Kulturrevolutiönli

Von Mao Zedong bis Pius Knüsel: Satiriker Viktor Giacobbo über Macht und Machtmissbrauch in Politik, Wirtschaft und Kultur. Und über einige andere Dinge, die damit nur bedingt zu tun haben.

Kulturrevolutiönli

Herr Giacobbo: Pro-Helvetia-Direktor Pius Knüsel hat kürzlich die «Halbierung der Subventionskultur» laut angedacht. Was halten Sie als Leiter einer Kulturinstitution von seiner Idee?
Ganz unrecht hat er nicht. Automatisierte Kultursubventionen, deren Zweck nicht von Zeit zu Zeit hinterfragt wird, führen zu künstlerischer wie ökonomischer Trägheit.

Ein Beispiel, bitte.
Wenn im Zürcher Opernhaus das Bühnenbild nicht funktioniert, dann wird einfach ein neues produziert. Der Geldsegen, der dem Opernhaus jedes Jahr vom Staat zuteil wird, verleitet ja geradezu dazu. Ich will die beiden Institutionen nicht im Detail miteinander vergleichen – aber mit der Portokasse des Opernhauses stellen wir im Casinotheater eine ganze Produktion auf die Beine. Wenn unser Budget nicht reicht, müssen die Künstler eben auf eine ausgefallene Idee kommen, künstlerisch innovativ sein. Andersherum gilt aber auch: Es gibt Kunstformen in der Schweiz, die ohne Subventionen nicht überleben würden. Wenn man einen Schweizer Spiel­film machen will, ist der Markt hierfür so klein, dass sich das in den seltensten Fällen rechnet.

Zugestanden. Das ganz grosse Popcornkino wird hierzulande aber ohnehin niemand produzieren wollen. Für die Blockbuster gibt es Hollywood, und wer es etwas kleiner haben will, geht nach Babelsberg. Die teuren Experimente mit dem «Tatort» haben gezeigt, dass man das Filmschaffen vielleicht besser den anderen überlässt, statt auf Teufel komm raus mitzumischen.
Das kann man so sehen – ich sehe es noch etwas anders: Es gibt auch in der Schweiz ein paar clevere Leute, die mit knappem Budget grosse Erfolge erzielen. Zum Beispiel «Der Sandmann» von Peter Luisi. Das dünne Finanzpolster hat das Team durch Ideen ersetzt – und natürlich durch das gekonnte Erzählen einer grotesk-schönen Geschichte. Die technischen Voraussetzungen beim Film sind heute tatsächlich so, dass man auch sehr günstig produzieren kann. Wenn die Kulturförderung einen Teil dazu beitragen kann, so soll sie das auch tun!

Also doch! Vertritt Kulturunternehmer Giacobbo also auch die etablierte Meinung, dass der Fokus auf eine grosse Anzahl zahlender Zuschauer oder Zuhörer gleichzeitig die Qualität herabsetze? Unabhängigkeit von privaten Geldern, so sagt man, sorgt erst für die richtige Qualität.
Das habe ich nicht gesagt! Und das wäre auch ein Trugschluss. Ausserdem verstehe ich mich nicht als Kulturunternehmer, ich bin Satiremacher, am TV als freier Mitarbeiter und im Casinotheater einer von mehreren, der gute Produktionsbedingungen organisiert. Aber zu Ihrer Frage: Wer sich im Kulturbetrieb umsieht, wird feststellen, dass private, finanziell erfolgreiche Kulturkonzepte qualitativ nicht schlechter sind als staatlich subventionierte. Und öffentlich subventioniert heisst noch lang nicht unabhängig. Wenn in einem traditionellen Stadttheater eine provokative Inszenierung aufgeführt wird, dann hört man doch schnell einen zornigen Politiker rufen: «Und das mit unseren Steuergeldern!» Das Pendant im Fernsehen lautet: «Und das mit unseren Gebührengeldern!» Wer mit öffentlichen Geldern produziert, ist immer der in­stitutionalisierten Öffentlichkeit oder, banal formuliert, den Lokalpolitikern Rechenschaft schuldig.

