Christine Brand, zvg.

Leere Agenda

Denn genau so fühlt es sich an, der durchgetaktete Ablauf, der in meiner Agenda steht: wie ein Korsett, das meine Bewegungsfreiheit einschränkt, manchmal so sehr, dass es mir fast den Atem nimmt.

Wir sind eine Gesellschaft von Planern. Schaue ich auf die vergangenen zwei Monate zurück, finde ich in meiner Agenda keinen einzigen Tag ohne Eintrag. Während der Woche stehen da täglich mitunter drei bis vier Termine, zähle ich die privaten Einträge dazu, komme ich auch mal auf sieben. Würde man meine Agenda an eine Wand projizieren, sähe man ein abstraktes, grafisches Gemälde, das es mit jedem Piet Mondrian aufnehmen könnte. Ich würde das Kunstwerk profan Das Programm nennen, oder vielleicht auch etwas zynischer: Das Korsett.

Denn genau so fühlt es sich an, der durchgetaktete Ablauf, der in meiner Agenda steht: wie ein Korsett, das meine Bewegungsfreiheit einschränkt, manchmal so sehr, dass es mir fast den Atem nimmt. Und das Verrückte daran ist: Ich habe mich selbst da reingequetscht. Fast jeder meiner Termine ist ein freiwilliger Termin, ich hätte einfach Nein sagen können. Bei vielem habe ich zugesagt, weil ich Geld verdienen muss. Aber niemand hat mich dazu gezwungen. Trotzdem fühle ich mich wie eine Geisel meiner Agenda.

Schaue ich jedoch auf die kommenden vier Monate, ist meine Agenda mit ganz wenigen Ausnahmen völlig leer. Wenn es hochkommt, habe ich einen Eintrag alle drei Wochen. Ich ziehe mich nämlich zurück auf eine Insel, um an meinem nächsten Roman zu schreiben, und weil ich schon lange weiss, dass es mich im Winter wie einen Zugvogel in den Süden zieht, habe ich keine Termine angenommen. Eine Agenda vor mir zu haben, in der vier Monate lang nichts eingetragen ist, fühlt sich für mich an wie die absolute Freiheit.

Die Freiheit wird an dem Tag enden, an dem ich wieder über die Schweizer Grenze trete und mich – ohne es zu wollen – erneut in der Planungsgesellschaft einsortiere. Ich erinnere mich, wie viele meiner Freunde es als befreiend beschrieben, dass ihre Agenden während der Corona- Lockdowns plötzlich viel leerer waren als sonst. Ich frage mich, wie viele ihren Vorsatz erfüllt haben, sich weniger vollzuplanen. Auch mir will das in der Schweiz einfach nicht gelingen. Dabei haben wir es zu einem grossen Teil selbst in der Hand, was für ein Bild unsere Agenda abgibt.

«Guter und fundierter Journalismus
in einer sorgfältigen Sprache –
das schätzen wir sehr.»
Gabriela Manser und Sabina Schumacher Heinzer, Unternehmerinnen,
über den «Schweizer Monat»