L’Etat, c’est moi – et toi

Ich bin hier, der Staat ist dort. Ich bin gut, der Staat ist schlecht. So einfach ist es nicht. Selbst hartgesottene Staatsskeptiker hegen eine spezielle Liebe zum Staat.

«Vielen Dank, und auch Ihnen noch einen schönen Tag.» Dies wünschte ich jüngst einem Juristen des Zürcher Statthalteramts, nachdem dieser mir kurz zuvor erklärt hatte, dass die Bussverfügung über 321 Schweizer Franken gegen mich nicht fallengelassen würde. Mir wurde zur Last gelegt, zwei gebührenfreie Kehrichtsäcke verwendet zu haben. Obwohl ich eben um einen beträchtlichen Teil meines Studentenbudgets erleichtert worden war, verliess ich das Statthalteramt an diesem Tag mit durchaus positiven Gefühlen.

Knapp fünfunddreissig Jahre zuvor hielten Jan Erik Olsson und Clark Olofsson beim Geiseldrama am Norrmalmstorg während fünf Tagen vier Geiseln in einer Stockholmer Bank gefangen. Während deren Gefangenschaft, bei der die Opfer immer wieder um ihr Leben fürchteten, entwickelten diese ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Geiselnehmern – eine Reaktion, die seither als «Stockholm-Syndrom» bekannt ist, auch wenn die meisten Psychologen es nicht als eigenständiges Syndrom anerkennen.

Anhand der Reaktion der Opfer der Geiselnahme in Stockholm sowie meines Kniefalls vor dem Vertreter des Statthalteramts lässt sich illustrieren, dass viele Liberale oftmals ein falsches Bild von (politischer) Macht und dem Wesen moderner Staaten haben. Betrachten wir dafür zunächst, wie es überhaupt zu meinem Kniefall kam.

Es war einer dieser sommerlich-heissen Tage, der den Aktivisten Al Gore glücklich machen würde, als ich meinen Termin bei dem Juristen wahrnahm. Er hatte mich vorgeladen, weil ich um eine juristische Untersuchung der Busse gebeten hatte.

In den Räumen des Statthalteramts war es angenehm kühl. Der Jurist begrüsste mich freundlich und führte mich durch einen langen Gang in sein Büro, wo ich ihm gegenüber Platz nahm. Uns trennten zwei grosse Schreibtische, über die wir uns beide beugen mussten, als er mir Kopien der an mich adressierten Couverts zeigte, die offenbar in den zwei Kehrichtsäcken gefunden worden waren. Ich erklärte dem Juristen, dass ich nicht derjenige war, der die zwei Kehrichtsäcke entsorgt hatte, es müsse einer meiner WG-Mitbewohner gewesen sein.

Mit viel Verständnis ging der Jurist auf meine Erklärungen ein und meinte, ihm sei viel daran gelegen, einige Missverständnisse zu klären. Dies würde er nicht bei jeder Person tun. Er machte mich auf die Bedeutung der sachgerechten Müllentsorgung für das Wohl der Umwelt aufmerksam, das mich als jungen Bürger besonders stark betreffen würde. In meinem konkreten Fall sei der Punkt ferner, dass ich fahrlässig gehandelt habe. Ich hätte natürlich das Recht, eine Strafuntersuchung zu verlangen, aber der Richter würde wohl kaum auf mein Anliegen eingehen, und bei einer Niederlage vor Gericht hätte ich für die gesamten Gerichtskosten aufzukommen. Diese wären viel höher als die Busse. Es war ein bisschen wie bei einem dieser Polizeiverhöre, die man aus Hollywood-Filmen kennt: der freundliche Jurist als good cop, der unbekannte, mächtige Richter als bad cop.

Nach unserem kurzen Gespräch erklärte ich mich gerne bereit, auf die Strafuntersuchung zu verzichten und die Busse zu bezahlen. Ich war froh, dass mich der Ju rist über die Sachlage aufgeklärt hatte, bevor eine teure Strafuntersuchung gegen mich eingeleitet worden wäre. Er schien keinerlei böse Absichten zu hegen; es schien, als sei er von der Richtigkeit seiner Arbeit überzeugt und glaube, dass er mit seiner Arbeit seinen Anteil zum Schutz des Planeten leiste.

Ein aufrichtiger, warmherziger Staatsangestellter? Davon wollen die meisten liberalen Denker nichts wissen. In einigen klassischen Schriften charakterisieren sie den Staat als verschworene Räuberbande, die ihre unschuldigen Opfer gängelt. Etwas weniger abstrakt, aber dennoch sehr simpel ist das Bild, das heute viele staatskritische Europäer von den modernen Mini-Maximalstaaten haben. Spätestens seit dem oft zitierten Gang der 68er durch die Institutionen seien diese Staaten geführt von einer eng vernetzten Gruppe von Gutmenschen, die durch Sittenzerfall und Massenumverteilung das Erbe des Abendlandes und der Aufklärung zerstörten.

So attraktiv solche Ansichten auch sein mögen,…

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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