«L’Infini livre»

Ein Auszug

«L’Infini livre»
Noëlle Revaz, photographiert von Sébastien Agnetti.

Das Gesicht auf dem Umschlag des siebten Buches von Joanna Fortaggi, dem vierten Buch von Jenna Fortuni, war nicht heiter. Es war auch nicht ernst. Es schaute geradeaus. Sein Blick war aufs Unendliche gerichtet oder auf die Linie des Horizonts, je nachdem wie die Moderatoren es zu beschreiben verstanden. Die Haut dieses Gesichts hatte etwas Strahlendes. Es war nicht Make-up. Die Beschaffenheit der Haut, oder der Häute, war sichtbar. Dieses Gesicht hatte eine Tiefe und einen ungewöhnlichen Reichtum aufgrund seiner beiden Hälften. Indes konnte man nicht sagen, es sei ein kompliziertes Gesicht. Seine Gesichtszüge waren einfach. Sie vereinten bloss mehr Parameter in sich als ein gängiges Gesicht. An den Stellen, an denen ein gewöhnliches Gesicht nur einen Ausdruck beinhaltet hätte, beinhaltete dieses zusammengefügte Gesicht zwei. Da, wo ein Gesicht zwei Ausdrücke beinhaltet hätte, beinhaltete dieses zusammengefügte Gesicht vier. Und so fort. Die Gesichtsausdrücke waren nicht vermischt, sie summierten sich. Das verlieh diesen Zügen eine phänomenale Komplexität. Von diesem Gesicht ging eine Faszination aus. Es sah aus, als würde es gleich aus dem Umschlag heraustreten.

Am Ende dieser Sendung waren Jenna Fortuni und Joanna Fortaggi verwirrt und aufgewühlt nach Hause zurückgekehrt. Sie hatten versucht, sich so zu verhalten wie gewohnt. Ihre Ehemänner hatten sie nicht mit den gewohnten Fragen empfangen. Jeder der beiden hatte sich die Sendung angeschaut, und jeder der beiden war betroffen gewesen von dem Gesicht, das man gezeigt hatte. Sie hatten Angst gehabt, sie würden ihre Frau nicht mehr wiedererkennen.

Jenna und Joanna hatten es beide kaum erwarten können, wieder allein zu sein, um sich in Ruhe ihr viertes und ihr siebtes Buch ansehen zu können. Und ihrem Mann, der sich ängstlich nach ihrer Verfassung erkundigte, hatten sie gesagt, es sei alles in Ordnung. Die Situation war unter Kontrolle. Sie wollten nicht auf Einzelheiten eingehen. Dafür hätten sie es schaffen müssen festzulegen, ob sie sich wütend, empört, begeistert, stimuliert, konsterniert, resigniert, zu Tode erschrocken oder bange fühlten. Im Augenblick hatten sie Besseres zu tun. Sie hatten beide das Bedürfnis, ihr neues Werk von nahem zu betrachten.

Joanna Fortaggi verkündete ihrer Familie, sie werde ein Bad nehmen. Sie zog sich im Bademantel mit dem Buch zurück. Der Schlüssel des Badezimmers drehte sich vier Mal im Schloss. Jenna Fortuni ihrerseits machte einfach die Tür ihres gemeinsamen Büros zu. Ihr Mann liess sie in Ruhe. Jenna beugte sich über ihr viertes Buch, während Joanna sich im Badezimmer ihr siebtes Buch genau ansah.