Redlicherweise muss man konstatieren: Finanziell unabhängig ist der Künstler egal welchen Metiers nie. Trotzdem: auch private Investoren können Einfluss auf das entstehende Kulturgut ausüben.
Das kommt immer auf die Partner und Vorzeichen an. Weil wir im Casinotheater keine Subventionen kriegen, kann uns auch niemand von der Politik dreinreden. Und wir haben unsere Sponsoren von Anfang an so konditioniert, dass sie damit rechnen müssen, selber zur Satirezielscheibe zu werden.

Ihre Sponsoren hätten an dieser Stelle auch keine andere Antwort hören wollen.
Keine Ahnung, was die hören wollen. Die kriegen aber – genau wie Sie – das zu hören, was den Tatsachen entspricht. Wenn unsere Partner damit nicht einverstanden wären, würden sie ja unser Haus nicht unterstützen. Unsere Position ist eindeutig: Sowohl bei uns in der Sendung als auch im Casino geniessen die Geldgeber keine Satireverschonung. Das Theater existiert jetzt seit zehn Jahren, und es hat noch nie einen Sponsor gegeben, der uns Vorschriften gemacht hätte. Kritik ist okay, aber dreinreden? Das liegt nicht drin.

Das kann ich kaum glauben.
Das ist Ihr Problem.

Dann haben Sie sehr emanzipierte Sponsoren.
Nein, wir haben clevere Sponsoren, die wissen, dass man mit einem Kleinkunsttheater nicht dieselbe Partnerschaft pflegt wie mit einem Fussballverein.

Verdienen oder verlieren Sie nun Geld mit dem Theater?
Das Casinotheater ist ein KMU. Es läuft gut, weil das Restaurant und der Eventbetrieb selbsttragend sind. Auch erfolgreiche Theaterproduktionen tragen einen Teil dazu bei. Reich wird man aber damit nicht. Wir sind jeweils froh, wenn wir das Jahr mit einer schwarzen Null abschliessen. Theatermachen ist teuer, auch wenn von der Gastronomie noch etwas quersubventioniert wird. Wir produzieren pro Jahr zwei bis drei Theaterinszenierungen, für die jeweils ein bis zwei Monate geprobt wird – und in der Zeit kommt mit der Bühne kein einziger Franken rein. Für diese «Ausfallzeit» haben wir Sponsoren und einen wohlgesinnten Freundeskreis, ganz öffentlich und transparent.

Trotzdem kursieren seit Jahren die Gerüchte um Sie als «Kabarett-Paten», der sich da eine Goldgrube geschaffen hat.
Gerüchte sind das nicht, sondern nur ewiggleiche Fragen der Journalisten. Der Gag des Paten ist offensichtlich rechercheresistent! Ich wäre der weltweit dümmste Mafiaboss, weil ich nicht persönlich möglichst viel Geld aus dem Casinotheater raushole, sondern im Gegenteil dort mein halbes Vermögen investiert habe – das ich wohl nie wiedersehen werde, nebenbei bemerkt.

Es sind auch Künstler, die dieses Gerücht streuen…
Natürlich, das sind ein paar wenige Beleidigte, die bei uns nicht auftreten, weil unsere künstlerische Leitung – und das bin nicht ich – deren Qualität ungenügend findet. Wir versuchen, mit unserer Programmation das ganze Spektrum abzudecken. Niemand nimmt Nachwuchsförderung so ernst wie wir, wenn wir junge Künstler ihre Uraufführungen und Premieren bei uns durchführen lassen und wir gleichzeitig auch das Risiko übernehmen. Es gibt aber für ein Gastspieltheater auch eine Unabhängigkeit gegenüber Künstlern und deren Agenten – und wenn da meine Rolle des Mafiabosses hilft, übernehme ich diese Knattercharge gern.

