Lebe gesund, korrekt und ethisch!

Wie wohlwollende Expertokraten uns erziehen wollen.

Die eine Hälfte der Menschheit kennt das Arrangement aus eigener Anschauung, die andere dürfte davon gehört haben: Fliegenbildchen in Urinalen.
Sie sollen den Bedürftigen anleiten, kontrolliert Wasser zu lassen, indem er auf die Fliege zielt. Der erwünschte Effekt: weniger Reinigungsaufwand für den Restaurantbesitzer, sauberere Toiletten für die Gäste. Ist das nicht wunderbar?

Nichts spricht dagegen, den Jagd- und Spieltrieb im Manne zu wecken. Die Wahlfreiheit bleibt gewahrt, denn theoretisch könnte er sich aus freien Stücken dagegen entscheiden, sein Geschäft gezielt zu erledigen. Dies wäre allerdings ziemlich pubertär. Wahrscheinlich ist der Mann sogar froh um die sanfte Anleitung und den damit einhergehenden Unterhaltungseffekt.

Die Verhaltensökonomie, eine jüngere Disziplin der Ökonomie, befasst sich seit einigen Jahrzehnten erfolgreich mit dem Menschen als Entscheidungswesen. Der Mensch ist viele Menschen: in seinem Innern ringen «animal spirits» mit klarem Denken, Emotionen mit Vernünftigkeit.

Was spricht schon dagegen, das multiple Ich durch intelligentes Framing zu besseren Entscheidungen anzuleiten? Denn «besser» meint hier ja: besser gemäss eigenen Vorstellungen. Wir treffen ständig Entscheidungen, die wir später bereuen, weil wir den realen Verlust höher gewichten als den möglichen Gewinn, weil wir unsere eigenen Kapazitäten ständig überschätzen, weil wir die Gegenwart über die Zukunft stellen.

Doch was sind die Folgen, wenn sich staatliche Instanzen diese menschlichen Schwächen zunutze machen, indem sie das Individuum sanft und liebevoll zu einem besseren, zu einem ethischeren, zu einem gesünderen Leben anleiten?

Die neue Problemstellung ist bekannt geworden unter dem Titel «Nudging» (schubsen). Die sanfte Anleitung ist, obwohl sie ohne Zwang auskommt, das genaue Gegenteil von Aufklärung. Der Mensch wird nicht als lernfähiges Wesen adressiert, das aus eigenem Verhalten lernt, sondern als armes Schwein, das reflexartig reagiert. Er darf zwar die Politiker wählen (und im Moment der Wahl wird ihm auch gütigerweise Kompetenz unterstellt), aber danach soll er sich einer aufgeklärten Elite überantworten, die für sein Wohl sorgt. Wissenschaft + Politik = wohlwollende Expertokratie.

Ist ein solches Menschenbild mit den Werten der Aufklärung verein- und demokratiepolitisch vertretbar? Wie wirkt sich das Zusammenspannen von Verhaltensökonomie und Politik in der Praxis aus? An welchen Erziehungsprogrammen arbeiten Merkel, Cameron und Obama? Wie genau will das Bundesamt für Gesundheit uns zu besseren Menschen formen? Und was sagt Cass Sunstein, einer der Begründer des «Nudging», zum Vorwurf, die neue Disziplin sei bloss die neueste Form von staatlicher Manipulation und Bevormundung?

Erfahren Sie es in unserem neuen Dossier.

Die Redaktion

 


Für die Unterstützung bei der Lancierung des Dossiers danken wir Georges Bindschedler, Bern.

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