Kunst erklären?

Ruft ein Gedicht, Gemälde oder Musikstück unser ratloses Kopfschütteln hervor, sind wir froh, wenn wir es erläutert und erklärt bekommen. Doch auch dann, wenn wir der Meinung sind, dass das Kunstwerk eigentlich für sich allein genug aussage und sein Reiz in der ihm eigenen Sprache liege, reden wir gerne über Kunst.

Elias Canetti erinnert sich in «Party im Blitz», wie er sich einmal dazu bereit erklärt hatte, mit einem Engländer – wie er sich ausdrückt – «Hölderlin zu treiben»: «Ich tat, was ich unter allen Dingen auf der Welt am wenigsten mag: ich versuchte ihm das Gedicht zu erklären. […] Ich schämte mich keinen Augenblick. Ich habe dem Dichter keine Abbitte geleistet, wie ich es sonst für jede Erklärung täte.»

Der Erklärung von Kunstwerken, von Gedichten, Bildern und Musikstücken, haftet etwas Unwürdiges und Unanständiges an. Unwürdig ist die Erklärung, weil sie einer eigentümlichen subjektiven Lebensäusserung des Menschen, dem Kunstgenuss, mit objektiven Argumenten aufhelfen will, die sich dazu noch auf ein angebliches Objekt beziehen. Denn in Wahrheit macht die Erklärung das Kunstwerk erst zum Objekt und entkleidet dieses seines hermetischen Schutzes. Unanständig ist Erklärung, weil sie Verrat übt, am Werk selber, aber auch am Autor; denn sie gibt vor, ein Versteck zu verraten und ein Verstecktes, und stellt damit auch den bloss, der da versteckt haben soll. Verrat bringt Licht ins Dunkel, oder vielmehr: verratende Erklärung versetzt erst ins Dunkle, was sie vorgibt aufzuhellen, aus dem Dunkel zu lösen. Erklärung erklärt ihren Gegenstand zum Versteck, um daraus Schätze zu heben, eigene Schätze. Sollten daher nur Kunstfreunde einander gegenseitig auf diese und jene Schönheit in einem Werk hinweisen, um eine gemeinsame Aufmerksamkeit zu schärfen, alle weitergehenden Erklärungen jedoch unterlassen werden?

Doch wer hätte Canetti nicht zuhören, von der Sternstunde profitieren wollen, als er «Hölderlin trieb»! Mindestens seit Platon wird die Sache der Kunst verhandelt. Die Welt ist voll von Exegese und Exegese der Exegese. Nicht nur betreibt sich so das akademische Geschäft, sondern es besteht ganz offensichtlich – gerade auch unter den schätzenswertesten Liebhabern von Kunst – ein eminentes Bedürfnis nach Kommentaren und Kursen, Führungen und Einführungen sowie nach feierlichen Würdigungen. Das Bedürfnis nach Erklärungen scheint so gross zu sein, dass man meinen sollte, seine Stillung selber gehöre zur Kunst, das heisst, dass es Kunst ohne deren ständiges Bereden gar nicht geben könne. Wie legitim ist also das Erklären von Kunst?

Geschmack ist gesellschaftlich vermittelt

Die Existenz einer Soziologie und Historie von der Art und Weise, wie wir ästhetische und moralische Urteile fällen, zeigt, dass solche Werturteile gesellschaftlich vermittelt sind. Dies, obschon wir eigentlich glauben, diese entstammten dem unmittelbaren subjektiven Empfinden und jene entsprächen absoluten Vorgaben. Es geht um «vermittelte Unmittelbarkeit» (so eines der drei anthropologischen Grundgesetze Helmuth Plessners), die Intersubjektivität konstituiert. Obschon wir in unseren ästhetischen Werturteilen, objektiv gesehen, gesellschaftlichen Mustern folgen, bleibt unser Empfinden, das eben gleicherweise subjektiv und intersubjektiv vermittelt ist, dennoch ursprünglich echt und wahr. Ebenso sind die moralischen Werturteile, sobald sie unsere konkrete Lebenssituation angehen, sicher gesellschaftlich vermittelt und relativ, dessenungeachtet orientieren sie sich am absoluten Begriff des Guten. Deshalb sind Geschmacksbildung und Schärfung des moralischen Gewissens sowohl ein persönliches wie auch ein kulturelles Anliegen. Auf jene bezogen, beweist dies sogar noch unsere moderne Kulturindustrie, die zwar Geschmack zur reinen Privatsache erklärt, gleichzeitig und paradoxerweise aber Mittel von der öffentlichen Hand verlangt, indem sie auf ihre kulturtragende Funktion verweist.

Es empfiehlt sich mit Hans-Georg Gadamer, den ästhetischen Geschmack in die Nähe des allgemeinen Geschmackssinns zu rücken und festzustellen, dass auch er, als ein Sinn begriffen, die Eigenart hat, darauf aus zu sein, das zu vermeiden, was ihn beleidigen, verletzen würde. Er ist also die Intuition, die sicher das Geschmacklose vermeidet. Das Gegenteil von «einen guten Geschmack haben» wäre demnach nicht «einen schlechten», sondern «keinen Geschmack haben», wie Gadamer in «Wahrheit und Methode» feststellt. Die Tatsache der Geschmacksbildung spricht allerdings nicht für einen Wertrelativismus im Sinne von «de gustibus non…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»