Kunst ist Krise

Venedig, alle zwei Jahre wieder: Jahrmarkt der Eitelkeiten. Während die Besitzer der am Pier ankernden Megayachten die Kunstpreise in die Höhe treiben, bieten zu ihren Füssen Strassenverkäufer gefälschte «Gucci»-Taschen, Sonnenbrillen, Selfiesticks und anderen Ramsch an. Längst sind Biennalen, und vor allem diejenige Venedigs, zum Durchlauferhitzer für den globalen Kunstmarkt geworden. Dem versucht sich dieses Jahr der nigerianische Chefkurator Okwui Enwezor zu widersetzen. Sein Credo: Ideen vor Ware! Was also stellt er aus? Die nahe Zukunft und – mehr noch – die Probleme unserer Welt.

Kunst ist Krise
Pier vor den Giardini der Biennale Venedig, photographiert von Johannes M. Hedinger

 

Die Hauptausstellung

Nach der gefeierten Ausgabe von 2013 lag die Latte hoch. Doch der Nigerianer Okwui Enwezor, Direktor des Hauses der Kunst München und 2002 Documenta-Leiter, vermag die Erwartungen weitgehend zu erfüllen. Mit über 20 Künstlern aus Afrika (so viele wie noch nie) wurde zudem der letzte Kontinent für den globalisierten Kunstbetrieb erschlossen. Mit Enwezor kehrt auch das Politische zurück in die Lagunenstadt. Seine Hauptausstellung «All the World’s Futures» könnte denn auch gut «All the Worldʼs Problems» heissen: sie thematisiert Flüchtlingskatastrophen, Klimawandel, Ausbeutung und Unterdrückung. Glücklicherweise wird die Welt aber nicht nur in Trümmern gezeigt – vier Aspekte, die aufgefallen sind:

 

Politik   

«Man kann Kunst und Politik nicht trennen»; um das auch für jeden klarzumachen, hat Enwezor im internationalen Pavillon zentral eine rote Bühne (Arena) für eine monumentale Marx-Lesung bauen lassen: Jeden Tag wird hier «Das Kapital» vorgelesen, 6 Tage die Woche, alle drei Bände. Am Ende der Biennale im November will man damit durch sein. Das ist zunächst recht trocken, will aber als Blaupause für eine Ausstellung mit 136 Künstlern aus 53 Ländern verstanden werden, deren Arbeiten sich oft mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen im Kapitalismus auseinandersetzen. Mit dem Goldenen Löwen wurde die US-Amerikanerin Adrian Piper ausgezeichnet, ein Aushängeschild der politisch engagierten Konzeptkunst. Der Silberne Löwe ging an einen vielversprechenden jungen Künstler aus Südkorea: Im Heung Soon, der in seiner Videoarbeit die Arbeitsbedingungen von Frauen in Asien aufgreift.

 

Musik

Auffallend musikalisch geht es zu: Gefängnissongs aus den 30er Jahren beim US-Amerikaner Jason Moran, Arbeiterlieder aus Zeiten der industriellen Revolution in England beim Briten Jeremy Deller und pathetische Gospelinszenierungen beim US-Amerikaner Theaster Gates. Die betörendste Soundarbeit stammt jedoch vom Nigerianer Emeka Ogboh, der in einem Turm am Ende des Arsenales das von Haydn komponierte Deutschlandlied singen lässt – von einem Berliner Afrogospelchor –, und zwar in 10 verschiedenen afrikanischen Sprachen. Überzeugender kann man das Thema Entwurzelung samt Kommentar zur vielerorts spürbaren Xenophobie nicht verpacken.

 

Partizipation

Eine verbindende Komponente vieler Arbeiten ist die Einladung zur Partizipation. Offene Kunstwerke, bei denen die Betrachter als Koproduzenten aktiv am künstlerischen Prozess beteiligt werden. Während bei Adrian Piper mittels Vertragsgesprächs zur Teilnahme an der Performance «The Probable Trust Registry» eingeladen wird, kann der Besucher bei Olaf Nicolai mit einem Audiorucksack durch die Biennale wandeln. Altmeister Hans Haacke ruft auf iPads zu einer Weltbefragung auf, und bei Carsten Höller darf man Karussell fahren. Die physischen Komponenten dieser Werke sind dabei nur Platzhalter für das, was sie auslösen und ermöglichen: die Prozesse, die Begegnungen mit sich und der Welt und die Aufforderung zum Engagement.

 

Überwältigung

Eine der stärksten Arbeiten der diesjährigen Biennale ist die dreiteilige Filminstallation «Vertigo Sea» (2015, 48 Min.) von John Akomfrah (Ghana). Geredet wird kaum, reduziert auch der Einsatz der Musik. Es wird ganz auf die Macht der Bilder gesetzt: kraftvolle, unglaublich schöne Bilder unseres Planeten in National-Geographic-HD-Qualität. Bilder von Walen, Fischen, Vogelschwärmen, Eisbären, Bergen, Fjorden und Nordlichtern. Aber auch Bilder des Schlachtens und Zerstörens. Der Film ist eine eindrückliche Meditation über unser Verhältnis zur Natur, funktioniert aber weitgehend ohne Belehrung und Moralisierung.

Ort: Internationaler Pavillon, Giardini und Arsenale, Dauer: bis 22.11.2015,

Web: www.labiennale.org

 

 

 

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