Leben auf Pump

Von den Auswirkungen des modernen Geldsystems auf unser Verhalten

Die Stimmen jener, die eine grundlegende Reform des Geldsystems fordern, nehmen zu. Die wiederkehrenden Wirtschaftskrisen – subprime, dotcom, Asien – haben gezeigt, dass die moderne Form der Geldproduktion mit ihrem Zwilling der Kreditproduktion nicht imstande ist, eine beständige Erhöhung der Lebensqualität hervorzubringen.

Im Gegenteil. Die Bankensanierungen erfolgten mit Unsummen an Steuergeldern auf Kosten des Bürgers. Die finanzielle Schieflage in der Gesellschaft nimmt zu. Häufig wird allerdings übersehen, dass die moderne Geld- und Kreditproduktion wesentlich tiefgreifender unser Leben beeinflusst, als die gegenwärtigen Diskussionen es erahnen lassen. Sie fördert ein Verhalten, das unser Zusammenleben in Frieden und Wohlstand von Grund auf in Frage stellt.

Das moderne Geld- und Bankensystem ist eine zweckentfremdete Institution. Warum? Das Teilreservebankensystem erlaubt den Geschäftsbanken, die Kreditmenge (fast) nach Belieben auszudehnen. Aus jedem zusätzlichen Euro auf einem Girokonto schöpfen die Geschäftsbanken aus dem Nichts ungedeckte Zirkulationskredite, die sie an den Staat, die Unternehmen und die Haushalte vergeben. Im Unterschied zum Sachkredit, dem eine Spareinlage mit einer Mindestlaufzeit in der Dauer des Kreditvertrages gegenübersteht, verzichtet der Einleger bei einer Sichteinlage nicht auf die Verfügungsgewalt über seine Einlage. Folglich dürfte die Bank über das hinterlegte Geld nicht verfügen. Denn es ist rechtlich undenkbar, dass zwei Personen gleichzeitig einen legitimen Anspruch auf ein- und dasselbe Gut anmelden können.

Im Teilreservebankensystem ist dieser gleichzeitige Anspruch mehrerer Personen freilich die Regel. Die bestehende Gesetzeslage kommt damit ihrer Aufgabe, das Zusammenleben der Menschen durch die Bestimmung und Zuweisung von Eigentumstiteln zu ordnen, nicht nach und bringt eine permanente Konfliktsituation hervor. Die Gesellschaft teilt sich in Systemgewinner und Systemverlierer.

Für die Geschäftsbanken lohnt sich diese Form der Kreditschöpfung. Die künstliche Ausweitung der Kreditmenge verschafft den Banken zusätzliches Geschäft und damit zusätzliche Einnahmen. Es ist daher wenig überraschend, dass die Banken seit der Umstellung auf das Teilreservebankensystem im Laufe des 19. Jahrhunderts überdurchschnittlich hohe Gewinne verzeichnen und überdurchschnittliche Löhne bezahlen. Dagegen sehen sich jene, die das neue Geld zuletzt beziehen, für gewöhnlich die Rentenbezieher, die Landbevölkerung und die sogenannte Peripherie, mit der inflationsbedingten Teuerung konfrontiert, während die Nominaleinkommen noch nicht nachgezogen haben. Das Einkommen dieser Bevölkerungsgruppen nimmt real ab.

Die Forderungen nach Bankensteuern und einer höheren Besteuerung der Bankerboni sind deshalb verständlich. Und sie sind aus dieser Sicht auch insofern gerechtfertigt, als die aus dem Teilreservebankensystem stammenden Gewinne nicht in erster Linie besonderer Leistung, sondern einer privilegierten Gesetzeslage zu verdanken sind. Der Kern des Problems, die Giralgeldschöpfung, wird von diesen ausschliesslich die Symptome adressierenden Forderungen freilich nicht angetastet. Zusätzliche Regulierung ist eine höchst unbefriedigende, da äusserst ineffiziente Massnahme.