Stichwort Machtmissbrauch: Sie hegten einige Zeit Sympathien für Mao Zedong, nicht?
Zu Zeiten des kleinen roten Büchleins, meinen Sie? (lacht) Jaja, ich wurde im berühmten Jahr 1968 politisiert, war damals ziemlich chinafreundlich und einer der Jüngsten in einer linken Winterthurer Gruppierung, die sich «Kritisches Forum» nannte. Bis die Fronten ideologisch so grotesk verhärtet waren, dass ich ausgetreten bin.

Da wurden von ein paar Winterthurer Spass-Trotzkisten unter anderem Balkons von Luxuswohnungen abgesprengt…
Nein, wir haben nie etwas gesprengt. Streiche gespielt, sicher. Aber von Gewalt habe ich nie etwas gehalten. Wer hat Ihnen denn das erzählt?

Das Geheimnis bleibt in der Familie. Was ich aber verraten kann: Auch mit Peter Stamm habe ich kürzlich über seine «wilden Jahre» gesprochen. Der geht mit seiner Jugendrebellion ganz gelassen um.
Das geht mir genauso. Ich bin sogar dankbar für diese Zeit; sie hat mich und meinen Zugang zur Politik geprägt. In keiner Schule wurde man so in abstraktes Denken eingeführt wie während der Diskussionsrunden in der Gruppe. Ich lernte dort, Theorie zu lesen und zu verstehen. Wir haben das ganze «Kapital» von Marx gelesen, diskutiert, besprochen. Es gab dann noch viel verstiegene neomarxistische Theorie, die wir büffelten, und langsam wurde das Ganze ziemlich dröge und ideologisiert – die ganze anfängliche kreative Debattierfreudigkeit war dahin.

Theorie schön und gut – die «rote» Praxis in China oder in der UdSSR musste doch jeden klardenkenden Menschen stutzig machen?
Ja, offenbar habe ich später als andere klar zu denken begonnen. Als ich damals merkte, dass es ideologisch engmaschiger zu werden begann, wurde ich auch nachdenklich. Josef Stalin wollte ich nämlich nie zu meinen ideologischen Referenzen zählen, auch Mao Zedong schrieb ich nach anfänglicher Euphorie rasch ab. Trotzdem habe ich mir aber die Mühe gemacht, die entsprechenden Bücher zu lesen, zumindest jeweils einen Teil davon. Bis ich feststellte, dass vernünftige junge Leute aus meinem direkten Umfeld in eine Art ideologischen Strudel hineingerieten: Sie glaubten irgendwann, die ganze Welt erklären zu können. Ich habe plötzlich gemerkt: Ich könnte die ganze Welt erklären. Und ich hatte für alles eine Schublade…

…wer so umfassend zu wissen und zu verstehen glaubt, sitzt in erhöhter Position auf dem selbsternannten «Richterstuhl der Vernunft». Wieso sind Sie von diesem bequemen Platz heruntergestiegen?
Das war kein bequemer Platz. Wer auf alles und jedes eine passende Antwort hat, ist kein Genie, sondern ein Sektierer. Es ist erschreckend, wenn man mit 25 feststellt, dass man offenbar selbst einer ist. Kürzlich habe ich die Stalinismus-Bücher von Simon Sebag Montefiore und von Jörg Baberowski gelesen – und bin nochmals erschrocken, zu welchen Absurditäten totalitäre Systeme fähig sind. Wer einmal ideologisch gefangen war, erkennt umso besser, was es bedeutet, frei zu denken

Da sind Sie der perfekte Kandidat für die Deutung der Gegenwart: Wie steht es heute um die Freiheit in der Schweiz?
Darauf kann man nur mit Allgemeinplätzen antworten. Etwa, dass die Schweiz trotz allem noch eines der freiesten Länder der Welt ist. Zufrieden?

