Langenthal, Silicon Valley

Teilchenphysik, Technologien für Smart Cities oder Vertonung des Waldes: Das Netzwerk swissnex setzt auf den Rohstoff Wissen. Das ist gut für die «Soft Power» der Schweiz. Und sorgt zeitweise für Irritation. Swissnex-Pionier Christian Simm erklärt, was den Oberaargau mit der Wüste Nevadas verbindet.

Schwenk auf Langenthal im Oberaargau, eine Kleinstadt mit 15 000 Einwohnern, bescheiden, ein bisschen abseits der wichtigen Achsen der Schweiz. Doch hinter neutralen Fassaden und in anonym anmutenden Industriebauten werden Techniken geboren und Produkte gefertigt, die Bewunderung verdienen. Zum Beispiel produziert dort Création Baumann das leichteste Gewebe der Welt – ein Traum für Designer rund um den Globus.

Szenenwechsel: 9400 km von Langenthal entfernt, 12 Stunden Flugzeit, 9 Stunden Zeitverschiebung. Wir sind in der Bucht von San Francisco, einem Gebiet so gross wie das Bassin lémanique, «last frontier» vor dem Pazifik, eine Bevölkerung versammelnd, die etwa jener der Schweiz entspricht. Vor uns sehen wir das Silicon Valley, wo sich Innovatoren, Unternehmer und all jene versammeln, die davon träumen, die Zukunft zu erfinden. Aber auch hier: auf den ersten Blick nichts Spektakuläres. Es handelt sich nicht einmal um ein Tal, wie der Name suggeriert. Und weder glitzernde Wolkenkratzer noch eine Armada aus Schornsteinen prägen den Horizont. Und doch befinden wir uns hier in einer Region mit einer einzigartigen schöpferischen Kraft.

Langenthal und das Silicon Valley haben trotz vielgestaltiger Unterschiede essentielle Gemeinsamkeiten. Diese teilen sie wiederum mit anderen Orten des Wissens auf dem ganzen Planeten: mit Boston, Schanghai, Singapur und Bangalore. Stellen Sie sich vor, dass diese Innovationsknoten, diese Katalysatoren der Kreativität und des Pioniergeists, die an den Ideen, Produkten und Dienstleistungen von morgen arbeiten, de facto heute alle Nachbarn sind. Verbunden durch ein Informations- und Persönlichkeitsnetzwerk, das den ideenbezogenen Austausch so einfach macht wie den morgendlichen Gang zur nächsten (Schweizer) Post. Willkommen im swissnex-Netzwerk!

Seine etymologischen Wurzeln schöpft das Netzwerk aus dem lateinischen nexus, einem Zustand sich überlappender Dinge, Verbindungen und Treffpunkt mehrerer Elemente. Die Wirkung dieses Nexus ist dadurch definiert, dass er einen Zusammenhang herstellt zwischen der Schweiz und der (globalen) Wissenschaft, Bildung, Kunst und Innovation. Oder ausgedrückt in der heutigen Lingua franca: connecting the dots between Switzerland and the world in science, education, art, and innovation. Bis zur Verfestigung dieses Slogans war es ein weiter Weg: Konzipiert hatten das Netzwerk an der Front agierende Unternehmer, Unterstützung erhielt es durch politische Visionäre und ermöglicht wurde es letztlich durch die Grosszügigkeit von Mäzenen.

Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) stellt die Grundfinanzierung sicher, trägt aber nur ein Drittel der Kosten für die Dienstleistungen, die die fünf swissnex-Häuser in Bangalore, Boston, San Francisco, Schanghai und Singapur gegenüber Einzelpersonen, Hochschulen und Unternehmen erbringen. Das macht das Netzwerk zu einem guten Beispiel funktionierender öffentlich-privater Partnerschaft. Durch seine Sparsamkeit im Umgang mit Mitteln und die Originalität seines Ansatzes ist es mittlerweile für viele andere Nationen zu einem Vorbild geworden, wie man in umfassender Weise Diszi-plinen überqueren, Synergien fördern und Serendipität – zufälliges Entdecken von Unerwartetem – hochhalten kann.

Zugang zum Ökosystem des Silicon Valley

Die von swissnex ermöglichten Handlungen – sie werden jeweils quantitativ und qualitativ ausgewertet – sind absichtlich überraschend, manchmal schwer zu beschreiben, zuweilen auch irritierend. Zum Beispiel, wenn wir von Schweizer Designern am berühmten Burning-Man-Festival in der Black-Rock-Wüste Nevadas ein Spinnennetz mit 250 000 Kabelbindern aufspannen lassen – und daraus dann eine abstrakte Landschaft entsteht, die schwer in Worte zu fassen ist.

Das Verlassen von ausgetretenen Pfaden ist so unvermeidlich wie wünschenswert, wenn man Gewissheiten abwerfen und die Herausforderungen von morgen verstehen will. Gleichzeitig entsteht dabei eine gewisse Schwierigkeit, die Dienstleistungen von swissnex fassbar zu machen. Doch Erfahrungen aus erster Hand und Beispiele von Projekten bieten für gewöhnlich einen sehr konkreten Mehrwert für die Wissensgesellschaft, zu der die Schweiz gehört. Ich möchte unsere Arbeit deshalb anhand einiger Beispiele illustrieren, die ich als Leiter von swissnex San Francisco miterlebt habe.