Die Banken gelten den meisten Ökonomen der Gegenwart als die wirtschaftliche Schlüsselinstitution schlechthin. Ihre Aufgabe besteht ihrer Ansicht nach darin, die Wirtschaft mit genügend Liquidität zu versorgen. Die Mehrung des materiellen Wohlstands wäre demnach nicht Folge einer sparsamen, langfristigen Lebensführung, sondern letztlich von der Bereitschaft der Banken abhängig, ausreichend Kredite zu vergeben. Beredtes Zeugnis hierfür legen die zahlreichen Bittgänge von Politikern, Ökonomen und Zentralbankern ab, die die Banken seit vielen Monaten anflehen, doch endlich wieder – ungedeckte – Zirkulationskredite zu vergeben.

Dieser grundlegende ökonomische Irrtum bietet eine gute Erklärung dafür, warum das systemimmanent instabile Teilreservebankensystem zum wiederholten Male mit riesigen Beträgen an Steuermitteln und durch Interventionen der Zentralbanken vor dem Zusammenbruch gerettet worden ist. Mit dem Zusammenbruch der Geschäftsbanken würde nicht bloss ein grosser Wirtschaftszweig massive Umsatzeinbussen und einen erheblichen Beschäftigungsrückgang erleiden. Damit würde zugleich die Form des Wirtschaftens der letzten 200 Jahre fundamental in Frage gestellt.

Die zahlreichen Bankenrettungspakete hat der Steuerzahler zu berappen, sei es direkt über höhere Steuern oder indirekt über die Bilanzverschlechterung der Zentralbank oder über die Bonitätsverschlechterung von Staatsanleihen. Die Verluste werden sozialisiert und sichern den Geschäftsbanken ein nahezu risikoloses Einkommen. Die Sorgfaltspflicht des ordentlichen Kaufmanns, die dem Unternehmer eine rechtliche wie moralische Beschränkung in seiner Geschäftsführung auferlegt, wird für das Bankensystem ausgesetzt. Dabei hat die ungerechtfertigte Privilegierung zur Folge, dass sich das von einer ansonsten gesunden Wirtschaft leicht handhabbare betriebswirtschaftliche Kleinrisiko zu einem gesamtgesellschaftlichen Währungsrisiko aufschaukelt.

Diese systematische staatliche Begünstigung, die im Widerspruch zu den marktwirtschaftlichen Prinzipien der verantworteten Entscheidungsfreiheit steht, hebelt das betriebswirtschaftliche Disziplinierungsinstrument schlechthin – den Bankrott – aus. Das Phänomen des moral hazard (moralischer Wagemut) macht sich breit und untergräbt das unternehmerische Selbstverständnis. Der auf eigene Rechnung tätige Unternehmer gerät unter Druck, weil er von auf den kurzfristigen Gewinn schielenden, meist staatsnahen und managergeführten Unternehmen aus dem Markt gedrängt wird.

Grosse Nutzniesserin der inflationären Kredittitelproduktion ist neben den Banken und dem Staat die kapitalintensive Grossindustrie. Die Befürworter einer zentralistisch-effizienten Wirtschaftsstruktur haben seit Ende des 18. Jahrhunderts die Grossindustrie auf Kosten der Klein- und Mittelbetriebe gefördert und der Grossindustrie zinsbegünstigte Kredite zugeteilt. Derweil hatten die Klein- und Mittelbetriebe und die Bauern die Kosten dieser einseitigen Wirtschaftspolitik mit zum Teil dramatischen Vermögens- und Einkommensrückgängen zu schultern. Dem ideologisch motivierten Fortschrittsoptimismus entsprechend wurden und werden Grossprojekte, wie überdimensionierte Staudämme, Landschaft und Orte durchschneidende Verkehrsadern und gesichtslose Wolkenkratzer, errichtet.

Ein scharfer Gegensatz besteht zwischen dem generationenübergreifenden, schonungsvollen Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen und dem von den Zirkula-tionskrediten geförderten Abzielen auf den schnellen Profit, auf den sofortigen Genuss oder auf die baldige Wiederwahl. Je kapitalintensiver und ressourcenverschlingender eine Unternehmung ist, desto stärker schlägt sich der Zinsvorteil des künstlich gesenkten Zinssatzes in der Bilanz nieder und desto profitabler erscheint die Unternehmung infolge dieses Interventionismus. Die enge Verknüpfung mit der Politik garantiert diesen Unternehmen den direkten Draht zum notwendigen Kreditrahmen und das Aufgefangenwerden bei einem drohenden Bankrott. «Big business» liebt nicht nur «big government», sondern auch das «big banking».

