Alexandra Janssen, zvg.

Leben auf der einsamen Insel

Im Spannungsfeld zwischen Autarkie und Abhängigkeit.

 

Als es Robinson Crusoe als Schiffbrüchigen auf eine einsame Insel verschlug, musste er sich rasch anpassen: Er ­hörte auf, unablässig nach ­einem Schiff Ausschau zu ­halten, das ihn hätte retten können; er züchtete stattdessen Ziegen, pflanzte Gerste an und wehrte Angriffe von Kannibalen ab. Trotz Kreativität und harter Arbeit blieb das Leben sehr einfach. Es gab nur das Nötigste zum Überleben, kaum Erholung, keine Kultur, keinen Wohlstand.

Autarkie und Subsistenzwirtschaft sind in dieser Welt unmittelbar mit Armut verbunden. Ganz im Gegensatz zu einer Welt mit Arbeitsteilung, Spezialisierung und Handel, in der man zu grossem Wohlstand kommen kann. Als ­Crusoe 28 Jahre nach seinem Schiffbruch die Rückkehr in seine Heimat gelang, hatte seine zuvor erworbene Zuckerplantage dank internationalem Handel viel an Wert ge­wonnen. Der Unterschied zwischen Armut und Wohlstand hätte für Crusoe nicht offensichtlicher sein können.

Dieser Gegensatz zwischen Autarkie und globalem Handel steht sinnbildlich für die Entwicklung der vergangenen 200 Jahre. Die marktwirtschaftlich organisierten Länder konnten dank Arbeitsteilung und Handel enorme Produktivitätsgewinne und Wohlstand schaffen. Dass Wohlstand aber nicht vom Himmel fällt, sondern jeden Tag neu erarbeitet werden muss, zeigen die aktuellen Probleme rund um Lieferketten und die Abhängigkeiten von Handelspartnern.

Im Unterschied zu Robinson Crusoe, der seinen Insel­aufenthalt nicht freiwillig wählte, können und müssen wir aus dem Kontinuum der Möglichkeiten zwischen Autarkie (verbunden mit tiefem Wohlstand) und hoher Arbeitsteilung und Handel (verbunden mit Abhängigkeit von Handelspartnern) wählen. Die Stärke der freiheitlichen Gesellschaft, welche diese Wahl dem Individuum und den Unternehmen überlässt, liegt in unterschiedlichen Lösungen mit einer verteilten Risikostruktur. Dem Staat bleibt in dieser Handelswelt nur die laufende Verbesserung der Rahmenbedingungen (Freihandelsabkommen, Abbau von Zöllen et cetera) zugunsten der Individuen.

«Kurvt unentwegt jenseits
der Staatsgläubigkeit.»
Beat Kappeler, Ökonom und Publizist,
über den «Schweizer Monat»