Wenn der Kanton Waadt die Internationalisierung seiner Fachhochschulen fördern und damit in Kalifornien beginnen will, sendet er den Direktor der Hochschulbildung für drei Monate nach San Francisco. Beherbergt, beraten und unterstützt vom swissnex-Team entwickelt dieser Direktor sodann in fünf verschiedenen Bereichen – von der sozialen Arbeit über Önologie bis hin zur Informatik – Programme für gemeinsame Sommerschulen zwischen waadtländischen und kalifornischen Hochschulen. Die Sommerschulen weben seit nun schon vier Jahren wertvolle persönliche und institutionelle Verbindungen und lassen derzeit Joint-Master-Programme entstehen. Das Programm wurde, dank Unterstützung der swissnex-Korrespondenten, inzwischen auf andere Teile der Welt ausgedehnt und wird von anderen Schweizer Fachhochschulen kopiert.

Viele Schweizer Start-ups können sich nicht auf dem Schweizer Markt behaupten. Sie müssen sich im klaren dar-über sein, dass der Markt für ihre Produkte und Dienstleistungen zwangsläufig global ist. Das unternehmerische Ökosystem des Silicon Valley bietet eine einzigartige Dichte, um alle nötigen Zutaten für die Lancierung eines Unternehmens aus erster Hand kennenzulernen. Um davon profitieren zu können, motiviert swissnex San Francisco Nachwuchskräfte mit Hilfe von Bootcamps (nicht für Soldaten, sondern für Studenten) und Ideenwettbewerben, die Angebote zu nutzen. Und informiert mit Roadshows und online frei zugänglichen «Webinars». Unternehmer erfahren Unterstützung vor Ort: Durch die enge Zusammenarbeit mit dem Start-up-Coachingprozess der Kommission für Technologie und Innovation (KTI) und anderen Partnern wird ihnen das US Market Entry Camp in Boston und Kalifornien angeboten.

Dutzende von Start-ups erhielten so eine Möglichkeit, den Markt zu testen, Geld zu sammeln, das business à lʼaméricaine zu erlernen, im englischsprachigen Raum einen Zweig für das Marketing zu errichten und einen Exit zu finden: Das ETH-Spin-off SVOX, das sich auf die Umwandlung von geschriebenen Texten in natürlich klingende Sprache spezialisierte, wurde im Juni 2011 vom amerikanischen Technologie-konzern Nuance Communication für über 100 Millionen US-Dollar übernommen.

Oft ist San Francisco auch ein Treffpunkt verschiedener Welten, wie zum Beispiel für die Leute des Zürcher Unternehmens Dacuda, die den Koreanern des Elektronikherstellers LG die Lizenz der Technologie für ihre Scanner-Maus verkauften. Auf der Grundlage seiner Erfahrung mit transdisziplinären Projekten hat swissnex dieser Partnerschaft einen schöpferischen Glanz gegeben, indem es den Wettbewerb «Scan What You Can!» organisiert hat, der zahlreiche Designer rund um ein Produkt versammelte, das ursprünglich allein für den grauen Büroalltag konzipiert wurde.

Wettbewerb zwischen Zürich, Genf und San Francisco

Teilchenphysik, Technologien für Smart Cities, «Internet der Dinge», Vertonung von Daten des Waldes, Erforschung von Emotionen und des Bewusstseins – etwa hundert jährlich organisierte öffentliche Veranstaltungen bringen Spezialisten von beiden Seiten des Atlantiks zusammen und werten damit die helvetischen Kompetenzen auf. Es entstehen Initiativen, die Sachkenntnisse und Trends aus den USA in die Schweiz importieren sollen. So hat das Programm «Swiss Academia and the Social Media Landscape» Vertreter aller Schweizer Hochschulen und staatlicher Forschungslabors in der amerikanischen Praxis des Umgangs mit sozialen Medien ausgebildet und eine Interessengemeinschaft von Fachleuten der Onlinekommunikation gebildet, die es vorher nicht gab.

Die Welt verändert sich rasant, und die Schweiz braucht strategisch verteilte Ohren und Augen, die relevante Entwicklungen analysieren und verständlich machen können. Die Website nextrends bietet halbmonatlich eingehende Analysen von Tendenzen nach dem Motto: «Insights and Ideas from the American West». Artikel über das Aufkommen von sogenannten Massive Open Online Courses (MOOCs) – Onlinevorlesungen von renommierten Hochschulen – tragen zum Beispiel dazu bei, dass verschiedene Schweizer Hochschulen diese Bildungsrevolution genau verfolgen und daran teilnehmen. Um den Wert des Zugangs zu öffentlichen Daten zu illustrieren, hat swissnex den Wettbewerb «City Challenge: Urban Data Insight» ins Leben gerufen. Darin messen sich die Städte Zürich, Genf und San Francisco, genauer: sie messen sich daran, wie es ihnen gelingt, der Öffentlichkeit ihre Daten am besten und benutzerfreundlichsten zur Verfügung zu stellen. Und anlässlich des zehnten Jahrestages von swissnex San Francisco sind Studierende aller Schweizer Hochschulen unter dem Label Story2023 dazu eingeladen, digitale Komponenten des sogenannt transmedialen Erzählens – eine in der Bucht von San Francisco sehr gefragte Technik – dazu zu verwenden, sich das nächste Jahrzehnt vorzustellen.

Ein amerikanischer Besucher machte kürzlich eine Aussage, die den Anspruch an unsere Arbeit gut beschreibt. Er sagte mir: «Mit swissnex erfindet die Schweiz neue ‹Gute Dienste›. Nicht in der Konfliktlösung, die oftmals äusserste Diskretion erfordert. Sondern in der Welt des Wissens, des Austauschs von Wissen und in der Welt der intellektuellen Experimente!» Das war ein Kompliment, das ich unserem Projekt bis heute gern auf die Fahnen schreibe.

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«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»