Leave the Party – ökonomische Ideen zum Vergessen

An manchen Ideen hängen wir wie an liebgewonnenen Dingen. Nostalgie hat aber in der Wissenschaft nichts zu suchen.

Leave the Party – ökonomische Ideen zum Vergessen
Mit einer Reisegeschwindigkeit von 2,02 Mach gelang es 1985 dank der Concorde erstmals, einen Musiker diesseits und jenseits des Atlantiks auftreten zu lassen: Phil Collins. Wäre der Betrieb des Überschallflugzeugs schon früher eingestellt worden, hätte man sich beides sparen können: den Höhenflug der britischen und französischen Investitionen aus Staatsgeldern – und ja, den singenden Schlagzeuger. Bild: Concorde im Auto- & Technikmuseum Sinsheim, photographiert von jvinuk / SW / CC BY-SA 2.0.

Vor kurzem erzählte mir ein Freund folgende Begebenheit: Überraschend war er zum fünfzigsten Geburtstag eines Schulfreundes eingeladen worden. Er hatte diesen in den letzten Jahren nur noch sporadisch gesehen und wusste kaum etwas über dessen Lebensumstände – ausser dass er Kinder hatte und nicht sonderlich glücklich verheiratet war. Dennoch nahm er die Einladung umstandslos an. Aus Nostalgie und dem Gefühl einer gewissen sozialen Verpflichtung heraus.

An besagter Feier sass mein Freund an einem langen Holztisch in Langenbruck, mit Leuten, die er nicht kannte. Eben hatte er einen Nüsslisalat mit in Öl schwimmenden Croûtons gegessen, da zeigten die Kinder eine Bilderschau ihres Vaters in diversen peinlichen Posen aus vergangenen Jahren. Nach dem Auftritt der Kinder gab es Bœuf bourguignon. Es erinnerte ihn an Gulasch im Skilager in Saanenmöser in der 3. Primarschulklasse. Auch der Pinot noir half ihm nicht über die Sozialagonie hinweg.

Hätte mein Freund vor der Einladung das Buch «The Undoing Project» von Michael Lewis gelesen, ihm wäre die Pein womöglich erspart geblieben. Lewis erzählt darin die Doppelbiographie des kongenialen Paares Amos Tversky und Daniel Kahneman. Die zwei Verhaltenspsychologen haben pionierhaft herausgearbeitet, wo die Irrationalitäten unseres Seins sitzen. Für meinen Freund besonders hilfreich gewesen wären die Stellen, an denen Lewis die Lebensregeln Tverskys beschreibt. Sie zielen nämlich darauf ab, Sozialpein möglichst zu minimieren: «Falls irgendetwas von dir verlangt wird – Teilnahme an einer Party, Halten einer Rede, den Finger zu heben –, sag niemals sofort zu, auch wenn du sicher bist, dass du es tun willst. Es ist überraschend, wie viele der Einladungen du am nächsten Tag ablehnst», wird Tversky zitiert. Da lag der erste Fehler meines Freundes: die spontane Zusage. Ähnlich ging Tversky mit langweiligen Sitzungen oder eben grotesken Geburtstagsfeiern um – er stand auf und verliess den Raum, wenn es zu schlimm wurde. Sein Ratschlag: «Fang an zu laufen und du wirst selbst überrascht sein, wie kreativ du bist und wie schnell du die Worte für eine Entschuldigung findest», zitiert ihn Lewis. Der zweite Fehler meines Freundes: zu bleiben.

Die Concorde-Falle

Nicht jeder kann sich ein derartiges Verhalten erlauben und nicht alle Sozialkonstellationen lassen es auch zu. Bei einem quälend-langweiligen Rendezvous aufzustehen und zu gehen, wäre möglicherweise konsequent, aber brüskierend. Und einem blitzgescheit-charmanten Wissenschafter wie Tversky lässt man es eher durchgehen, wenn er mit einer fadenscheinigen Entschuldigung eine Geburtstagsfeier verlässt. Doch wieso folgen wir der Tversky-Anregung des «Verlass die Party sofort, wenn sie dich langweilt!» auch sonst so selten?

Eine Erklärung könnte das vom Spieltheoretiker László Mérö als «Concorde-Falle» bezeichnete Dilemma sein, das sich bei vielen Grossprojekten beobachten lässt (zuletzt beim Berliner Flughafenprojekt): In die Entwicklung des Überschallflugzeugs Concorde investierten die britische und die französische Regierung derart viel, dass ein Ausstieg von allen Beteiligten nach einer gewissen Zeit als nicht mehr gangbar erachtet wurde – obschon die Kosten durch alle Decken gingen. Zusätzlich erklärten die beiden Regierungen das Flugzeug zu einem Prestigeobjekt, so dass ein Scheitern auch zu einer staatlichen Blamage geworden wäre. Die Concorde ging 1976 an den Start, setzte sich aber als Linienflugzeug nie durch; am 24. Oktober 2003 absolvierte sie ihren letzten Flug. Die falsche Logik hinter dem finanziellen Wahnsinnsprojekt: man hat bereits so viel investiert, dass man der Meinung ist, das Projekt müsse fortgesetzt werden. Dass dabei die Kosten munter weiter steigen, wird ignoriert.

Besagte Geburtstagsfeier war für meinen Freund eine Concorde-Falle im Kleinen: Er hatte die Reise nach Langenbruck auf sich genommen, zuvor ein Geschenk gekauft, den Nüsslisalat gegessen, also blieb er. Die wenigsten von uns sind vor der Concorde-Falle gefeit: Wir pflegen Beziehungen, derer wir überdrüssig geworden sind, oder lesen Bücher zu Ende, die uns langweilen.

Vergleichbares lässt sich auch…