Die Ausweitung der ungedeckten Geldmenge ist entgegen dem ökonomischen Mainstream nicht imstande, den materiellen Wohlstand nachhaltig zu mehren. Die Inflationierung erhöht bloss das allgemeine Preisniveau, belässt die Grösse des zu verteilenden Kuchens jedoch unverändert. Da die neu geschöpfte Geldmenge nicht gleichmässig und anteilig an alle Geldbesitzer verteilt wird, hat die inflationäre Bereitstellung zusätzlicher Geld- und Kredittitel die Umverteilung des bestehenden Kuchens zur Folge. Je weiter vorne in der Geldzuteilungskette sich eine Person befindet, desto grösser ist ihr Einkommen, das sie vergleichsweise risikolos erhält.

In hochinflationären Zeiten erleidet das Geld einen fortwährenden Kaufkraftverlust. Es kann eine seiner zentralen Aufgaben, die Speicherung von Kaufkraft, nur mit Abstrichen erfüllen. Die Besitzer von Geld, sei es in Form von physischem Papiergeld oder in Form von Kontoführungsguthaben, sehen sich genötigt, aktiv gegen den Kaufkraftverlust vorzugehen. In den ersten zehn Bestandsjahren der Europäischen Zentralbank hat jeder Euro einen Kaufkraftverlust von über 10 Prozent pro Jahr erlitten (Veränderung des Verhältnisses Geldmengenaggregat M1/Zentralbankgold). Es war somit eine Mindestrendite in derselben Höhe nach Steuern vonnöten, um diesen vermeidbaren Kaufkraftverlust auszugleichen. Vermeidbar ist dieser Kaufkraftverlust insofern, als eine gerechte, d.h. nicht systematisch inflationäre Ausgestaltung des Geld- und Kreditwesens den von der Geldseite bewirkten Kaufkraftverlust nicht zulässt. Unvermeidbar ist hingegen ein Kaufkraftverlust infolge eines starken Produktionsrückganges.

Gespräche über möglichst rentable Anlagemöglichkeiten beherrschen den Alltag, und dies auch bei jenen Leuten, die Spekulationsgeschäfte zur Einkommensgewinnung grundsätzlich ablehnen, aber ihr Vermögen vor dem inflationsbedingten Kaufkraftverlust schützen wollen. In dem Wettrennen gegen den Kaufkraftverlust hat der kleine Anleger immer das Nachsehen. Anstatt in einem Leben in geordneter Ruhe findet sich der kleine Anleger in einem Hamsterrad wieder, das ihn zu fortdauernder Aktivität zwingt, ohne dass er vom Fleck kommt.

Die schleichende Überschuldung der Gesellschaft trägt ihr Scherflein zur Ökonomisierung des Lebens bei. Die Geldmengenausweitung erfolgt heute entweder dadurch, dass die Zentralbanken zusätzliche notenbankfähige Schuldtitel auf ihrer Aktivseite aufnehmen und die auf der Passivseite der Zentralbankbilanz aufscheinende Geldmenge ausweiten. Diese verleihen sie im Rahmen der Offenmarktpolitik wiederum verzinst an die Geschäftsbanken, die ihrerseits aus diesen Geldern Kredite vergeben. Oder den Geschäftsbanken gelingt es, die Bargeldhaltung der Bevölkerung zu Gunsten von Sichteinlagen zu reduzieren, die nach Rücklage der Mindestreserve als zusätzliche Zirkulationskredite in Umlauf gebracht werden.

In beiden Fällen nimmt der Verschuldungsgrad der Gesellschaft zu. Folglich hat der Schuldner – sei es der Staat, die Unternehmen oder die Privathaushalte – einen immer grösseren Teil seines Einkommens für Zinszahlungen aufzubringen. Für denselben Arbeitsaufwand bleibt nach Abzug des Zinsendienstes immer weniger real verfügbares Einkommen übrig. Folglich muss zur Aufrechterhaltung des Lebensstandards immer mehr gearbeitet werden bzw. werden immer mehr Güter zu markttauglichen Waren umgewandelt, um den zinsenbedingten Einkommensrückgang wettzumachen.

