(0) Kulturförderung

Ovid hat jenes goldene Zeitalter besungen, in dem die Menschen spontan und ohne Gesetze Treu und Redlichkeit übten und in dem «bewirtschaften» und «kultivieren» noch mit demselben Wort «colere» bezeichnet werden konnten, von dem auch «cultura» abgeleitet ist. Heute erscheinen Wirtschaft und Kultur im öffentlichen Bewusstsein oft sogar als Gegensätze, und die Meinung ist weit verbreitet, dass es den Staat als notwendigen Vermittler brauche, um über Steuerhoheit und Zwangsmonopol von der grundsätzlich materialistischen Wirtschaft jene Mittel zu extrahieren, die es zur Erhaltung und Förderung der Kultur brauche.

Im Dossier dieses Heftes zum Thema private und öffentliche Kulturförderung geht es um das subtile Dreiecksverhältnis von Kultur, Wirtschaft und Staat, das in der Schweiz gegenwärtig im Zusammenhang mit der diesbezüglichen Gesetzgebung Gegenstand der öffentlichen Debatte ist und kürzlich an Veranstaltungen in Basel und Zürich anhand von kontroversen Einleitungsreferaten diskutiert wurde. Die Antwort auf die Frage «Wieviel Staat braucht bzw. erträgt die Kultur?» bleibt offen. Das Subsidiaritätsprinzip verlagert die Kontroverse lediglich, in die Auslegung dessen, was jeweils «notwendig» und was «möglich» sei – ein weites Feld, auf dem sich Staatsskeptiker und Staatsgläubige jeder Couleur mit vielfältigen Argumenten bekämpfen. Interessanterweise kommt es heute zu einer eher unerwarteten neuen Situation, weil sich in der Kultur selbst Entwicklungen abspielen, die Kultur und Wirtschaft auch ohne Vermittlung des Staates wieder in einen engeren Zusammenhang bringen.

Eine auf Dienstleistungen basierende Wirtschaft sucht im eigenen Interesse die Nähe der Kultur, und eine unverkrampft mit dem Alltag verbundene Kultur deutet die wirtschaftlich erfolgreiche Lancierung auch als Bestandteil der schöpferischen «Performance». Kulturwirtschaft ist eine boomende Branche, bei der staatliche Interventionen möglicherweise mehr schaden als nützen. Die klassische Kulturpolitik könnte sich angesichts dieser Entwicklung wieder vermehrt auf die Pflege des kulturellen Erbes konzentrieren, ohne sich in den Wettbewerb um die Gunst des Publikums einzumischen, der – wenn überhaupt politisch – eher Gegenstand der Standorts- und Wirtschaftspolitik ist. Ob die beschriebene Annäherung nun zu einer Kultivierung der Ökonomie oder zu einer Ökonomisierung der Kultur oder zu neuen Mischformen führt, bleibt offen. Es wäre allerdings noch verfrüht, bereits ein neues goldenes Zeitalter anzukünden.

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