Kunst wie LSD

Der Künstler Kerim Seiler

Kunst wie LSD

«16:20 Einnahme der Substanz. 17:00 Beginnender Schwindel, Angstgefühl, Sehstörungen, Lähmungen, Lachreiz … Schon auf dem Heimweg mit dem Fahrrad … nahm mein Zustand bedrohliche Formen an. Alles in meinem Gesichtsfeld schwankte und war verzerrt wie in einem gekrümmten Spiegel. Auch hatte ich das Gefühl, mit dem Fahrrad nicht vom Fleck zu kommen … Meine Umgebung hatte sich nun in beängstigender Weise verwandelt … die vertrauten Gegenstände nahmen groteske, meist bedrohliche Formen an. Sie waren in dauernder Bewegung, wie belebt, wie von innerer Unruhe erfüllt. Die Nachbarsfrau … war nicht mehr Frau R., sondern eine bösartige, heimtückische Hexe mit einer farbigen Fratze … Kaleidoskopartig sich verändernd drangen bunte phantastische Gebilde auf mich ein, in Kreisen und Spiralen sich öffnend und wieder schliessend, in Farbfontänen zersprühend, sich neu ordnend und kreuzend, in ständigem Fluss.»

So die Eintragung Albert Hofmanns vom April 1943. Der Chemiker der Basler Sandoz AG hatte das einige Jahre zuvor von ihm entdeckte LSD in einem ersten Selbstversuch getestet. 65 Jahre später hängt das Molekül, so als ob es sich an sich selbst berauscht hätte, delirierend an einer Ecke des Flachdachs des Kunsthauses Zürich (siehe Titelblatt). Fast vierzehn Meter lang und an einem Ende lila gekleidet, wirkt es wie eine neckische Antwort auf das Atomium in Brüssel und die darin symbolisierte Zuversicht der Wissenschaften, dass es auf alles in der Welt eine eindeutige Erklärung geben müsse.

LSD hat eine bewegte Vergangenheit. Psychiater, Künstler, Wissenschafter, Intellektuelle und Hippies gehörten zu den ersten, die die bewusstseinserweiternde Droge genossen; zunehmend wurde sie auch von den Massen konsumiert. Flowerpower, die Beatles, die Frauenbewegung oder die Anti-Vietnam-Demonstrationen: ohne die psychedelische Substanz wären sie anders oder zumindest eintöniger gewesen. Den Regierungen war dies alles bald nicht mehr geheuer. 1966 wurde die Droge in den USA verboten, bald darauf auch in Europa. Der kollektive Rausch flachte mit den Jahren ab, LSD trat offiziell seinen Ruhestand an.

Dass die Welt nicht so ist, wie sie uns normalerweise erscheint, war ein Erlebnis, von dem die ersten Konsumenten enthusiastisch berichteten. Die Wirkung von LSD sei wie ein Blick in ein Mikroskop, beschrieb es in den vierziger Jahren ein Psychiater; man nehme niemals zuvor gesehene Dinge wahr. Und vielleicht ist genau dies das Geheimnis der Wirkung von Kunst und der Grund, warum wir von ihr nicht lassen können. Kunst als bewusstseinsverändernder Klick, der uns Wege über das Gewohnte hinaus weist, das uns Vertraute neu wahrnehmen lässt und Farbe in unseren Alltag bringt.

Der Schweizer Künstler Kerim Seiler produziert solche Kunst. Je grauer die Umgebung, desto leuchtender die Farbe seiner Installationen. Unter einer der vielen Brückenkreuzungen im Zufahrtsgewirr zu einem Einkaufszentrum explodieren aus dem Comic-Himmel gefallene weiss-gelb-rote Zackensterne, die öde Betonlandschaft spielerisch bedrohend.* Auf Flachdächern in Afrika und Amerika finden sich an Holzgerüsten befestigte grosse, rote Ringe, Stopschilder für Ausserirdische. Dazu passend kreuzen sich an anderen Orten neonfarbene Laserschwerter zu pyramidenartigen Strukturen.** Einige weisen direkt auf Alpha Centauri.

Auch die LSD-Raupe auf dem Kunsthaus stammt von Kerim Seiler. «Alice» hat er sie genannt, und er spielt auf ihre die Wahrnehmung irritierende Wirkung an, wenn er sagt: «In der Kunst ist vieles möglich, was sich nicht kategorial fassen lässt.» Kategorien bringen Ordnung in die Welt, sie geben unserer Wahrnehmung Anhaltspunkte, schaffen ein Korsett, damit die Vielzahl der Eindrücke uns nicht irrewerden lässt. Kategorien gruppieren, hierarchisieren und nehmen Vielfalt und Chaos in den Schwitzkasten. So lässt sich auch dort ein a vom b abgrenzen, wo sich eigentlich ein Kontinuum befindet. Und am Ende rastet unsere Sicht der Welt in nur eine der möglichen ein. Installationen wie Alice machen uns bewusst, dass noch viele andere Sichtweisen offenstehen könnten.

Ein Hochhaus auf dem Weg…

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