Lea Ypi erzählt die Geschichte ihrer Grossmutter – und überschreitet dabei die Grenze zur Fiktion
In ihrem neuen Buch lässt die albanische Autorin den Balkan der Zwischenkriegszeit aufleben. Doch dann zerstört sie das Fundament, das die Geschichte trägt
Nach dem Erfolg von Lea Ypis Memoiren «Frei» (2021) trat eine Fotografie, welche ihre Grosseltern während des Zweiten Weltkriegs in einem italienischen Skiort mit einem Mussolini-Kollaborateur zeigt, eine Welle digitaler Empörung los. Ein Ereignis, das gleichzeitig auch die Geburt ihres neuen Werks «Aufrecht» markierte.
«Aufrecht» zeichnet die Familiengeschichte von Ypis Grossmutter, Leman, von Griechenland am Ende des Ersten Weltkriegs bis in das Albanien der Anfänge der kommunistischen Diktatur Enver Hoxhas. Zugleich begleitet das Buch die Autorin auf ihrer Spurensuche durch Archive und Erinnerungsräume. Der englische Originaltitel «Indignity» und das deutsche «Aufrecht» spiegeln Erniedrigung und Würde wider, Themen, die Ypis Roman durchweg im Fokus behält. Wie bewahren sich Menschen ihre Würde trotz Demütigung? Diese Frage zieht sich als Leitmotiv durch das gesamte Werk.
Ypis Buch ist zugleich Familienbiografie, Erinnerung, historische Recherche und Fiktion. Am stärksten ist die Autorin, wenn sie das multikulturelle Saloniki der Zwischenkriegszeit zum Leben erweckt, wo Leman aufwächst. Wir tauchen ein in die kulturelle Tiefe des zerfallenden Osmanischen Reiches, in das Milieu einer gebildeten Oberschicht, die zwischen Sprachen, Religionen, nationalen Identitäten und den zwei grossen Kriegen des zwanzigsten Jahrhunderts in einer Welt lebt, die nur kurz Bestand hatte.
«Wie bewahren sich Menschen ihre Würde trotz Demütigung? Diese Frage zieht sich als Leitmotiv durch das gesamte Werk.»
Was den ersten Teil des Buches trägt – die erzählerische Kraft, die Weltfülle, die präzise Zeichnung der Figuren –, beginnt im zweiten zu ermatten. Ypi unterbricht die Erzählung zunehmend durch «Intermezzos» aus scheinbar authentischen Dokumenten, die in einem nüchternen, oft spracharmen Stil gehalten sind. Diese Einschübe sind ein ästhetisch fragwürdiges Stilmittel, das die Atmosphäre des Romans eher schwächt, als sie zu vertiefen.
Noch gravierender ist die radikale Wendung am Ende des Romans: Viele der Recherchen, vielleicht auch ganze Episoden, betreffen gar nicht Ypis eigene Grossmutter, sondern eine andere Frau gleichen Namens. Mit dieser Enthüllung entzieht Ypi ihrem Buch ein Stück weit das Fundament, das es bis dahin getragen hat.
«Aufrecht» ist ein mutiges, aber unausgewogenes Buch und ein eindrucksvolles Zeugnis, wie dünn die Grenze zwischen Erinnerung und Fiktion ist.
Lea Ypi: Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme. Übersetzt von Eva Bonné. Berlin: Suhrkamp, 2025.