Kunstblasen und Kulturimperialismus

Richard Armstrong besuchte schon als Jugendlicher die New Yorker Museen – zunächst allerdings nur, weil sie an heissen Tagen klimatisierte Abkühlung versprachen. Heute sitzt der 62jährige an den Schalthebeln der Kulturindustrie und macht sich Gedanken über die Wechselwirkungen zwischen Kunst und Ökonomie.

Kunstblasen und Kulturimperialismus

Herr Armstrong, als Direktor der Guggenheim Foundation ist es Ihr erklärtes Ziel, mehr junge Menschen für die zeitgenössische Kunst zu begeistern. Von Ihnen stammt der Satz: «Die heutige Jugend weiss alles über Paris Hilton, aber nichts mehr über Paris.»

Der Satz war ziemlich respektlos von mir, nicht? (lacht) Ich wollte damit niemandem auf die Füsse treten, sondern bloss ein gern
gehörtes Klischee karikieren. Das ist falsch angekommen, aber die Jugend hat mir vergeben.

 

Sprechen wir also lieber über das «echte» Paris. Sie haben dort studiert und gelebt, in Montparnasse die letzten Jahre der «Bohème» miterlebt. Wie haben diese Künstler Ihr Kunstverständnis geprägt?

Wenn man es genau nimmt, war ich zwanzig Jahre zu spät dran. Viele der sogenannten Bohémiens hatten die Stadt 1968 schon verlassen. Und die, die noch dort waren, haben mich nicht sonderlich interessiert. Als junger Amerikaner hatte ich darüber hinaus kaum eine Möglichkeit, mit diesen Leuten in Kontakt zu kommen. Was mich aber in der Tat geprägt hat, war der allgegenwärtige Geist dieser Künstler.

 

Richard Armstrong, der Nostalgiker.

Ein Ort wie Paris trägt auch dann noch Spuren eines künstlerischen Zentrums, wenn es keines mehr ist. Dieser Geruch hat mich animiert, während ich für das Studium lernte. Ich zog aus dem Ort ein eigenartiges Wohlbefinden und fühlte mich überall, als würde ich über heiligen Boden laufen. Allerdings lief ich allein auf diesem Boden. Ich war nicht Teil einer Künstlergruppe oder ähnlichem. Ich war ja sogar zu arm, um bloss in Bars oder Cafés zu verkehren, in denen man die Künstler hätte treffen können. Sie können das als romantisches Werben meinerseits abtun – denn Paris hat es nie honoriert.

 

Sie haben also trotzdem eine Art bohémisches Leben geführt?

Ich würde mein Leben ins Paris nicht bohémisch nennen. Ich war einfach nur arm. Hinzu kommt, dass ich unfähig bin, mit sozialen und emotionalen Problemen spielerisch umzugehen. Ich wäre also auch bei bestem Willen kein richtiger Bohémien geworden.

 

Die Bohémiens meiner Generation verlegen sich ins Internet. Eine sogenannte «Digitale Bohème» glaubt, dass die neue Heimat von Arbeit, Kunst und Lifestyle das Netz ist, wo auch der Arbeitgeber, das Publikum und der Kunde warten…

…wir sollten bei aller Euphorie den Cyberspace nicht mit der Realität verwechseln. Das sind einfach verschiedene Dinge. Selbstverständlich kann man sich im Netz selbst verwirklichen, «in» sein oder sich als jemand völlig anderen ausgeben. Die Realität ist aber dreidimensional! Und Kreativität entsteht durch zwischenmenschlichen Abgleich. Als im 19. Jahrhundert der Begriff «Bohémien» geprägt wurde, entstand er aus der physischen Reibung der Künstler mit ihrer Umwelt – sprich: mit ihren direkten Nachbarn. Im Netz gibt es keine Tuchfühlung, es gibt keinen Geruch, keine direkte zwischenmenschliche Aufregung. Das ganze Chaos der richtigen Welt dorthin portieren zu können, ist mehr als unwahrscheinlich.

 

Wie portieren Sie denn die – mit ihren Strömungen und Ideen oft nicht minder chaotisch anmutende – zeitgenössische Kunst in Ihre Museen?

Meiner Meinung nach sind die besten Tage des «Guggenheims» diejenigen, an denen wir eine historische Synthese einer bestimmten Periode umfassend zeigen können – was andere in dieser Form eben nicht können, denn das «Guggenheim» in New York mit seiner Rampe wurde genau hierfür errichtet. Gewindeförmig steigt man durch eine bestimmte Periode oder Zeit, schraubt sich hinauf und hat dann oben einen Eindruck, den kein Lexikon der Welt bieten kann. Unser Job ist die Ausstellung des ganzen 20sten Jahrhunderts. Und nun auch des 21sten. Wir bekennen uns weltweit zur Kraft der Kunst.

 

Dieses Bekenntnis in Verbindung mit Ihrer weltweiten Präsenz
hat Ihnen aber auch schon den Vorwurf des Kulturimperialismus eingebracht…

Wer das behauptet, sollte sein Vokabular auf den…

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»