren immer vernichtend. Das Beste war noch: Ihre Geschichten sind lustig, aber man kann sie unmöglich drucken … das Schreibbedürfnis ist grösser als die Demütigungen.»3

War der Markt nicht bereit für lustige Schweizer Literatur? Milena Mosers erstes Buch wurde schliesslich von ihrem Bruder in einem neu gegründeten Verlag veröffentlicht. Sie schrieb weiter und brachte «Geschichten, die herumliegen» zu Papier. Moser sagt, sie schreibe für sich selbst, und sie klingt sehr glaubwürdig in ihrer Aussage. You write what you are! In der Tat geht es in ihren Büchern um Lebenssäfte und Gemütsstimmungen (lat. humor = Flüssigkeit); da fliesst der Champagner und Wodka, und PMS ist legitim und vielschichtig bewiesen. Gaby Hauptmann, eine vergleichbare Erfolgsautorin in Deutschland, klassifiziert ihre eigenen Romane als «Badewannenliteratur»: «Für mich ist Literatur entspannend, wenn ich mich in die Wanne lege, ein Gläschen Sekt trinke, mich einfach wohlfühle. Das kann man auch übertragen: Liegestuhl, Strand oder Bett.»4 Milena Mosers Bücher verhelfen der Leserin und dem Leser zu solch einem Entspannungserlebnis in dieser hektischen, geplagten Welt, durch literarisches Yoga, in Wort und Stellung.

Milena Moser bietet uns vergnügliche Schweizer Literatur an. Sie ist Madonna der schweizerischen Literaturszene. Sie schreibt eine Art von Pop Art, weil sie die Jetztzeit und Aspekte der Kulturindustrie mit provozierenden Banalitäten in Texten festhalten kann. Ihr Stil ist weder wild noch rhythmisch, nicht malerisch, nicht idiosynkratisch, sondern klar, kurz und prägnant; sie fabuliert – mit sich selbst. Es ist ein mündlicher Stil, humorvoll, ironisch, leicht hüpfend. Milena Mosers Art zu erzählen ist biographische Fiktion und fiktive Autobiographie. Sie ist das Fahrrad, das sich nicht um den Apfel, die Birne und die Banane kümmert. Und sie hat Erfolg damit: sie braucht keine literarischen Preise, weil sie (vergnügte) Leserinnen und Leser hat.

1 «A Report on The Journey», in «The New York Times Book Review». 20. Februar 2005: S. 16–18.

2 Gerhard Weiss (University of Minnesota, Minnapolis) anlässlich eines Gesprächs über neue deutsche Schweizer Literatur am 3. August 2005.

3 http://milenamoser.com/interlis.htm

4 «Buchjournal» 2/2004: S. 46.

Margrit V. Zinggeler ist Professorin für Germanistik an der Eastern Michigan University, USA.

«Die Zeitschrift für unabhängige
und selbstverantwortliche Individuen!»
Werner Kieser, Unternehmer,
über den «Schweizer Monat»