(1) Kunstraub – von Odysseus bis Saddam Hussein

Kunst als Objekt der Begierde, Kunstraub als Gegenstand der Reflexion: ausgehend von der griechischen und römischen Antike, führt uns eine erfahrene Archäologin auf einen ebenso vergnüglichen wie lehrreichen Streifzug durch die europäische Geschichte.

Bei den alten Griechen waren laut Gesetz alle Votivgegenstände, Statuen und anderen Weihgeschenke im Inneren eines Heiligtums Eigentum der jeweiligen Gottheit, dazu auch Haine, Obstgärten und anderer Landbesitz. Die Gottheit konnte – mit dem Tempel als Bank – sogar Darlehen geben und Zins erheben. Im allgemeinen wurden Heiligtümer und ihre Besitztümer von Kriegsgegnern respektiert, doch griechische Historiker kennen auch bemerkenswerte Beispiele von Raub und Plünderung. Der aus athenischer Sicht schlimmste Raub geschah durch die Perser im Gefolge der Invasion von 480/479 v.Chr.; auch während des Peloponnesischen Krieges im späteren 5. vorchristlichen Jahrhundert liessen Athener wie Spartaner den Respekt vor Heiligtümern gelegentlich vermissen. Bis zum Beginn der hellenistischen Epoche wurde es dann fast schon zur Gewohnheit, dass siegreiche Feldherren es als ihr gutes Recht betrachteten, beim Brandschatzen einer Stadt alles mitlaufen zu lassen, was ihnen begehrenswert erschien, und die Römer schlossen sich der Übung an. In den letzten zwei Jahrhunderten vor Christus landeten in Rom Unmengen griechischer Kunst aus griechischen Städten und Heiligtümern.

Als Archäologin habe ich selbst feststellen können, wie die Kriegszerstörungen in antiken Städten Spuren hinterliessen, die noch zweitausend Jahre später sichtbar sind. Im Verlauf unserer Ausgrabungen auf der Agora, dem zentralen athenischen Marktplatz, stiessen die Ausgräber vor ein paar Jahren auf eine mit Bauschutt durchsetzte Aschenschicht. «Dies sind ‹Sullas Trümmer› » erklärten wir Grabungsleiter trocken den Studenten, die das Graben besorgten – ein Bezug auf die Plünderung Athens durch den römischen Feldherrn Sulla 86 v.Chr. aus Rache, nachdem die Athener sich an der Seite des Königs Mithridates von Pontus gegen die Römer gestellt hatten. «Sullas Trümmer» fanden sich in verschiedenen Grabungsstätten des antiken Athen, und sie bestätigen literarische Berichte der Belagerung. Besonders bemerkenswert unter den Gegenständen, die Sulla abgeräumt haben soll, sind einige antike, Inschriften tragende Schilde aus dem Portikus des Zeus, ein berühmtes Gemälde von Zeuxis, einige Säulen vom Tempel des Zeus Olympios, die vielleicht dem Tempel des kapitolinischen Jupiter in Rom zugedacht waren, sowie die Bibliothek des Aristoteles.

Als wir weiterschaufelten, fanden wir mit Trümmern gefüllte Gruben – Anschauungsmaterial zu Herodots Beschreibung der Plünderung Athens durch die Perser 479 v.Chr. König Xerxes in Person war mit einer Flotte und einer riesigen Armee gekommen, um griechische Untaten in Kleinasien zu rächen und Griechenland in sein persisches Reich einzugliedern. Seine Kriegsleute brannten die Tempel auf der Akropolis nieder, zerschmetterten die Statuen und anderen Weihgeschenke und legten die gesamte Stadt unterhalb der Akropolis in Schutt und Asche. Von seiner Eroberung soll Xerxes mindestens vier athenische Statuen nach Hause in seine Hauptstadt Susa gebracht haben, darunter ein unter dem Namen «Tyrannenmörder» bekanntes Paar, das Harmodios und Aristogeiton darstellte. Die beiden hatten ein Mitglied einer autokratischen, im Athen des 6. vorchristlichen Jahrhunderts herrschenden Familie umgebracht und eine Volkserhebung ausgelöst, die zuletzt zur Einführung einer demokratischen Verfassung in Athen führte. Die Statuen bedeuteten für die Athener derart viel, dass sie ein neues Paar für die Agora in Auftrag gaben, sobald Xerxes aus Griechenland vertrieben war. Mehr als 150 Jahre später soll Alexander der Grosse – als Geste des Respekts vor Athen (das er kurz zuvor in seine Gewalt gebracht hatte) – die Originale aus dem persischen Palast nach Athen zurückgesandt haben. Dort standen sie im Herzen der Agora, zusammen mit ihren Ersatzstücken, während mindestens fünfhundert Jahren.

Die Sitte, besiegte Städte auszurauben, war im Nahen und Mittleren Osten damals schon seit langer Zeit weitverbreitet: aus dem Alten Testament hören wir von mindestens 17 Plünderungen des Tempels in Jerusalem im Verlauf vieler Jahrhunderte bis zu dessen endgültiger Zerstörung durch die Römer im Jahr 70 n.Chr. Zu den ältesten geraubten Gegenständen gehört die im Louvre befindliche Stele des Hammurabi mit Inschriften von Rechtssprüchen…

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