Deutlicher, bitte. Ich würde jetzt gerne eine Moralpredigt von Ihnen hören.
Da gibt es viele Schwurbler vom Dienst, bei denen Sie bezüglich Moral mehr auf Ihre Rechnung kommen. Ausserdem eigne ich mich weder als Prediger noch als Lehrer – generell bin ich sowieso didaktisch nicht zu gebrauchen.

Ich habe gehört, dass Sie ein sehr freiheitlich denkender Mensch seien. Aber wenn Sie jetzt Klartext reden, dann vergraulen Sie Ihre Kulturkollegen. Also schweigen Sie lieber.
Jetzt beginnen aber Sie zu schwurbeln – ich vergraule doch nichts lieber als die eigene Szene. In unserer Sendung lassen wir auch das eigene Unternehmen, ja sogar uns selber nicht aus.

Es macht Ihnen also Spass, den Leuten auf die Füsse zu treten?
Dem Gaddafi bin ich stets gern auf die Füsse getreten. (lacht) Ich gehe aber nicht generell davon aus, dass ich jemandem auf den Zehen stehen muss – um mich an meiner Arbeit erfreuen zu können. Ich artikuliere bloss meine Meinung und freue mich an ihrer Reichweite. Im Satiregeschäft muss man eine Neigung dazu haben, sich äussern zu wollen – und natürlich einen Standpunkt, von dem aus man das tut. Allerdings: ohne Lust an einem gewissen Klamauk oder ohne Lust am Kindischsein geht es auch nicht.

Wie sieht denn Ihr Standpunkt heute aus?
Der Standpunkt bin ich selber. Das, was ich je nach Thema gut oder schlecht finde. Ich fühle mich freier, wenn ich mir ganz pragmatisch eine Meinung zu den diversen aktuellen Fragen bilde, statt mich einem selber gebastelten Überbau unterzuordnen oder mich einer eng definierten parteipolitischen Linie anzuschliessen. Dies macht mich auch in einem satirischen Talk lockerer und ich kann dort auch zuweilen eine Pointe über meine eigenen politischen Positionen machen. Mike Müller und ich, wir finden unsere Positionen bei aufkommenden politischen Sachfragen nicht auf einer Agenda. Wir sind nicht an eine Partei oder ein Milieu gebunden. Was wir komisch finden, bringen wir ins Programm.

Auch wenn es ein Teil des Publikums nicht lustig findet?
Jeder Komiker wird von einem Teil des Publikums als nicht lustig bezeichnet. Komik ist immer Geschmackssache und wird das auch bleiben. Wenn wir beginnen würden, alles durchzuplanen, auszutarieren und zu testen, hätten wir schon verloren. Das schönste Kompliment für einen Politsatiriker ist aber, wenn er über die Komik Menschen überzeugen kann, sich für Politik überhaupt zu interessieren. Egal, auf welche Partei man abfährt, es gilt immer noch die alte schöne Banalität: Wer nicht Politik macht, mit dem wird Politik gemacht.

Das ist jetzt aber wieder so schön brav gesagt, wie in der Schule. Wenn jemand nicht zufrieden ist mit der Politik, dann erinnern Sie ihn einfach freundlich daran, dass er in der schönsten aller Welten lebt?
Diese Schule hätte ich besuchen wollen, in der so gesprochen wird…

…wieso machen Sie es nicht wie Beppe Grillo in Italien und werden Politiker? Das wäre doch ein schöner Beitrag zu unserer Debattenkultur.
Zum einen bin ich nicht Beppe Grillo, der in Italien besser Komiker bleiben würde, weil er nämlich in der Politik auf Granit beissen und so seinen Einfluss auf die Leute verlieren wird. Zum andern bin ich ganz sicher nicht konkordanzkompatibel.

«Der Entkalker fürs Hirn:
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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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