Das Gesicht auf dem Cover war einfach und schwierig zu identifizieren. Kaum erkannten sich Jenna und Joanna darauf, entwischte es ihnen auch schon. Jenna glaubte ihr Gesicht in der Linie der Augenbrauen zu erkennen. Doch in der nächsten Sekunde schienen es ihr die Augenbrauen einer anderen zu sein. Auch Joanna erkannte in dem Gesicht die Form ihrer Nase und ihrer Wangenknochen. Auch das verflüchtigte sich. Vor ihren, Joanna Fortaggis Augen, lag ein neues Gesicht, zugleich beweglich und starr. Das war das Faszinierende: Dieses Gesicht war ihr eigenes, Joanna Fortaggis Gesicht. Dann wurde dieses Gesicht zum Gesicht von Jenna Fortuni. Dann war dieses Gesicht zugleich ihr eigenes und Jenna Fortunis Gesicht. Doch plötzlich gehörte dieses Gesicht keiner von beiden. Es wurde ein grosses, anonymes und unpersönliches Gesicht, wie das Gesicht einer Statue. Voll und leer. Wirklich, unwirklich. Wahr und kalt. Das Gesicht von jemand Bestimmten, das doch das Gesicht von niemandem war. Im nächsten Augenblick nahm es wieder den Ausdruck von Joanna an.

Die Moderatoren, als äusserst sensible und der Sprache der Zeichen ergebene Menschen, reagierten bereits heftig auf diese Mehrdeutigkeit. Das Gesicht und das Buch brachten zahlreiche Fragen und Unsicherheiten mit sich. Die Moderatoren wussten nicht, ob sie sagen sollten, das Buch sei zugleich Jenna Fortunis viertes und Joanna Fortaggis siebtes Buch. Doch welche der beiden Romanautorinnen sollten sie als Erste erwähnen? Die Moderatoren wussten auch nicht, ob sie kurzen Prozess machen und das Buch als das erste Buch von Jenna Fortuni und Joanna Fortaggi bezeichnen sollten. Doch in diesem Fall, wiederum: Welche der beiden Schriftstellerinnen sollten sie als Erste nennen? Der Verleger von Radelpha hatte, um Rat gefragt, Schweigen bewahrt und sich jeder Anweisung enthalten.

Zwei oder drei skrupellose Moderatoren hatten bereits eine Lösung erfunden. Das erste Buch von …, das klang am besten. Alle wussten das doch. Es war die bequemste und verlockendste Art, welches Werk auch immer anzukündigen. So würden sich die Fernsehzuschauer nicht verheddern. Es war einfacher als zu sagen, viertes und siebtes zugleich. Dieselben Moderatoren neigten infolgedessen mehr und mehr dazu, sich zu versprechen und die beiden Namen miteinander zu verkoppeln. Der Name dieser neuen Autorin war: Joeanna Fortunaggi.


Auszug aus «L’Infini livre» von Noëlle Revaz, aus dem Französischen von Yla M. von Dach.

 

Zu Noëlle Revaz

Geboren 1968 in Vernayaz im Wallis. Noëlle Revaz ist Autorin von Romanen und Radio-Hörspielen. Seit 2007 unterrichtet sie am Schweizerischen Literaturinstitut und gehört dem Autorenkollektiv «Bern ist überall» an. Sie lebt in Biel. Mit jedem Roman wechselt sie ihren Stil, bleibt aber ihrem kritischen Blick auf die Gesellschaft und ihrem Humor treu. Auszeichnungen: 2002 Schillerpreis; 2003 Literaturpreis der Fondation Henri & Marcel Gaspoz; 2077 Preis der SSA; 2010 Prix Michel-Dentan; 2011 Prix Alpha der Kantone Bern und Jura; 2012 Prix Alpes Jura der ADELF; 2015 Schweizer Literaturpreis.

 

Zu «L’Infini livre»

Die Erzählung ist im Imperfekt geschrieben. Und es ist tatsächlich eine «unperfekte» Epoche, die Noëlle Revaz in ihrem Buch L’Infini Livre erfindet und beschreibt: Bücher werden in dieser Zeit zwar aufwendig verziert und gestaltet, sind aber auch zu blossen Hüllen geworden. Denn man öffnet sie nicht mehr, sondern kommentiert nur noch ihre Einbände in Fernsehsendungen. Zwei Romanautorinnen brillieren in dieser Kunst der Leere, werden berühmt und von allen beklatscht. Reicht ihnen das? Ein Roman von tiefschürfender Originalität, der auch eine eigenwillige Liebeserklärung an die Literatur ist. 

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»