Kult und Frucht

Mit seiner Liebeserklärung an die Olive befindet sich Ralph Dutli in bester Gesellschaft. Schon Homer, Ovid und Vergil rühmten die Fruchtbarkeit und Langlebigkeit des Baumes, der den Griechen als heilig galt. Sein Holz war ausschliess-lich der Herstellung von Götterstatuen und dem Tempelbau vorbehalten, und wer gedankenlos einen Olivenbaum abholzte, konnte mit Exil oder gar dem Tod bestraft werden. Tatsächlich steht die Olive, der Mythologie nach ein Geschenk der Göttin Athene, am Beginn der Kultur des Mittelmeerraums, die ohne die Verbreitung und Kultivierung der Olive undenkbar ist. Von Kreta, dem Ursprungsort der Olivenwirtschaft, reichte ein weitgesponnenes Handelsnetz bis Ägypten, an die Krim und die französische Mittelmeerküste. Auch die Römer förderten den Ölbaumanbau in ihren Provinzen; doch bildete der Lebensraum der Olive eine natürliche Grenze für die Expansion des römischen Imperiums. Nach Dutli wäre kein richtiger Römer auf die Idee gekommen, sich in einem Land niederzulassen, in dem Rebe und Olive, Inbegriffe des guten Lebens, nicht gediehen. Zugleich mag die Sehnsucht nach einem guten Leben der geheime Grund dafür sein, dass das Lob der Olive in der europäischen Dichtung bis heute seinen festen Platz hat. Ob Rilke, García Lorca oder René Char – ihnen allen war die Olive ein Symbol des Glücks und der Lebensfülle. Die Franzosen haben dafür sogar eine eigene Redewendung: avoir l’olivier bedeutet schlicht Glückhaben oder ein Glückskind sein. Eine der schönsten Anekdoten zur Wertschätzung der Olive ist die vom Tod des englischen Schriftstellers Somerset Maugham, der mit einer Olive in der Hand im Sessel gestorben sein soll, sich hinüberträumend in ein mediterranes Paradies.

Ralph Dutli ist allerdings Realist genug, diese Geschichte dem Reich der Legende zuzuschlagen, und verwahrt sich auch sonst gegen jede Form von Olivenkitsch. Dafür sorgt allein schon ein ernüchternder Exkurs zu den Produktionsmethoden der Ölindustrie, die der Olive mit Beizmitteln, chemischen Zusatzstoffen und synthetischen Raffinierungsverfahren zu Leibe rückt und dem Ergebnis ihrer Panscherei obendrein noch den Stempel extra vergine aufdrückt. Wundern darf man sich darüber nicht. Mit einem Erntevolumen von jährlich zehn Millionen Tonnen ist die Olive kein ökologisches Nischenprodukt, sondern ein höchst profitabler Industriezweig.

Der alte Zauber der Olive ist noch am ehesten im klangvollen Alphabet ihrer Namen aufgehoben, von der spanischen Arbequina bis zur französischen Blanquette und der griechischen Koroneiki. Die kann man sich, ganz ohne schädliche Nebenwirkungen, auf der Zunge zergehen lassen.

Ralph Dutli: «Liebe Olive. Eine kleine Kultur-geschichte». Zürich: Ammann, 2009

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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