Die auf die inflationäre Geld- und Kreditschöpfung zurückzuführende zusätzliche nominelle Nachfrage bringt es mit sich, dass die Marktpreise steigen. Aufgrund der gestiegenen nominellen Nachfrage werden vermehrt die Mindestverkaufspreise überschritten, zu denen der Besitzer ein bislang nicht marktfähiges Gut als marktfähige Ware betrachtet. Schritt für Schritt unterliegen immer mehr Güter dem betriebswirtschaftlichen Rationalitätsgedanken, obschon sie sich ihrem Wesen nach der Logik der monetären Profitmaximierung entziehen.

Bedenklich ist, dass eine exzessive Kreditgewährung denjenigen bestraft, der zur Finanzierung einer grösseren Anschaffung Ersparnisse gebildet hat. Er droht regelmässig von Kaufinteressenten überboten zu werden, die sich mit Fremdkapital finanzieren. Ein reichlich Fremdkapital zur Verfügung stellendes Kreditsystem begünstigt den kurzfristig agierenden Glücksritter. Der sorgfältig Wirtschaftende ist dagegen der Dumme.

Es liegt im Wesen des Kredites, dass sich der Schuldner durch die Aufnahme eines Kredites zunächst eines höheren Konsum- oder Investitionsniveaus erfreuen kann, als es sonst der Fall gewesen wäre. Erst zum Zeitpunkt der Rückzahlung verkehrt sich der Effekt in sein Gegenteil; der Schuldner muss einen Teil seiner Produktion an den Gläubiger übertragen. Verfestigt sich jedoch das Konsumdenken, ist die Aufnahme eines weiteren Kredites die der kurzfristigen Lebenseinstellung entsprechende Handlungsalternative. Diese Nachfrage nach scheinbar mühelosem Konsum kann das moderne Bankensystem ohne grössere Probleme bedienen.

Die Kreditgewährung wird aber auch von den Banken und so manchem Ideologen bewusst eingesetzt, um eine angebliche Unabhängigkeit von den systematisch als einengend herabgesetzten tradierten Lebensformen zu erlangen. Das eigene Konto (mit dem entsprechenden Überziehungsrahmen) und der Kredit machen frei; frei von moralischen Verpflichtungen der Familie, dem Gatten, den Eltern und Grosseltern gegenüber. Jugendliche erhalten ein eigenes Konto, um der Eintönigkeit des Elternhauses zu entkommen. Die neu gewonnene «Freiheit» besteht darin, das in den seltensten Fällen selbstverdiente Geld für kurzfristige Vergnügungen auszugeben. Stetigkeit und Zielorientierung bleiben auf der Strecke, während Unverbindlichkeit, Egozentrismus und Hedonismus gestärkt werden.

Es handelt sich bei diesen «Freiheiten» jedoch bloss um Scheinfreiheiten. Diese erkennt man daran, dass sie meist früher als später in einen Zustand der Abhängigkeit kippen. Der säumige Schuldner ist Knecht des Gläubigers. Speziell die einkommensschwachen Schichten tappen als erste in die Schuldenfalle, also gerade jene Bevölkerungsgruppen, denen oft mit staatlichen Förderprogrammen die Aufnahme eines Kredites erleichtert wird. Die sozialen Folgen einer Überschuldung sind beklagenswert: familiäre Spannungen, psychische Dauerbelastung und ein zunehmend fremdbestimmtes Leben.

Die exzessive Produktion von Geld und Kredittiteln beschleunigt mit ihren Anreizen den Werteverfall einer Gesellschaft, die sich mit dem (Geld-)Schein zufrieden gibt und der umfassenden Entwertung des Lebens nichts entgegenstellen will. Die begriffliche Parallelität – hier der Werteverfall, verstanden als Kaufkraftverlust des Geldes, dort der Werteverfall in moralisch-sittlicher Hinsicht – ist mehr als ein sprachlicher Zufall. Sie bringt die alte abendländische Auffassung zum Vorschein, wonach der Erwirtschaftung äusserer materieller Güter die Erlangung innerer Güter vorausgeht.

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Werner Kieser, Unternehmer (1940-2021),
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