Kunst erlaufen

Ortsinterventionen von Andreas Kaiser

Kunst erlaufen

Am Freitag hasten die Menschen auf dem Weg zur Arbeit durch die baumelnden roten Stangen, ohne sie weiter zu beachten. Am Samstag laufen sie spielerisch durch den Parcours, bemüht, die Stangen nicht zu berühren. Am Sonntag werden die Reihen der Stangen bedächtig abgeschritten. Freitags bestenfalls ein Ärgernis, samstags eine willkommene Ablenkung, sonntags das Ziel des Familienspaziergangs: die Wahrnehmung von Kunst, hier wird es deutlich, ist wochentagsabhängig.

1996 erhielt Andreas Kaiser von der Stadt Münster den Auftrag, den Innenhof des Rathauses für drei Tage als Bühne für seine Kunst zu benutzen: er spannte ein Drahtnetz in rund zweieinhalb Metern Höhe über den 1’600 Quadratmeter grossen Platz und hängte eintausend leuchtend rote PVC-Stangen daran, Reihe neben Reihe, mit einem Abstand von rund dreissig Zentimetern. Fertig? War es das schon? Kommt darauf an. Denn fertig ist bisher nur die Installation, das Kunstwerk hingegen noch nicht. Die Kunst von Andreas Kaiser wird erst dann zur Kunst, wenn ihr Menschen begegnen. Vorher ist sie Kunst im Wartezustand. Haben die Menschen den Ort der Installation wieder verlassen, fällt sie in diesen Zustand zurück und harrt der erneuten Erlösung durch zufällig auf sie stossende Passanten oder sie gezielt suchende Interessenten.

Andreas Kaiser ist ein Installationskünstler, der von sich sagt, seine Arbeiten liessen sich nicht verstehen, sondern nur erleben. Eine Aussage, die erst einmal erleichternd wirkt, ist doch die zeitgenössische Kunst oft aufgrund des hohen intellektuellen Aufwands abschreckend, den man glaubt erbringen zu müssen, um sie zu verstehen. Allerdings ist die Aussage auch eine Herausforderung. Denn anders als etwa bei den so vertrauten Gemälden oder Skulpturen der klassischen Moderne, die wir nun schon bald ein Jahrhundert zuverlässig und unverändert in den Museen finden und die wir als vom Künstler abgeschlossene Werke geniessen können, verlangt die unabgeschlossene Installationskunst unseren körperlichen Einsatz. Die Stangen müssen umgangen, neue Wege müssen gefunden, die Kunst muss erlaufen ­werden.

Laufend neue Weg finden – das ist ein gemeinsamer Nenner vieler Kaiser-Installationen, die der Künstler auch als «ortsspezifische Interventionen» bezeichnet. Sein Ehrgeiz ist, mit seinen Interventionen historische, soziologische und politische Bezüge sichtbar zu machen, die wir – sei es durch allzugrosse Vertrautheit mit einem Ort, sei es, weil wir seine Vergangenheit nicht kennen – bisher nicht wahrgenommen haben. Fussgänger auf einem Marktplatz, Gäste eines ­Renaissanceschlosses, Besucher von Museumsräumen werden durch Gegenstände wie Flokatis, blaue Duschvorhänge, Tapeten mit Backsteindekor, Tauwerk, Stretchfolien oder eine von der Decke hängende Konzertflügelabdeckung halb gezwungen, halb verführt, gewohnte Wege zu verlassen, um auf diese Weise scheinbar bekannte Orte neu zu sehen – ein Prozess der subjektiven Aneignung durch den die Installa­tion zur Kunst wird.

Andreas Kaiser wäre allerdings nicht der Künstler, der er ist, würde er nicht seine Kunst gelegentlich aus der räumlichen und zeitlichen Gebundenheit befreien und sie neue Wege suchen lassen – und dann mäandert sie über alle Kontinente:

…nder in Südafrika zeichnen ihre eigenen Wohnhäuser. 300 Kinder in Australien formen nach diesen Zeichnungen faustgrosse Wohnhäuser und befestigen an jedem Hausboden einen Nylonfaden. Kopfüber werden die Häuser an dem Haken im Mittelpunkt der Welt aufgehängt. Die Kugel aus Häusern rundet sich weiter. 300 Kinder in Australien zeichnen ihre eigenen Wohnhäuser. 300 Kinder in Indien formen nach diesen Zeichnungen faustgrosse Wohnhäuser und befestigen an jedem Hausboden einen Nylonfaden. Kopfüber werd… (Fortsetzung auf Seite 50).

Andreas Kaiser (www.kaiserkunst.de) lebt und arbeitet in Köln. Abbildungen einiger ortsspezifischer sowie einer globalen Intervention finden sich auf den Seiten 9, 14, 32, 33, 39, 50 und 51 sowie dem Titelblatt und der Innenklappe.

Für neue Wege in Zürich interveniert Andreas Kaiser am 22. Januar 2008 ab 18.30 Uhr im «sirupspace» (www.sirup.no.com).

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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